Anonymous-Unterstützer Briten wollen Hacker zur Passwort-Herausgabe zwingen

Kann man von einem Richter gezwungen werden, seine Festplatten zu entschlüsseln, damit Ermittler die Daten lesen können? In Großbritannien droht das einem Hacker - und dann die Auslieferung an die USA.

Lauri Love
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Lauri Love


Lauri Love geht wieder zur Uni, er wohnt bei seinen Eltern im beschaulichen Stradishall in der Grafschaft Suffolk. Lauri Love ist aber auch einer der von den USA meistgesuchten Hacker. Dem Briten wird vorgeworfen, sich in die Netze der Nasa, der Notenbank und des FBI eingehackt und dabei massenhaft Daten kopiert zu haben.

Die Anschuldigungen sind nicht neu, schon seit knapp drei Jahren wird gegen Love ermittelt. Jetzt bekommt sein Fall neue Aufmerksamkeit: Zum einen, weil die Amerikaner auf seine Auslieferung drängen, zum anderen, weil ihn die britischen Behörden zwingen wollen, die Passwörter zur Entschlüsselung seiner Geräte preiszugeben.

Der 30-Jährige tritt immer mal im britischen Fernsehen als IT-Experte auf. Er hat das Asperger-Syndrom und leidet laut seinen Unterstützern an einer schweren Depression. Er war in der fast schon wieder vergessenen Occupy-Bewegung in Glasgow aktiv und mischte mit bei einer Hackeraktion, die ganz und gar nicht vergessen ist: der Anonymous-Operation "last resort" - darum geht es in den aktuellen Verfahren. Die National Crime Agency (NCA), das britische Pendant zum FBI, will Love per richterlicher Anordnung zur Entsperrung diverser Geräte zwingen. Die Entscheidung soll am Dienstag fallen.

Der Kampf um die Verschlüsselung von Daten wurde zuletzt vom Fall Apple vs. FBI in die breite Öffentlichkeit getragen - es ging um einen Richterbeschluss, nach dem der Konzern beim Entsperren des Telefons eines Terroristen helfen sollte. In Großbritannien spielt nun die nächste Episode dieser Auseinandersetzung.

Hilfe aus dem WikiLeaks-Snowden-Umfeld

Die Position der NCA: Lauri Love dürfe seine beschlagnahmten Geräte nur dann zurückerhalten, wenn er die Inhalte für die Ermittler lesbar mache. Es geht um einen Samsung-Laptop, eine SD-Speicherkarte und eine externe Festplatte, die Love im Oktober 2013 abgenommen wurden. Die Ermittler vermuten dort Belege für die Angriffe auf US-Stellen.

Aber es geht auch um größere Fragen, gerade wegen der aktuellen Verschlüsselungsdebatte. Und so bekommt Love nun politische Unterstützung aus dem Umfeld von WikiLeaks und Edward Snowden. Die von Vertrauten von Julian Assange gegründete Courage Foundation hilft Love in seinen Prozessen und warnt: Die Entscheidung über die mögliche erzwungene Entschlüsselung könne Folgen für Whistleblower, Anwälte und Journalisten haben.

In Großbritannien macht es ein Gesetz namens Ripa möglich, dass Verdächtige zur Herausgabe ihrer Passwörter gezwungen werden können. Demnach kann es eine Straftat sein, wenn verschlüsselte Datenträger den Ermittlern nicht zugänglich gemacht werden, es droht sogar Haft.

Und die NCA will bei Lauri Love noch mehr. Sein Fall ist kompliziert und auch ein bisschen seltsam. Er wurde zweimal festgenommen, und dann wieder freigelassen. 2014 hat er schon auf die Herausgabe seiner beschlagnahmten Festplatten geklagt, verfolgte dann den Vorgang aber nicht weiter. Einmal wurde er bereits auf Basis des Ripa-Gesetzes aufgefordert, seine Passwörter herauszurücken. Er weigerte sich, und dann passierte: nichts. Die Anordnung lief aus.

Nun hat er erneut auf Herausgabe seiner Geräte geklagt. Die NCA nutzte das, um in diesem Zivilverfahren auf eine Zwangsentschlüsselung per Richterbeschluss zu drängen. Das sehen Loves Anwälte als Versuch, durch die Hintertür an die Daten ihres Mandanten zu gelangen.

Die "Operation last resort"

In Deutschland gibt es kein solches Gesetz - bis auf wenige Ausnahmen etwa zur Abwehr unmittelbarer Terrorgefahr gilt das Recht auf Schweigen. "Wenn Beschuldigte ihre Rechte kennen, wird dieses Recht in Deutschland auch so gut wie immer respektiert", sagt der Strafverteidiger Udo Vetter. In den USA ist es ähnlich. Für die dortigen Ermittler wäre es deshalb ein Gewinn, über Großbritannien an Loves Daten zu gelangen.

Schließlich drehen sich die Verdächtigungen um die Anonymous-Aktion "last resort", die sich gegen die US-Regierung richtete. Ein loser Zusammenschluss von Hackern wollte im Jahr 2013 unter der Flagge der Netzguerilla Anonymous das Vorgehen des US-Justizministeriums gegen den Internetaktivisten Aaron Swartz anprangern. Swartz hatte sich im Zuge dieser Ermittlungen, die Kritiker als unverhältnismäßig betrachteten, das Leben genommen. Die Last-Resort-Hacker griffen mehrere Behörden, Unternehmen und Regierungsorganisationen an, unter anderem die Sentencing Commission, die Richtlinien für die Strafbemessung an Bundesgerichten festlegt. Swartz stand vor einem Prozess wegen des berüchtigten Hackerparagrafen computer fraud and abuse act - ihm drohte eine jahrzehntelange Strafe.

