Sascha Lobo

Die Invasion der Ukraine und die sozialen Medien Krieg der Influencer

Sascha Lobo
Eine Kolumne von Sascha Lobo
Millionen Menschen sehen Putins Krieg durch TikTok-Videos und Tweets von der Front. In den sozialen Medien gab es noch nie so viele »Warfluencer«. Das ist nicht verwerflich, sondern angesichts des Horrors schlicht nötig.
Eine Frau fotografiert die Zerstörungen eines Gebäudes in der Ukraine

Eine Frau fotografiert die Zerstörungen eines Gebäudes in der Ukraine

Foto: Efrem Lukatsky / dpa / AP

Man könnte sie »Warfluencer« oder »Kriegfluencer« nennen. Das sind zugegeben keine überdurchschnittlich eleganten Worte, aber sie drücken aus, worum es geht. Soziale Medien sind ein eigenes Schlachtfeld geworden. Bei den Kriegen und Konflikten in Syrien, Kurdistan, der Ukraine seit 2014, Armenien, Mali, Afghanistan und vielen anderen Orten der Welt war das in den letzten zehn, fünfzehn Jahren auch schon so. Aber beim russischen Überfall auf die Ukraine ist der Krieg in und mit sozialen Medien auf eine völlig neue Größenordnung und Qualitätsstufe katapultiert worden. Am deutlichsten erkennbar ist das vielleicht am Warfluencer oder Kriegfluencer, einem neuen Typus des Social Media-Nutzers.

Die Veranstaltung des Weißen Hauses am 10. März 2022 ist oberflächlich betrachtet keine besondere Angelegenheit. 30 Personen lauschen den Ausführungen der Sprecherin des US-Präsidenten, Jen Psaki, sowie ihrer Gäste vom Nationalen Sicherheitsrat von Joe Biden: ein Strategie-Briefing, also eine Unterrichtung über die Lage in der Ukraine und die Ziele der USA. Aber die Gäste sind keine Journalisten, sondern TikTok-Stars mit vielen Millionen Followern .

Im Irakkrieg von 2003 wurde der Begriff »embedded journalists« geprägt, weil der Informationswunsch der Massenmedien auf traditionelle Weise kaum mehr zu befriedigen war. Das Publikum wollte noch näher dabei sein, also ließ die US-Armee Reporter*innen in Panzern mit auf ihre Einsätze fahren. Es gab viel Kritik, dass sich Journalist*innen als Propagandahilfe missbrauchen ließen. Trotzdem war deren Berichterstattung manchmal sehr wertvoll und hätte anders kaum entstehen können.

In gewisser Weise sind Warfluencer die zeitgemäße Weiterentwicklung der »embedded journalists«. Soziale Medien wie TikTok und Instagram sind die Plattformen, wo viele Millionen junge Menschen sich zugleich unterhalten und informieren, also findet der Krieg auch dort statt. Die chinesische Kurzvideo-Plattform TikTok gehörte in den letzten Jahren zu den am häufigsten heruntergeladenen Apps weltweit und hat inzwischen über 1,5 Milliarden Nutzer*innen.

Die mediale Relevanz speziell von TikTok für Menschen unter 25 Jahren ist kaum zu überschätzen, daher ist der Informationsansatz des Weißen Hauses folgerichtig. Aber soziale Medien haben im Krieg weitaus mehr Funktionen, die sich zudem ständig weiterentwickeln. Warfluencer entstehen automatisch, wo die Prinzipien sozialer Medien wie Personenfixierung, der Wunsch des Publikums nach Vorbildern und die Vermischung von Information und Inszenierung auf den Krieg prallen.

Die Allgegenwart des Aktivismus in sozialen Medien

Als gegen Ende der Nuller-Jahre soziale Medien zum Massenphänomen wurden, entstand fast gleichzeitig eine heute nur noch selten erwähnte Spielart des Aktivismus: Clicktivism (auf deutsch traditionell noch sperriger, nämlich Klicktivismus), ein oft abschätzig verwendetes Kofferwort aus Click und Aktivismus. Es herrschte die allgemeine Überzeugung, dass »Klicktivisten« mal hier was liken, dort was sharen, da drüben kommentieren und als stärkste Beteiligungsform vielleicht ein paar Euro spenden. Faktisch aber hat der oft verspottete Klicktivismus mithilfe der sozialen Medien die Gesellschaft erobert.

Inzwischen hat sich eine Allgegenwart des Aktivismus in sozialen Medien ergeben, alle setzen sich für alles Mögliche ein. Oder dagegen. Die aktivistische Positionsbestimmung gehört zum Standard der Selbstdarstellung, etwa mit Fahnen und Hashtags im Namen oder in der Profilbeschreibung. Es ist praktisch unmöglich, auf Twitter, Instagram oder TikTok nicht in Kontakt mit der ein oder anderen Form des Aktivismus zu kommen. Sogar die verbreiteten, sogenannten Challenges, eine Art Massen-Mitmach-Wettbewerb in sozialen Medien, kann man als Trockenschwimmen des Aktivismus betrachten, um die Verbreitungsinstrumente für den Ernstfall geschmeidig zu halten.

