Marina Weisband

Radikalisierung im Internet Uns fehlen die Worte

Marina Weisband
Von Marina Weisband
Wenn über Radikalisierung gesprochen wird, die etwa zum Anschlag in Halle geführt hat, stößt die Debatte schnell an eine Sprachbarriere. Das Vokabular der Mechanismen von Extremismus im Netz ist vielen fremd. Das muss sich ändern.
Foto: Ikon Images/ imago images

Kürzlich saß ich in der Sendung von Maybrit Illner und sollte darüber sprechen, wie "das Internet" mit dem Anschlag in Halle zusammenhänge. Allerdings musste ich mich bei fast jedem zweiten Satz selbst unterbrechen. Sonst hätte ich ein Wort benutzt, bei dem Frau Illner darum gebeten hätte, es den Zuschauer*innen erst einmal zu erklären.

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Im Frühling dieses Jahres, kurz nach dem Massaker im neuseeländischen Christchurch, ging es mir ähnlich: Ich sollte vor Sozialpädagog*innen sprechen, die sich mit der Prävention von Rechtsextremismus bei Jugendlichen beschäftigen. In meinem Vortrag versuchte ich zu erklären, warum der Täter in Neuseeland zu Beginn seines Videos gesagt hatte: "Subscribe to PewDiePie".

Zur Autorin
Foto: Sean Gallup/ Getty Images

Marina Weisband, Jahrgang 1987, ist Diplompsychologin, Autorin und ehemalige politische Geschäftsführerin der Piratenpartei Deutschland. Sie leitet derzeit das Demokratieprojekt "aula" und ist Expertin für digitale Bildung und Beteiligung.

PewDiePie ist der erfolgreichste YouTuber der Welt. Normalerweise macht er Let's Plays und Unterhaltungsvideos. Warum wird jemand so scheinbar Unbeteiligtes in diese Tat hineingezogen? Das liegt daran, dass "Subscribe to PewDiePie" längst ein Meme geworden war. Ein Meme, das in Teilen der Gamerszene, auf Imageboards und sogar unter Hackern kursierte. Hier sah der Attentäter von Christchurch sein Publikum. Sie sprach er mit einem Augenzwinkern an. "Ich bin einer von euch."

Wenn für Sie im vorherigen Abschnitt viele unbekannte Wörter auftauchten, geht es ihnen nicht anders als damals meinen Zuhörern in diesem Raum. Und das ist problematisch. Denn wie will man der Radikalisierung von Jugendlichen begegnen, die heutzutage häufig online stattfindet, ohne zu verstehen, was sie online so tun? Ohne den Werkzeugkoffer ihrer Gegenspieler zu kennen?

Für vieles gibt es keine deutsche Übersetzung

Unsere Gesellschaft scheint unfähig, über die Mechanismen moderner Radikalisierung zu sprechen. Wohlgemerkt, die Mechanismen der Radikalisierung. Nicht ihre Ursprünge, die sind so wie immer. Nicht die Politik dahinter, die ist so wie immer. Nämlich: gegen die anderen. Aber das Aussehen der Radikalisierung hat sich gewandelt. Und wir können kaum adäquat öffentlich darüber reden. Weil die Worte unbekannt sind.

Ich wurde häufiger aufgefordert, "dann eben deutsch zu sprechen". Aber es gibt für die meisten dieser Phänomene einfach noch keine deutsche Übersetzung. Nicht nur die Worte sind unbekannt, auch die Konzepte. Dogpiling zum Beispiel bezeichnet das abgesprochene massierte Angreifen einer einzigen Person in ihren Kommentaren, das für die Person wie ein spontaner Shitstorm aussieht. Ein Vorgehen, das erst im Internet zu einem Standardwerkzeug der Gewalt geworden ist.

Aber auch scheinbar harmlose Humor-Accounts, wie der besagte von PewDiePie, tragen mit Witzen über Juden, über Muslime und Frauen zu Radikalisierung bei. Und global vernetzte Rechtsextremisten docken an diese Plattformen an - nicht zufällig, sondern systematisch. Die neue Rechte spielt gekonnt mit verschobenen Bedeutungen, mit Ironie, Andeutungen und Abstreitbarkeit.

