Sascha Lobo

Labiler Kapitalismus Die Globalisierung ist heute anders kaputt als früher

Sascha Lobo
Eine Kolumne von Sascha Lobo
Die Welt ist auf dem Weg zum Labil-Kapitalismus, einer zu leicht aus dem Takt zu bringenden Wirtschaftsordnung. Aber wirtschaftliche Stabilität ließe sich herbeiinvestieren.
Britische Autofahrer stehen Schlange, um zu tanken: Schadenfreude ist unangebracht

Britische Autofahrer stehen Schlange, um zu tanken: Schadenfreude ist unangebracht

Foto: Gareth Fuller / dpa

Vor ein paar Tagen noch haben sich an britischen Tankstellen Leute um ein paar Tropfen Treibstoff geschlagen. Weil seit dem Brexit und durch den Brexit mehr als 100.000 Lkw-Fahrer fehlen , lagen über Wochen Tankstellen trocken. Inzwischen hilft das Militär aus. Konnte man sich köstlich drüber amüsieren, haben viele auch. Die Brexit-Briten kloppen sich um Benzin, haha. Aus historischer Sicht ist dabei kurz einer der Gründe aufgeblitzt, warum die Amerikaner ihre aggressive Öl-Politik des 20. Jahrhunderts betrieben: 300 Millionen Menschen, 400 Millionen private Waffen, Autofahrernation und dann andauernde Benzinknappheit – das wäre eine Bürgerkriegsgarantie gewesen.

Schadenfreude aber ist unangebracht, denn der britische Benzinmangel ist nur ein Vorgeschmack auf eine massive, wirtschaftliche Verschiebung, die im Moment geschieht. Und die auch in Deutschland große Probleme verursacht und noch größere verursachen wird. Die zuvor robuste, oft digital getriebene Globalisierung hat sich als überraschend störanfällig entpuppt. Auf den ersten Blick scheint die Coronapandemie der Grund dafür zu sein. Auf den zweiten und dritten Blick aber handelt es sich um ein tiefergehendes Problem.

Dazu muss man erwähnen, dass die Globalisierung trotz einiger Schattenseiten eine einzigartige Erfolgsgeschichte ist, erst recht für das Exportland Deutschland. Milliarden Menschen haben sich durch die Globalisierung aus teilweise extremer Armut herausarbeiten können. Ein eindrucksvolles Beispiel: Anfang der Achtzigerjahre lebten in China fast 90 Prozent der Bevölkerung nach Zahlen der Weltbank in »extremer Armut«. Im Jahr 2018 war diese Zahl auf unter ein Prozent gefallen. Viele sogenannte Schwellenländer haben, leider oft getrübt von Korruption und mangelnder Rechtsstaatlichkeit, durch die Globalisierung eine echte Mittelschicht aufbauen können.

Meine These ist, dass wir die ersten Ausläufer eines systemischen Problems erleben: Die Globalisierung ist irgendwie kaputt. Und selbst wenn der Alltag im Ausklang der Pandemie anders als an englischen Tankstellen in Deutschland zumindest für die Mehrheitsgesellschaft einigermaßen normal scheint – an vielen einzelnen Ecken blitzen die Folgen längst auf.

Die Geschichte vom Kniehebelspanner

Ein paar willkürlich ausgewählte Beispiele: Bauholz war im ersten Halbjahr 2020 plötzlich 50 Prozent teurer . Der Preis für Braugerste  stieg seit Jahresanfang um 60 Prozent. Die Preise für Altpapier  um fast 80 Prozent. Der Preis für Hartweizen  hat sich verdreifacht, was Nudeln deutlich verteuern wird. Der Kohlepreis  ist innerhalb eines Jahres um bis zu 400 Prozent angestiegen. Und der Preis für Erdgas  hat sich verzehnfacht. Verzehnfacht! Holzmangel, Papiermangel, Erdgasmangel, Weizenmangel, Kohlemangel – aber immerhin gibt es dabei jeweils am Markt noch Produkte. Teuer, aber beziehbar, das gilt für eine Vielzahl wirtschaftlich existenzieller Rohstoffe. Das kann sich ändern: Der Buchwirtschaft graust beinahe vor Weihnachten , weil es durch den Papiermangel sein kann, dass Bücher knapp werden. Eine kulturelle Katastrophe könnte entstehen, weil bis zu ein Drittel des Buchumsatzes im Jahr vor Weihnachten stattfindet. In manchen Branchen ist Vergleichbares im Gang.

Millionen Autos wurden in diesem Jahr nicht ausgeliefert, weil sie halb fertig in irgendwelchen Lagern stehen. Am 12. Oktober hat Audi die Produktion in den Werken in Ingolstadt und Neckarsulm gestoppt  – denn es gibt einfach keine Halbleiterchips zu kaufen, von Preisen muss man da gar nicht sprechen. Es gibt sie nicht am Markt. In der Folge ist ein für Laien völlig unbekannter, taiwanischer Halbleiterhersteller unter die Top Ten der nach Börsenkurs wertvollsten Unternehmen der Welt gekommen , mit weit über einer halben Billion Dollar Marktkapitalisierung. Also mehr als Volkswagen, Daimler, BMW, Porsche, Siemens, BASF und Deutsche Bank zusammen.