Social-Media-Aktivismus hat sich in der Folge zu einer Mischung aus Modeerscheinung, Selbstverständlichkeit und Erwartungsdruck entwickelt. Große Accounts werden regelmäßig von vielen kleinen Accounts aufgefordert, sich gefälligst zu positionieren, Hashtag Ausrufezeichen, also ihre Reichweite in den Dienst einer aktivistischen Sache zu stellen. Anfeindungen bei Nichtbeachtung inklusive.

Dieser Druck zum Aktivismus lässt sich an David Beckham feststellen. Ganz ohne Wertung kann man sagen, dass der ehemalige Fußballer eigentlich nicht zu den ersten Personen gehören würde, an die man zum Stichwort »Krieg in der Ukraine« denken muss. Seine Kompetenzen scheinen für oberflächlich Betrachtende eher im Fußballspielen und eleganten Tragen von Hosen und Frisuren zu liegen.

David Beckham und die Chefin der Geburtenklinik

Aber Beckham ist schon seit 2015 Unicef-»Ambassador«, eine vornehme Bezeichnung für Aktivist. In dieser Funktion hat er seinen Instagram-Account  mit über 70 Millionen Followern für einen Tag einer ukrainischen Ärztin und Chefin der Geburtsklinik von Charkiw überlassen, die aus ihrem Kriegsalltag postete. Leichte Dissonanzen mögen sich daraus ergeben haben, dass Beckham auf Instagram auch Werbung für Maserati macht und deshalb unmittelbar nach der Klinik im Kriegsgebiet die Vorstellung des neuen Maserati Grecale folgt. Aber bei genauer Betrachtung ist das so normal wie der Werbespot vor der Tagesschau, in der ebenso Erschütterndes zu sehen sein kann.

Beckham als Warfluencer zeigt die neue Dimension der sozialen Medien im Social Media-Krieg neben dem dinglichen Krieg. Dadurch bekamen Millionen Menschen Einblick in die katastrophale Situation vor Ort in der ukrainischen Klinik, die davon sonst vielleicht wenig erfahren hätten. Die Leute in der Ukraine selbst, die am schlimmsten betroffen sind vom russischen Überfall, können in Beckhams Aktion eine Stärkung der Aufmerksamkeit für ihre Sache erkennen.

Aufmerksamkeit ist für Konflikte auf mehrere Arten essenziell. Vor allem, weil die dadurch geführten Debatten in liberalen Demokratien tatsächlich eine Wirkung entfalten. Ohne die bundesweite, lautstarke Empörung über die anfängliche Zurückhaltung der Bundesregierung in Sachen Waffenlieferungen an die Ukraine wären die zunächst zugesagten 5000 Helme vermutlich noch immer die einzige Hilfe Deutschlands. Beckhams Insta-Übergabe ist der prominente Truppenbesuch des 21. Jahrhunderts.

Die Funktionen der sozial medialen Emotion

Über soziale Medien kann zusätzlich zur Aufmerksamkeit eine Emotionalität und eine Nähe hergestellt werden, die kaum mit anderen Medienformen erreichbar ist. Beides hat sehr wesentliche Funktionen im Krieg. Die viel gelobte Social-Media-Inszenierung des ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj dient nach innen vor allem der Motivation der Soldaten und der Bevölkerung zur Verteidigung.

Motivation oder Kampfmoral hat sehr konkrete Auswirkungen auf den Verlauf von Konflikten, und es ist der Punkt, in dem die ukrainischen Kämpfer*innen den russischen Invasoren am eindeutigsten überlegen sein dürften. Nach außen sorgt sie für Sympathie durch Nahbarkeit und Empathie. Plötzlich wirken Putins gefürchtete Trollarmeen im Netz gestrig und dysfunktional. Das sind sie nicht, noch entfalten sie im propagandistischen Verbund mit anderen Maßnahmen große Wirkung, aber an Selenskyjs Werk ist erkennbar, wie politische Kommunikation und ja, auch Propaganda, in Krisenzeiten im 21. Jahrhundert aussehen wird.

Wahrscheinlich noch emotionalisierender wirken die Social-Media-Berichte unmittelbar aus dem Kriegsgebiet. Obwohl gerade bei Videos viele Fälschungen kursieren – aus anderen Konflikten oder sogar Aufnahmen aus Videospielen – ergibt sich durch die schiere, kaum mehr fälschbare Zahl der Aufnahmen im Schnitt ein recht umfassendes Bild.

