Sascha Lobo

»Leben mit Corona« Das pandemische Rumgewarte hat uns völlig zerschöpft

Sascha Lobo
Eine Kolumne von Sascha Lobo
Eine Kolumne von Sascha Lobo
Das Land ist in einer pandemischen Kollektivdepression gefangen, der Tiefpunkt ist erreicht. Vielleicht hilft manchen die Einsicht, dass Corona nie richtig vorbei sein, sondern so selbstverständlich wie das Wetter wird.
»Bewältigbarer Alltag« mit dem Coronavirus

»Bewältigbarer Alltag« mit dem Coronavirus

Foto: Andreas Arnold / dpa

»Größtenteils sonnig, 22 Grad, die Inzidenz liegt bei 67,5.« Diese Wendung »Leben mit Corona«, von Fachleuten ab und an verwendet, so sieht sie vermutlich aus: Corona wird zu einem Phänomen wie das Wetter. Es ist da, man kann sich ganz gut drauf einstellen, manchmal kann es unangenehm oder sogar gefährlich werden, aber man denkt die meiste Zeit des Tages nicht daran.

Es gibt Hinweise auf eine solche Zukunft, wenn etwa eine professionelle Einschätzung lautet, wir müssten ab jetzt eine jährliche Auffrischungsimpfung bekommen wie bei der Grippe. Oder regelmäßig die Impfkampagne nachjustieren, weil sich Mutationen fast wie eine neue Pandemie verbreiten können. So richtig vorbei wird Corona vermutlich nie sein, und um dieses Szenario überhaupt zu ertragen, brauchen wir eine Normalität in der postpandemischen Gesellschaft, wo die Inzidenzmitteilung eben dem Wetterbericht nahekommt. Oh, hohe Inzidenz in meiner Gegend, also besser FFP2-Maske und das Quartals-Meeting doch als Videokonferenz. Neue Impfung auf nächste Woche vorziehen, oder halt, da hat Kind zwei das Turnier, dann also übernächste Woche – und das war's.

Wir sehnen uns nach diesem Alltag des Coronawetters, denn wie unfassbar belastend ist diese verdammte Pandemie. Alles daran, das Virus eh, die Maßnahmen auch, die Politik, die mediale Aufbereitung, das eigene soziale Umfeld, die Bewältigung, die Knalltüten, an denen in keiner gesellschaftlichen Gruppierung Mangel herrscht, die Impfturbulenzen, das Gefühl, Deutschlands verschiedene Nimben zerbröseln wie die kaputtgesparte Infrastruktur. Sogar das alles zu ignorieren, ist enorm belastend. Vielleicht liegt es aber auch nicht mehr an der Welt, vielleicht hat sich längst ein Schleier über unseren Blick gelegt, der alles grau und trist und schlechtestmöglich erscheinen lässt.

Das Land ist in einer pandemischen Kollektivdepression gefangen, und sie hat ihren Tiefpunkt erreicht. Wieder mal. Die Impfkampagne entspricht zwar der Morgenröte am Horizont. Aber kurz vor dem Sonnenaufgang ist es auch am kältesten. Mein persönlicher Weg aus der pandemischen Kollektivdepression führt über die Analyse, was genau auf welche Weise gerade jetzt schiefläuft. Es ist zwar meist bitter, dem Geschehen ins Auge zu blicken, aber es hilft manchen Leuten bei der Bewältigung. Die substanziell Durchdrehenden habe ich hierfür allerdings ausgeblendet, es kommt mir auf die breite Masse der Menschen an. Drei Symptomfelder der pandemischen Kaputtheit habe ich identifizieren können, your mileage may vary:

  • Exzessurteilen

    Öffentlich geäußerte Zweifel am Lockdown müssen nicht, aber können dazu führen, dass man als Coronaleugner, »Querdenker« oder Massenmörder beschimpft wird. Erst recht, wenn man diese Zweifel auf einer anderen Basis als virologischen Erkenntnissen fußen lässt, wie etwa auf gesellschaftlichen oder ökonomischen Argumenten. Umgekehrt zieht manchmal schon der vorsichtige Wunsch nach wirksameren Maßnahmen den Vorwurf nach sich, die Wirtschaft quasi ermorden zu wollen und die Freiheit mit Inbrunst zu hassen. Beides ist Ausdruck des Exzessurteilens, wobei es nur zwei Extremzustände gibt – und zwar im Kopf der Exzessurteilenden, der Hobbyblitzrichter und -richterinnen. Am Ende gibt es, folgt man den antidifferenzierenden Exzessurteilen, nur noch zwei Gruppen: Massenmörder und Totalitäre. Das ist umso ungünstiger, als es ja tatsächlich in beiden Richtungen tatsächlich Extremisten gibt, wenn auch in der querdenkenden, oft rechtsoffenen bis rechtsextremen deutlich mehr. Der Urteilsexzess ist für mich Ausdruck dieser pandemischen Kollektivdepression, vielleicht weil sich die Menschen so sehr nach Exzessen sehnen, aber derzeit nur ein Bruchteil davon überhaupt möglich ist. Geschweige denn legal.

