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10. Mai 2012, 20:12 Uhr

Urheberrechtskampagne

1500 Künstler gegen Gier und Geiz

Mario Adorf, Charlotte Roche, Daniel Kehlmann und andere prominente Künstler warnen in einem offenen Brief vor der Abschaffung des Urheberrechts. Binnen kurzem haben sich ihnen mehr als 1400 Kollegen angeschlossen. Die Kampagne ist eine Reaktion auf die Erfolge der Piratenpartei.

Hamburg - Hundert prominente Künstler haben als Erstunterzeichner einen Aufruf zur Stärkung des Urheberrechts veröffentlicht. In dem am Donnerstag von der Wochenzeitung "Die Zeit" und im Internet unter der Adresse wir-sind-die-urheber.de veröffentlichten Aufruf wird das Umgehen des Urheberrechts durch Internetnutzer von den Künstlern als "Diebstahl" angegriffen. "Mit Sorge und Unverständnis verfolgen wir als Autoren und Künstler die öffentlichen Angriffe auf das Urheberrecht", lautet der erste Satz der Erklärung.

Koordiniert hat die Veröffentlichung des Appells der Literaturagent Matthias Landwehr. Seinen Angaben zufolge haben inzwischen mehr als 1500 Künstler und Wissenschaftler den Aufruf unterzeichnet. Am Donnerstagabend waren die Namen von mehr als tausend Unterzeichnern unter der von Matthias Landwehr Anfang Mai registrierten Web-Adresse veröffentlicht. Darunter sind bekannte und weniger bekannte Namen von Drehbuchautoren, Schriftstellern, Fotografen, Illustratoren und Regisseuren. Koordinator Landwehr sagte FAZ.net, unter den Unterzeichnern seien auch Künstler, die "von ihrer Arbeit (noch) nicht leben können".

Zu den 100 Erstunterzeichnern zählen Mario Adorf, Charlotte Roche, Daniel Kehlmann, Roger Willemsen, Uwe Tellkamp, Elke Heidenreich, Andrea Maria Schenkel, Axel Hacke, Helmut Dietl, Martin Walser, Charlotte Link, Frank Schätzing und Sven Regener.

"Historische Errungenschaft bürgerlicher Freiheit"

In dem Aufruf heißt es, das Urheberrecht sei eine "historische Errungenschaft bürgerlicher Freiheit" und die "materielle Basis für individuelles geistiges Schaffen". Der Aufruf richtet sich gegen das Argument, dass es einen Interessengegensatz zwischen den eigentlichen Urhebern kreativer Werke und den sogenannten Verwertern gebe, also etwa Verlagen, Plattenfirmen und Verwertungsgesellschaften wie der Gema.

Sven Regener, Schriftsteller und Sänger der Band Element of Crime, hatte im März mit einem Wutausbruch in einem Radiointerview den Reigen jener eröffnet, die sich von einer vermeintlich drohenden Abschaffung des Urheberrechts in ihrer Existenz bedroht sehen. Mittlerweile nimmt der Protest kampagnenhafte Züge an - vor kurzem ließen sich Krimi-Autoren als nackte Leichen fotografieren, bedroht von einem messerschwingenden Mann mit Guy-Fawkes-Maske, einem Symbol der Internetguerilla Anonymous.

Zuvor hatten 50 Autoren, die ihr Geld unter anderem mit Drehbüchern für die in den öffentlich-rechtlichen Sendern der ARD ausgestrahlten "Tatort"-Kriminalfilmen verdienen, ihrerseits in einem offenen Brief der Piratenpartei und der "Netzgemeinde" "Demagogie" und "Lebenslügen" vorgeworfen. Die "vermeintlich unschuldigen User" wollten sich in Wahrheit nur die "allerallerneuesten Filme, Musiken, Bücher, Fotos und Designs" illegal herunterladen. Auch im "Handelsblatt" erschienen Stellungnahmen diverser Künstler unter der Überschrift "Mein Kopf gehört mir".

In dem neuen Aufruf wenden sich die prominenten Künstler gegen das Argument, Künstler seien als Urheber durch das Internet nicht mehr auf Verwerter wie etwa Plattenlabels oder Verlage angewiesen. Diese Darstellung entwerfe ein abwegiges Bild der Arbeitswelt von Künstlern. "In einer arbeitsteiligen Gesellschaft geben Künstler die Vermarktung ihrer Werke in die Hände von Verlagen, Galerien, Produzenten oder Verwertungsgesellschaften, wenn diese ihre Interessen bestmöglich vertreten und verteidigen." Gleichzeitig griffen die Unterzeichner die Mentalität an, die hinter illegalen Downloads stecke. "Die neuen Realitäten der Digitalisierung und des Internets sind kein Grund, den profanen Diebstahl geistigen Eigentums zu rechtfertigen oder gar seine Legalisierung zu fordern." Im Gegenteil müsse der Schutz des Urheberrechts gestärkt und den heutigen Bedingungen angepasst werden. Die alltägliche Präsenz des Internets könne keinen Diebstahl rechtfertigen und sei "keine Entschuldigung für Gier oder Geiz".

Vor einigen Wochen hatte Hans-Joachim Otto, Staatssekretär beim Bundeswirtschaftsministerium, bei einer Veranstaltung der Filmbranche genau wie seine Kollegen "aus Reihen von CDU, SPD und FDP" darauf hingewiesen, dass vor allem die Kreativen selbst gefordert seien, der öffentlichen Diskussion, die sich bis dahin vor allem um drohende Grundrechtseinschränkungen zur Verfolgung von Copyright-Verletzungen drehte, eine neue Richtung zu geben. Gerade Künstler seien "sprachgewaltige Botschafter".

cis/lis/dpa/AFP

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