Linux-Prozess Der Anfang vom Ende der Pinguinjagd

Sieben Jahre lang prozessierte die US-Firma SCO gegen führende Linux-Anbieter, weil Teile des Linux-Codes angeblich unerlaubt kopiert wurden. Dem widersprach jetzt ein US-Gericht. Doch SCO ist noch nicht kampfesmüde: Jetzt geht es gegen IBM.

Sympathieträger Tux: Das Maskottchen der Linux-Gemeinde darf durchatmen
Larry Ewing/Simon Budig/Anja Gerwinski

Sympathieträger Tux: Das Maskottchen der Linux-Gemeinde darf durchatmen


Am Dienstag, den 30. März 2010, kam das Unternehmen SCO Group am Ende eines Weges an, den es vor rund sieben Jahren eingeschlagen hatte. Mit einer ganzen Welle von Klagen hatte SCO mehrere große Unternehmen eingedeckt. Ein Geschworenengericht im US-Bundesstaat Utah beendete mit einem Urteil einen dieser Prozesse. Seit 2005 hatte sich SCO gegen die Firma Novell durch mehrere Instanzen gewalzt. Es ging, worum es bei SCO-Prozessen immer geht: Um hohe Geldforderungen von SCO an Unternehmen, die Linux einsetzen oder vertreiben.

Der einstige Unix- und Linux-Distributor, hervorgegangen aus der Fusion der Firma Caldera mit einem Teil des Unternehmens SCO, hatte im März 2003 entschieden, fürderhin sein Glück im Lizenzgeschäft zu suchen. Davon ausgehend, bestimmte Copyrights am Unix-Betriebssystem zu halten, die sich angeblich auch im Kernel der Linux-Systeme wiederfänden, plante SCO, von jedem Linux-Distributor satte Lizenzgebühren nehmen zu können. Dieser Traum ist nun wohl ausgeträumt.

Das Geschworenengericht entschied nun, dass SCO die beanspruchten Copyrights gar nicht besitze - sondern Novell, ein anderes auf dem Linux-Markt tätiges Unternehmen (Suse Linux). Damit ist die vielleicht wichtigste der SCO-Klagen, die seit sieben Jahren Gerichte und Netzöffentlichkeit beschäftigen, die Grundlage entzogen - und allen Forderungen nach Lizenzgebühren. Eine Berufungsinstanz bleibt SCO noch, doch ob es dazu überhaupt kommt, bleibt abzuwarten: Die SCO Group steht bereits seit Anfang 2008 unter Konkursverwaltung. Experten räumen ihren noch ausstehenden Klagen und Forderungen nur noch sehr geringe Chancen ein - und der Firma damit deutlich eingeschränkte Überlebenschancen.

Ein "untotes" Unternehmen sei SCO, schreibt darum auch Blogger Steven J. Vaughan-Nichols auf der Website des IT-Magazins "Computerworld", gibt aber zu, dass er "keine Prognosen" mehr wage, wann dieser Zombie hintenüberfallen wird. Denn totgesagt wurde SCO schon öfter: Klagen gegen DaimlerChrysler, gegen AutoZone, Univention und Red Hat verpufften. Kapitalgeber sprangen ab, mehrere Male wurde die Pleite gemeldet, und immer wieder trieb SCO doch genug Geld auf, für eine Weile weiterzumachen.

SCO war einmal ein aktiver Player auf dem Markt

Inzwischen ist SCO deutlich geschrumpft: Bis auf den CEO, den technischen Leiter und obersten Justiziar hat das Unternehmen das gesamte US-Management entlassen müssen. Doch noch einmal trieb SCO Mitte März zwei Millionen Dollar auf, will nun zudem Patente, die es tatsächlich hält, verkaufen, um liquide zu bleiben.

Noch hat SCO den Ausgang des letzten Prozesses nicht kommentiert, hofft aber Medienberichten zufolge, dass der letzte Kredit und Erlöse aus Patentverkäufen reichen werden, den letzten anstehenden Prozess doch noch zu gewinnen: Bereits seit März 2003 liegt SCO im Clinch mit IBM - ein Prozess, den SCO weiter ausfechten will, wenn es kann.

Das einst größte Elektronikunternehmen der Welt hatte bereits Ende der Neunziger entschieden, sich von seinen eigenen Betriebssystemen zu verabschieden und auf Linux zu setzen. Die Ankündigung, eine Milliarde Dollar in die Weiterentwicklung von Linux investieren zu wollen, gab der Open-Source-Bewegung mächtig Auftrieb - und weckte möglicherweise erst die Begehrlichkeiten bei der SCO Group.