Das macht die Szene schwer greifbar und schwer angreifbar. Und so verlaufen viele öffentliche Debatten auf immer demselben Niveau: Videospiele machen angeblich gewaltbereit, das Internet muss stärker überwacht werden, und überhaupt ist wahrscheinlich das Dark Web schuld.

Ein Cartoon-Frosch sollte Lehrer*innen stutzig machen

Unkenntnis der Web-Phänomene kann zu der Assoziation verleiten, alle Memes seien irgendwie böse. Oder auf Imageboards trieben sich nur frustrierte junge weiße Männer herum, die Juden hassen. Das stimmt aber nicht.

Wie fast alle Phänomene des Internets bieten diese Räume, diese Ausdrucksmittel und auch ihre Anonymität viel Schutz für Menschen. Sie bieten Gesellschaft und Gemeinschaft. Sie bieten eine Erweiterung des eigenen Horizonts. Memes und Spiele sind schon lange Vehikel interkulturellen Austauschs, weil sie international geteilt werden. Weiß Gott, ich hätte meine Pubertät ohne die warme Onlinegesellschaft meiner Jugend vielleicht nicht so gut überstanden.

Aber das Gemeinschaftsgefühl im Netz kann eben auch missbraucht werden. Um Jugendliche, die anderswo keinen gesellschaftlichen Halt finden, in Netze rechtsradikalen Gedankenguts zu ziehen. Erst humorvoll. Dann ironisch. Dann wiederholt. Dann ernst.

Will man dem etwas entgegensetzen, muss man die Szene und ihre Mechanismen verstehen. Es reicht nicht, dass Kriminalbeamte sich darin fortbilden lassen und eine tiefere Szenekenntnis der internationalen Rechten entwickeln. Lehrer*innen müssen verstehen, welcher Humor gefährlich werden kann. Sie müssen aufmerksam werden, wenn einer ihrer Schüler mit einem Cartoon-Frosch-Button herumläuft. Therapeut*innen müssen darauf vorbereitet sein, mit Opfern von Onlinegewalt zu arbeiten.

Der übersehene Raum stärkt Extremisten

Wir müssen mehr mit Jugendlichen sprechen über das, was sie tun. Nicht kontrollierend, sondern mit aufrichtigem Interesse und Respekt. Und selbst die breite Öffentlichkeit, also die Glücklichen, die weder Kriminalbeamte noch Pädagog*innen sind, sollten zumindest die wichtigsten Begriffe erklärt bekommen. Schön wäre also, wenn wir in Artikeln und Fernsehbeiträgen häufiger auf Phänomene wie Memes, 8chan, Dark Web, Surface Web , Incels, Streaming oder Twitch eingehen könnten, die englischen Begriffe nicht scheuend und auf verständlichem Niveau erklärend.

Denn ihre Obskurität ist den Rechten willkommen. Extremisten waren schon immer diejenigen, die neueste Technologien als Erste beherrscht haben. Die immer da waren, wo die öffentliche Debatte noch nicht war. Der übersehene Raum stärkt sie.

Und wenn wir in Talkshows, in Zeitungen oder auf öffentlichen Podien über Rechtsextremismus reden, müssen wir diese Dinge erwähnen, weil wir diesen uns unbekannten Raum sonst nicht verstehen. Natürlich muss und kann die Gesellschaft nicht den ganzen Jargon der Jugend und die Memes der Rechten kennen. Doch die Grundlagen des Vorgehens sollten wir verstehen. Denn nur die breite Gesellschaft als Ganzes kann Extremismus wirklich effektiv begegnen. Wenn wir die Worte nicht haben, können wir ihm nur mit Fassungslosigkeit und Schweigen begegnen.

Allein damit lassen sich aber Menschen und die Demokratie nicht schützen.

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