Der »Economist«, die relevanteste Wirtschaftszeitschrift der Welt, hat für das jüngste Cover einen Begriff aus dem 20. Jahrhundert recycelt: »Shortage Economy« (Mangelwirtschaft).  Geprägt vom ungarischen Ökonomen János Kornai beschrieb man so die dysfunktionale Situation in den Ostblock-Ländern . Aus meiner Sicht trifft der Begriff nicht besonders gut die Problemlage der Gegenwart. Oberflächlich betrachtet sind leere Regale leere Regale. Aber die kaputte Globalisierung ist heute anders kaputt – auch weil sie in weiten Teilen ja nach wie vor sensationell gut funktioniert.

Wir sind auf dem Weg zum Labil-Kapitalismus, einer zu leicht aus dem Takt zu bringenden Wirtschaftsordnung mit einem übergeordneten Mangel: Stabilität. Das ist wohlgemerkt kein Untergangsgeraune, kein Crash-Gelaber und erst recht kein Abgesang auf den Kapitalismus selbst. Denn dem geht es besser als je zuvor. Aber der Labil-Kapitalismus verschiebt ein paar Maßstäbe, die zuvor unverrückbar erschienen. Die Verletzlichkeit des globalisierten Labil-Kapitalismus und seiner Lieferketten-Empfindlichkeit  scheint mir vor allem durch drei Veränderungen entstanden zu sein:

  • Mit der durchdigitalisierten Globalisierung ist eine unglaubliche Komplexität in die Wirtschaft eingezogen, die einen Rattenschwanz an Konsequenzen nach sich ziehen kann. Im August 2020 erklärte die Wirtschaftszeitschrift »Capital« das wunderschön anhand der Kniehebelspanner . Die werden für die Automobilproduktion benötigt, sie halten die Karosserieteile bei der Bearbeitung fest. In Kniehebelspannern steckt ein besonderer Bolzen, der vor allem in China hergestellt wird. Dessen Lieferung stockte zu Beginn der Pandemie, was wiederum einen Kniehebelspanner-Mangel auslöste und in der Folge die Automobilproduktion spürbar erschütterte: ein verdammter Spezialbolzen.

  • Die Folgen des Klimawandels und die (notwendigen) Gegenmaßnahmen: Die extrem hohen Energiepreise zum Beispiel liegen nicht zuletzt an der Dekarbonisierung, also am politischen Druck, mit weniger CO₂ auszukommen. Weil das oft vertraglich verankert ist, ist es schwierig, auf billigere, aber schmutzigere Energie auszuweichen. Deshalb ist das als halbsauber geltende Erdgas so irrwitzig teuer. Gleichzeitig hat man versäumt, rechtzeitig ausreichend viele erneuerbare Energiequellen auszubauen.

  • Weltweite politische Verwerfungen, etwa die neue Aggressivität Chinas oder auch der Hang zum Protektionismus. Spätestens seit Donald Trump ist ökonomischer Nationalismus auf der politischen Agenda nicht nur der USA. Dazu die Schattenseite der Globalisierung: soziale Ungerechtigkeit, die Hunger, Konflikte und Massenmigration befeuert. Eskalierende, religiöse und kulturelle Extremismen kommen obendrauf – deren neue Stärke sich überraschend oft durch die digitale, soziale Vernetzung erklären lässt: soziale Medien als Infrastruktur der Radikalen weltweit.

Eigentlich muss man die Pandemie als Anlass sehen und nicht als Grund – Corona hat die Überempfindlichkeit des Labil-Kapitalismus nur offenbart. Wenn man im Garten ein Kartenhaus baut, kann man natürlich den bösen Wind beschuldigen, er habe alles kaputt gemacht. Man kann sich aber auch fragen, wie klug der Plan im Detail war. Labil-Kapitalismus bedeutet, dass man seine Geschäftsmodelle, Märkte und Logistiken so radikal optimiert, dass sie nur noch funktionieren, wenn wirklich alles glattgeht. Wenn man sich die Gegenwart näher anschaut, ist gerade ein extrem ungünstiger Zeitpunkt, um darauf zu wetten, dass immer alles klappt.

Für Deutschland und Europa ergeben sich daraus Aufgaben mit hoher Dringlichkeit. Die offensichtliche ist, die Auslagerung so vieler Produktionsnotwendigkeiten zu überdenken. Aber die wichtigste ist die Erkenntnis, dass ein neuer, wirtschaftlicher Aufbruch notwendig ist. Eine digital getriebene Transformation, die eine der metaphorischen Urtugenden der Vernetzung wiederentdeckt: Das Internet war ursprünglich als unzerstörbare Kommunikationsinfrastruktur gedacht. Komplexität und Vernetztheit sind nur dann Schwächen, wenn sie ausschließlich auf Kosteneffizienz gebürstet sind – und nicht den extrem hohen Preis für eine ungewisse Zukunft mit berücksichtigen. Wirtschaftliche Stabilität lässt sich herbeiinvestieren, damit die nächste Krise weniger verheerend wird. Man muss es aber auch wollen.

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