  • Impfmissgunst

    Ein alter, grausamer, deutscher Witz lautet so: Eine Fee sagt einem Mann, du hast einen Wunsch frei, aber was immer du dir wünschst – dein Nachbar bekommt das Doppelte davon. Der Mann überlegt und sagt dann: Hack mir ein Auge aus. Von Impfneid ist die Rede , aber ich beobachte mehr noch Impfmissgunst. Sie äußert sich darin, dass geimpften Personen gegen jede Vernunft ihre Grundrechte vorenthalten werden sollen. Also dass nicht nur die Einschränkungen für Geimpfte weitergelten, die aus pandemischer Sicht Sinn ergeben könnten – sondern alle. Ich sehe dahinter größtenteils gallige Missgunst, dass niemand anders haben können soll, was man selbst nicht hat. Schon die Bezeichnung »Privilegien« kündet von einer geradezu toxischen Fehlperspektive: Grundrechte von Personen können eingeschränkt werden, aber wenn der Grund für die Einschränkung entfällt, dann müssen sie wieder hergestellt werden, und das ist kein Privileg, sondern das Wesen von Grundrechten.

  • Warteerschöpfung

    Ganz ehrlich, ich habe vor der Pandemie nicht gewusst, wie erschöpfend Warten sein kann. Wie viele schwierige Phasen und Zustände des Wartens es gibt, wie sehr ein Warteakku entladen werden kann, obwohl er zuvor schon leer schien. Teil der Warteerschöpfung ist, dass niemand mehr Geduld hat, für gar nichts. Dass – siehe auch Exzessurteilen – in allem und jedem das Schlechtestmögliche gesehen wird. Milliardär könnte man jetzt werden mit einem Nervenkostümverleih, das pandemische Rumgewarte hat uns völlig zerschöpft.

Diese pandemische Kollektivdepression samt ihrer Symptome Exzessurteilen, Impfmissgunst und Warteerschöpfung muss überwunden werden, und die gute Nachricht ist: Sie kann überwunden werden. Der Schlüssel dazu besteht in der Einsicht, dass Corona nicht mit einem Knall vorbei sein wird, wie von vielen im vergangenen Jahr erhofft oder wie selbstverständlich angenommen. Sondern, dass Corona von der alltäglichen Bewältigung zum bewältigbaren Alltag wird. Die Impfungen sind ein uneingeschränkter Segen, aber soziologisch betrachtet wird dadurch die Covid-19-Pandemie zu einer Art ständig bevorstehender Grippewelle: Man weiß, dass Menschen sterben und man das umfassender verhindern könnte, aber man hat sich auf ein psychosozial dauerhaft verträgliches Maß an Gegenmaßnahmen geeinigt. Regenschirm, Gummistiefel, bei Sturmwarnung zu Hause bleiben.

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Sascha Lobo

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Auf Basis der Analyse vermute ich, dass irgendwann die Stimmung kippt, aber ins Positive. Vielleicht im Juni, wenn die Impfkampagne die 50-Prozent-Marke überschreitet? Im Juli, wenn diejenigen zum größten Problem werden, die glauben, man müsse oder dürfe sich nicht impfen lassen? Im September, wenn flächendeckend Quittungen für die Coronapolitik verteilt werden? Im Oktober durch die bestechende Abwesenheit der vierten Welle? Wenn endlich Kinder-Impfungen zugelassen werden? Egal, der Moment wird kommen, in dem sich eine postpandemische Alles-Explosion ereignet. In jeder denkbaren Hinsicht, sozial, kulturell, wirtschaftlich.

Die bis heute legendären Zwanzigerjahre waren in ihrer Ausschweifung und Euphorie überhaupt nur denkbar durch die besiegte Inflation und überwundenen Nachkriegswirren. Pietät hin, Trauer her, niemand kann mehr: Eine Mischung aus Dauermassenparty, Konsumsturm und Digitalisierungsschub werden einhundert Jahre später eine neue, nie gesehene, nie gespürte Lebenswut entfachen, sie lässt sich schon erahnen und es wird so super! Bitte vermeiden Sie, vorher zu sterben.