Unter dem Namen Caldera war die SCO Group einst selbst ein erfolgreicher Linux-Distributor, während der SCO-Teil des Unternehmens Firmen wie McDonald's mit Unix-Servern versorgte. Es gab ein ganz reguläres Geschäft, bevor sich bei der SCO Group die Gewichte von Produktion und Service hin zu Lizenzforderungen und Prozessen verschoben. Viel ist davon nicht geblieben, der ehemalige Firmenname erscheint nun fast schaurig sinnfällig: Als Caldera bezeichnet man den eingefallenen Krater, der zurückbleibt, wenn sich eine Magmakammer in einer Eruption entleert.

Gegen IBM geht es um fünf Milliarden

Was die SCO Group selbst und einige Investoren noch bei der Stange hält, ist die Aussicht auf ein Happy End, sollte der letzte Prozess gegen IBM wider Erwarten doch noch Erfolg haben. Dabei geht es nicht nur um Copyrights, sondern auch um angebliche Vertragsverletzungen - und inzwischen um Forderungen nach Schadensersatzzahlungen in Höhe von fünf Milliarden Dollar.

Die Begründung dieser Klage liegt in der wirren Firmengeschichte der SCO Group: Teile des Unternehmens waren einst mit Novell verbandelt, andere mit IBM. Dabei soll es in einer Phase der Kooperation mit IBM zu einer vertragswidrigen Übertragung von Programmier-Codes, zumindest aber Konzepten von Unix auf Linux gekommen sein.

Auch diese Klage steht nun allerdings auf tönernen Füßen. Das Urteil von Utah nimmt der Firma die Möglichkeit, wegen Verletzungen von Rechten zu klagen, die es laut Geschworenenspruch niemals besaß. Um in der IBM-Klage also eine realistische Chance zu haben, müsste SCO die umstrittenen Rechte doch noch zugesprochen bekommen. Theoretisch möglich ist das, weil erst der Richter des Prozesses von Utah über die letzte zu klärende Frage entscheiden wird, ob SCO zurecht in treuem Glauben davon ausging, dass bei einem Verkauf von Lizenzen von Novell an SCO auch Copyrights mit übertragen wurden oder nicht. Basierend auf diesem noch ausstehenden Spruch könnte es zu einem weiteren, letzten Berufungsverfahren kommen.

Dass SCO eine solche Revision gegen Novell aber noch gewinnen könnte, hält derzeit kaum jemand für möglich. Doch ob es mit SCO weitergeht oder nicht, entscheiden nicht das Gericht und auch nicht das Management, sondern die Investoren und die Insolvenzverwaltung.

Die hat sich direkt nach dem Urteil von Utah schon geäußert: Gegenüber einer lokalen Zeitung kündigte Konkursverwalter Edward Cahn tatsächlich an, jetzt gehe es gegen IBM. Die Börse machte wenig später klar, wie sie die Erfolgsaussichten der Chart zeigenSCO Group bewertet: Die Aktie des Unternehmens fiel am Dienstag um 78 Prozent, in den letzten fünf Tagen um 86,62 Prozent.

pat



insgesamt 7 Beiträge
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Friedrich Hattendorf 31.03.2010
1. Sco
Heute vor 10 Jahren hatte die Aktie ein Tageshoch von 98,50, als die Prozesshuberei Januar 2003 begann, lag sie bei 1,50, heute gibt es ein Tagestief von 0,08 Verdient haben in der Zeit wohl nur "Rechtsanwälte".
ruplanb 31.03.2010
2. SCO ein Schatten seiner selbst
Zitat von sysopSieben Jahre lang prozessierte die US-Firma SCO gegen führende Linux-Anbieter, weil Teile des Linux-Codes angeblich unerlaubt kopiert wurden. Dem widersprach jetzt ein US-Gericht. Doch SCO ist noch nicht kampfesmüde: Jetzt geht es gegen IBM. http://www.spiegel.de/netzwelt/netzpolitik/0,1518,686622,00.html
SCO wurde doch von einer Rechtsanwaltsfirma, für einen Appel und ein Ei, übernommen. Diese Leute haben von Anfang an nur auf Prozessgewinne gesetzt und eins auf die Mütze bekommen. Technisch ist die Firma schon einige Zeit tot.
tangoman 31.03.2010
3. Hoffentlich hält SCO durch
wer sorgt sonst immer Freitags für eine vergnügte Nachricht über ein durchgeknalltes Management? -> mit Schmunzeln uns Wochenende ;-))
vcproepper 31.03.2010
4. immer druff!!
tiefer sinken als SCO kann mal wohl in der IT-Branche nicht mehr...
sisusisu 01.04.2010
5. groklaw
groklaw.net ist ein Blog mit ausfuehrlichen Informationen ueber SCO's "Pinguin Jagd".
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