Wir wissen aus sozialen Medien, wie Mariupol in der Belagerung aussieht, wie Kinder in den als Bombenbunker benutzten U-Bahnschächten von Kiew spielen, wie Menschen ungläubig vor den Trümmern der Gebäude stehen, die sie noch vor wenigen Wochen als sicheres Zuhause empfunden haben. Fake News sind ein Problem in sozialen Medien, aber wenn man die gleiche Szene aus den Blickwinkeln von vier, fünf Smartphones betrachten kann – dann ist die Wahrscheinlichkeit sehr hoch, dass sie geschehen ist.

Jeder Account kann für fünfzehn Minuten Kriegfluencer werden, aber es ragen besonders diejenigen heraus, die schon vor dem Krieg in sozialen Medien ein größeres Publikum bedient haben und deshalb die Kunst der sozialmedialen Inszenierung verstehen. So wie Valerisssh , eine junge, ukrainische Fotografin und TikTokerin aus Tschernihiw, der fast eine Million Menschen auf TikTok folgen. Sie hat die ersten Kriegstage dokumentiert, die Zerstörungen in ihrer Stadt, die Tage im Bunker, die kurzen Besorgungsgänge. Schließlich zeigt sie zweisprachig auf Ukrainisch und Englisch ihre Flucht über Polen nach Deutschland.

Warum Warfluencer wichtig sind

Die Kraft der sozialen Medien liegt darin, zwar eine Inszenierung anzubieten – aber trotzdem einen sehr wahrhaftigen und unmittelbaren Blick in die Realität anderer Leute zu erlauben. Kein TikTok- oder Instagram-Filter der Welt kann von Putin zerbombte Häuser wieder schön machen. Es ist nichts falsch daran, den Krieg und seine Folgen auf diese Weise zu zeigen oder zu betrachten.

Warfluencer sind – das ist meine persönliche Sicht – sogar notwendig, um die Monstrosität des Krieges denjenigen nahezubringen, die über jeden anderen Aspekt ihres Lebens auch in sozialen Medien informiert werden. Vielleicht sind TikTok-Videos in ihrem eingeübten Zwang zu Kürze und beiläufiger Prägnanz und von echten Personen als Absendern sogar die bessere Art, einen Krieg zu fühlen. Oder besser: dem Publikum wenigstens eine entfernte Ahnung vom Gefühl des Krieges zu vermitteln.

Die Bilder allein kennt man hunderttausendfach, aus Videospielen und Filmen. Aber das über soziale Medien dargestellte, persönliche Erleben des Krieges von einer Person, die man zuvor schon verfolgt hat (oder hätte verfolgen können), entfaltet eine ganz andere Wucht.

Eines der eindrucksvollsten Zeugnisse in sozialen Medien besteht aus einem kurzen Tweet von einem Account mit dem Namen Roman Skliarow. Er braucht nur ein paar Worte und ein Foto : »Es war mein Zuhause. Boulevard Shevchenka 359 #Mariupol «. Das dazugehörige Bild zeigt ein völlig ausgebranntes, von Trümmern umgebenes Gebäude.

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Gerade weil kein Blut, keine Leichen, keine Waffen zu sehen sind, ist der Tweet so stark: spürbare Verzweiflung statt sichtbarer Gewalt gegen Menschen. Fast 50.000 Likes hat er bekommen und über 11.000 Retweets. Es ist dabei nicht unbedingt ausschlaggebend, ob Roman Skliarow wirklich dort gewohnt hat oder wirklich so heißt, weil geprüfte und belegte Berichte und Bilder beweisen, dass diese Situation in der Ukraine und speziell in Mariupol tatsächlich besteht. Es ist eine Lebensgeschichte mit sechs Wörtern, einem Hashtag und einem Foto.

Trotz all des Horrors liegt in dieser sozialmedialen Dokumentation des Schreckens vielleicht auch ein kleiner Hoffnungsschimmer. Denn es gibt Leute, Aktivist*innen, die die oft belächelte allgegenwärtige Dokumentation des Alltags in den sozialen Medien auswerten. Sie verifizieren und verorten Fotos und Videos aus dem Krieg, sie ordnen dokumentierte Aktionen und Zerstörungen zu, sie analysieren Waffensysteme und Kriegsschäden. Mit dem Ziel, Kriegsverbrechen nachzuweisen, damit diese irgendwann vor Gericht gestellt werden können.

Das dürfte nur ein schwacher Trost sein, wenn Freunde und Familie ermordet wurden. Und wenn nichts mehr so ist wie noch vor ein paar Monaten, als man noch im Shewchenka-Boulevard 359 in Mariupol gewohnt hat. Aber jeder Tweet von der Front kann helfen.

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