Logan-Symposium in Berlin Schwere Zeiten für Whistleblower

Im Jahr drei nach Snowden debattieren Investigativ-Journalisten und Hacktivisten die weltweite Lage der Medien - und die ist eher trist. Da musste der WikiLeaks-Herausgeber Julian Assange wieder Mut machen.
Julian Assange

Julian Assange

Foto: CC BY-SA 2.0 / Jan Fels

Etwas erschöpft sieht er aus, weißes Punk-T-Shirt, schwarzes Jackett: Julian Assange, der Herausgeber von WikiLeaks. Applaus brandet durch den großen Saal des Berlin Congress Center am Alexanderplatz, als der Videolink mit dem Flüchtling in der ecuadorianischen Botschaft in London schließlich steht.

"Füttert das Monster nicht weiter", sagt Assange. Er spricht über Google und deren enge Kooperation mit der US-Regierung, über die Integration von Google in den militärisch-industriellen Komplex.

Seit Freitagmorgen sind im Berliner Kongresszentrum mehrere hundert Journalisten, Hacker und andere Interessierte versammelt, zum Logan-Symposium  "Challenge Power! Building Alliances against Secrecy, Surveillance and Censorship" des Centre for Investigative Journalism. Der SPIEGEL zählt zu den Unterstützern des Symposiums.

"Auf ihren Anruf haben wir schon gewartet"

Drei Jahre nach den ersten Enthüllungen von Edward Snowden versuchen Vertreter der internationalen Netzgemeinde eine Standortbestimmung. Was hat sich verändert, seit das ungeheure Ausmaß der Massenüberwachung im Internet bekannt geworden ist?

Bei den Journalisten nicht sonderlich viel, nach den Beiträgen etlicher Referenten zu schließen. Die allermeisten könnten noch immer nicht ihre E-Mails verschlüsseln, beklagte die amerikanische Anwältin Jesselyn Radack, die etliche Whistleblower vertritt. Die routinemäßige Nutzung eines Tor-Browsers sei ebenso selten.

Die Post-Snowden-Ära zeichnet sich dadurch aus, dass die technischen Möglichkeiten enorm sind. Inzwischen nutzen nicht nur Geheimdienste Überwachungstechnologien, sondern auch private Akteure. SPIEGEL-Redakteur Marcel Rosenbach zeigte, wie billig Key Logger inzwischen sind, mit denen sich alle Eingaben in einem Computer rekonstruieren lassen. Auch Geräte zum Datenabgreifen in W-LANs sind überall zu haben.

Journalisten müssen also auf der Hut sein, dass sie nicht von denjenigen, über die sie recherchieren, präventiv ausspioniert und überwacht werden. So wie Rosenbach es erlebte, als ihm der Sprecher eines Unternehmens, über das er recherchierte, sagte: "Auf ihren Anruf haben wir schon gewartet." Aufgrund von Gegenrecherche in sozialen Netzwerken erklärte der Sprecher eines anderen Unternehmens: "Wir kennen Ihren Informanten."

"Ihr seid in einer ziemlich luxuriösen Lage"

Zu den schlechten Nachrichten für die Sympathisanten von WikiLeaks und von Whistleblowern zählen die Reaktionen verschiedener Regierungen auf die Snowden-Enthüllungen. Die konservative Regierung in Großbritannien beispielsweise ist gerade dabei, den Datenschutz in enormen Ausmaß zu demontieren.

Im Journalismus gibt es mutige Einzelkämpfer, wie den ghanaischen Under-Cover-Journalisten Anas Aremya Anas, der Günter Wallraff Afrikas, der auf dem Symposium seine waghalsigen Einsätze präsentierte. Es gibt interessante Netz-Plattformen, manche erfolgreich wie Mediapart  in Frankreich.

Die Entwicklung der etablierten Medien dagegen ist für die Referenten des Symposiums weniger erfreulich. Die wirtschaftliche Basis des investigativen Journalismus ist durch die digitale Revolution bedroht, die Mainstream-Narrative dominieren. Seymour Hersh, der legendäre US-Enthüllungsjournalist, befindet barsch: "In den USA gibt es keine Nachrichten mehr, die diesen Namen noch verdienen."

Als am Donnerstag Abend Depression und Düsternis um sich griffen, versuchte Julian Assange die Versammelten wieder moralisch aufzurichten. "Es wäre falsch, in Selbstmitleid zu versinken", sagte er via Videolink aus der ecuadorianischen Botschaft in London. "Was machen die Leute in Syrien gerade durch? Ihr seid in einer ziemlich luxuriösen Lage, bei eurem Symposium Berlin."

Am Ende wirkte der Herausgeber von WikiLeaks fast wie ein Therapeut, als er seinen Anhängern sagte: "So lange du einen Menschen hast, der sich um dich sorgt, der dich liebt, sei es deine Mutter, Bruder, Schwester oder Freunde, so lange bist du nicht verloren."

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