Love hat bei dieser Hackeraktion mitgemacht, so viel ist klar. Die USA haben ihn angeklagt, auch auf der Basis eben jenes computer fraud and abuse act. Naomi Colvin, bei der Hackerhilfsorganisation Courage Foundation für Love zuständig, sagt: "Lauri hat gegen die Auswüchse des US-Justizsystems protestiert. Jetzt bekommt er selbst das volle Ausmaß dieser Auswüchse zu spüren."

Drei Auslieferungsersuchen der USA

Seine Anwälte und Unterstützer behaupten, die britische NCA sei vor allem darauf bedacht, den Ermittlungen in den USA zu helfen. So habe die NCA auch Kopien des Speicherinhalts der beschlagnahmten Geräte an die Ermittler in Übersee geschickt.

Love ist dort vor drei Bezirksgerichten angeklagt: in New York, New Jersey und Virginia. Ihm wird vorgeworfen, interne Daten von den Regierungsservern verbreitet zu haben. Es gibt drei Auslieferungsersuchen. In den USA, wo es zuletzt mehrfach harsche Urteile gegen Hacker gab, drohen ihm zwölf Jahre Haft. Würde er von einem der drei Gerichte verurteilt, gälte er in den anderen Verfahren als vorbestraft und es wären weitere Urteile mit höheren Haftstrafen möglich.

Über die Auslieferung wird ab Ende Juni verhandelt. Love hat kein einziges Mal amerikanischen Boden betreten, das ist ein Argument seiner Anwälte gegen eine Auslieferung.

Auch seine Krankheiten könnten in dieser Hinsicht eine Rolle spielen. 2012 hatte die britische Innenministerin in einem ähnlichen Fall die Auslieferung des Hackers Gary McKinnon an die USA aus gesundheitlichen Gründen untersagt. Das Urteil im Fall Lauri Love soll im Juli fallen.

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Julia Kneuse
Fabian Reinbold ist Netzwelt-Redakteur im Hauptstadtbüro von SPIEGEL ONLINE.

E-Mail: Fabian_Reinbold@spiegel.de

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insgesamt 49 Beiträge
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docmillerlulu 09.05.2016
1. Dann wollen wir einmal hoffen, ...
... daß er das Passwort nicht unter all dem Stress vergessen hat. Aber so etwas hat die Folterknechte Putins noch nie abgehalten. Ach - gerade sehe ich es, ist gar nicht Putin. Auch nicht irgend ein Bananenstaat. Es ist einer von uns, na da kann man Water Bording ja mal durchgehen lassen. Man weiß echt nicht mehr wer gerade der Buhmann ist. War früher alles einfacher.
tuvalu2004 09.05.2016
2. Im schlimmsten Fall...
... kann die gesamte Gerichtsbarkeit mit diesem RIPA-Gesetzt ausgehebelt werden. Die einzige Zwangsmaßnahme ist nämlich Beugehaft, auf unbestimmte Zeit. Und alle Bürgerrechte gelten nicht. Auch, wenn man mittlerweile das Passwort vergessen hat - was ja niemand nachprüfen kann. In zivilisierten Ländern gilt das Recht auf Aussageverweigerung gegen sich selber. Die Briten sind wie damals McCarthy - wer sich auf seine Rechte beruft wird wegen Mißachtung Eingesperrt. Wer sich nicht auf seine Rechte beruft wird sowieso eingesperrt.
Gmorker 09.05.2016
3. Erinnerungslücke...
Der Schlüsselsatz lautet dann wohl "Ich kann mich nicht erinnern"... gefolgt von dem Gedanken: "Beweisen sie mir doch das gegenteil!". Das ist mal wieder lächerlich von den Stragverfolgern. Ich will den Hacker hier sicher nicht zum Robin Hood hochstilisieren, aber ihn zur Herausgabe seiner Daten zu zwingen wird wohl kaum funktionieren. Insbesondere, da das britische Strafrecht garantiert auch einen Passus enthält, der es jedem Beschuldigten erlaubt zu schweigen, um sich nicht selbst zu belasten. Da auf den Festplatten sicherlich belastendes Material ist, muss er auch nicht aussagen, wie man da ran kommt.
deka88 09.05.2016
4.
Hoffentlich ereilt ihm nicht das gleiche Schicksal wie Aaron Swartz! Sehr sehenswert die Dokumentation "Tod eines Internet-Aktivisten". Eigentlich eine Schweinerei, dass Leute, die sich für Freiheit einsetzen, so schonungslos von der Justiz verfolgt werden!
EmilSonnemann 09.05.2016
5. Rechtsstaatlichkeit
Es gibt wohl keinen Artikel auf Spon, den die Putin-Botz nicht für ihre Propaganda zu verwenden wissen. Aber wo wir schon dabei sind: In Russland wäre er vermutlich längst verschwunden, tot in einer Seitenstraße gefunden worden, oder zu 30 Jahren Arbeitslager verurteilt worden. Man muss die Gesetze nicht mögen, aber sie wurden öffentlich beraten und beschlossen. Angewendet werden sie von unabhängigen Richtern. Es wäre an der Zivilgesellschaft gewesen, sie zu verhindern, aber die sorgt sich eher um ihre Sicherheit, als um das los einiger weniger "Hacker". Was das Passwort angeht: Je nach verwendeter Verschlüsselungs-Software bleibt ihm u.U. auch noch die glaubhafte Bestreitbarkeit. Er könnte dann ein Passwort herausgeben, dass die Datenträger tatsächlich entschlüsselt, ohne das die Ermittler finden, was sie suchen. Wenn er clever war, hat er diese Option. Aber das sind wohl Details in der Sache, die sie offenkundig nicht interessieren.
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