Soziales Netzwerk Mastodon Einsamer Twitter-Ersatz für Behörden

Deutsche staatliche Institutionen sollen auf Facebook keine Bürgerkontakte mehr pflegen. Datenschützer wollen sie in das dezentrale Mastodon-Netzwerk locken. Doch dessen Vorteile sind auch dessen Nachteile.
Mastodon-Präsenz des ITZBund: 12 Beiträge, 603 Follower

Mastodon-Präsenz des ITZBund: 12 Beiträge, 603 Follower

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ITZBund

Das Bundesgesundheitsministerium warnt auf Facebook  vor dem Ansteckungsrisiko über die Osterfeiertage und vor Long Covid, die Bundeswehr wirbt um Nachwuchs , die Bundesregierung informiert über die Rentenerhöhungen  und ein Investitionsprogramm in öffentlichen Nahverkehr.

Eigentlich sollte es damit schon lange vorbei sein: Der Bundesdatenschutzbeauftragte Ulrich Kelber hat bereits im Juni vergangenen Jahres ein Rundschreiben an die Bundesbehörden geschickt, in dem sie aufgefordert werden, ihre Aktivitäten auf der US-Plattform einzustellen. Der Grund: Wenn Bürger über Facebook mit den Behörden interagieren, landen viele Daten bei dem US-Unternehmen. Zwar hatte der Konzern einige Zugeständnisse bezüglich der Verwendung dieser Daten gemacht, doch die bewertete Kelbers Behörde als unzureichend. Deshalb sollte bis Januar dieses Jahres Schluss sein mit Behörden-Fanpages.

Kommerzfreie Alternative

Der Kampf um die Facebook-Seiten der Bundesregierung dauert schon seit 2019 an. Inzwischen mussten Kelber und seine Kollegen einsehen: Ohne Kampf wollen viele Behörden ihre Facebook-Präsenz nicht aufgeben. Zu wertvoll sind die Bürgerkontakte. Allein die offizielle Facebook-Seite der Bundesregierung hat mehr als eine Million Follower. Das Bundesgesundheitsministerium konnte unter Karl Lauterbach die Zahl seiner Follower auf fast 800.000 verdoppeln. Diese Kommunikationsfäden einfach abzuschneiden, will sich kaum ein Politiker erlauben.

Bevor Kelber deshalb Verfügungen unterschreibt, die die Bundesregierung zum Verzicht verpflichten würden, versuchen die Datenschützer zu demonstrieren, dass man mit den Bürgern auch ohne die Hilfe der großen IT-Konzerne kommunizieren kann. Ihre Wahl fiel auf Mastodon, einem Open-Source-Netzwerk, das 2016 von einem deutschen Entwickler gestartet wurde und dem sich mittlerweile Tausende Server angeschlossen haben (mehr dazu hier).

Ähnliche Oberfläche, anderes Prinzip

Auf den ersten Blick wirkt Mastodon wie Twitter: Es gibt eine Timeline, man kann anderen Nutzern folgen, deren Beiträge retweeten und Direktnachrichten austauschen. Doch Mastodon ist kein simpler Klon des sozialen Netzwerks mit einem leicht veränderten Aussehen, sondern unterscheidet sich fundamental von den kommerziellen Alternativen.

Twitter, Facebook und TikTok sind darauf optimiert, die Nutzer möglichst lange zu beschäftigen, damit sie so viel Werbung wie möglich sehen, mit der sich die Betreiber finanzieren. Da es bei Mastodon keine Werbung gibt, entfällt die Notwendigkeit, den Nutzern eine algorithmisch sortierte Timeline aufzuzwingen.

Mastodon-Nutzer – auch »Tröter« genannt – werden nicht systematisch zu besonders attraktiven, lustigen oder empörenden Inhalten geleitet. Es ist ein Kommunikationsraum zwischen Gleichen. Das bedeutet aber auch: Influencer und Promis haben an dem Netzwerk eher kein Interesse, Accounts von Mats Hummels oder Elon Musk sucht man vergebens.

Ein weiterer zentraler Unterschied: Mastodon ist dezentral. Das bedeutet, dass es keine einheitlichen Mastodon-Accounts gibt. Stattdessen kann man sich einen von Tausenden verschiedenen Servern aussuchen, um sich einzuloggen. Es gibt lokale Server, etwa in Bonn, es gibt Mastodon-Instanzen  für Feuerwehrleute, Juristen und für Rollenspieler. Verbunden werden diese Server durch ein »Fediverse«, sodass man ohne große Probleme den Inhalten der Nutzer auf anderen Servern folgen kann.

Kommunikation ohne viralen Turbo

Der baden-württembergische Datenschutzbeauftragte Stefan Brink hat seinen Twitter-Account bereits vor mehr als zwei Jahren stillgelegt und den Wechsel zu Mastodon vollzogen. Für den Behördenchef ein schmerzhafter Schritt: Er musste auf über 4000 Follower verzichten, mit denen er oft kontroverse Diskussionen zum Datenschutz führte und die ihm auch mediale Aufmerksamkeit brachten.

Inzwischen hat sich Brink eine neue Community erarbeitet: Auf Mastodon folgen ihm inzwischen mehr als 1800 Accounts. Der Austausch ist anders als auf Twitter. »Momentan wirkt Mastodon noch wie eine Insel der Glückseligen: Man kennt sich, man kann sich gegenseitig einschätzen«, erklärt er dem SPIEGEL. »Der Nachteil ist: Es fehlt quasi der Turbo in der Kommunikation.« Inhalte werden nicht viral verbreitet. Dafür bleiben aber auch die Shitstorms aus.

Hier zeigt sich der Netzwerk-Effekt: Je mehr Nutzer ein Netzwerk hat, desto wertvoller ist es für den einzelnen Teilnehmer. Statt Promis sieht man bei Mastodon viele Accounts von Leuten, die das dezentrale Netzwerk ausprobiert haben, aber mangels Interaktionen wieder zu Twitter und Facebook zurückgekehrt sind. Medien finden sich meist nur in Form von inoffiziellen Bots, die aktuelle Schlagzeilen verbreiten. Nur als herauskam, dass die neue Social-Media-Plattform des ehemaligen US-Präsidenten Donald Trump Technik von Mastodon kopiert hat, bekam das Netzwerk kurzzeitig mediale Aufmerksamkeit.

Behörden als Keimzelle?

Um die Spirale der Enttäuschung zu durchbrechen, haben Brink und Kelber nicht nur Accounts angelegt, sondern eigene Mastodon-Server aufgesetzt, auf die sie andere Behörden einladen. Neben dem Bundesdatenschutzbeauftragten  und dem Informationstechnikzentrum Bund  ist etwa das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik  bereits auf der Plattform aktiv.

Die Hoffnung ist, dass die Bürger folgen werden. »Je breiter das Angebot der Behörden bei Mastodon wird, umso mehr steigen aber auch die Nutzendenzahlen«, erklärt ein Sprecher des Bundesdatenschutzbeauftragten. »Viele Follower unseres Accounts sind sehr interessiert am direkten Austausch und machen außerdem konstruktive Vorschläge zur Verbesserung unserer Presse- und Öffentlichkeitsarbeit.« Ob das reicht, um viele Bürger, oder gar Elon Musk, anzulocken, bleibt abzuwarten.

Viele scheinen aber sowieso ein soziales Netzwerk ohne Musk zu bevorzugen. Kurz nachdem der Tesla-Milliardär seine Übernahmepläne für Twitter verkündet hatte, trendete Mastodon auf Twitter. Viele Nutzer geben der Alternative eine neue Chance.