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Patrick Beuth

Metaverse, NFTs und Blockchains Web3 ist das Internet, das es zu verhindern gilt

Patrick Beuth
Ein Netzwelt-Newsletter von Patrick Beuth
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Liebe Leserin, lieber Leser,

seit Monaten schaue ich mir an, was uns die Metaverse- und Krypto-Propheten als die Zukunft des Internets verkaufen wollen, und ich komme zu dem Schluss: Ich will es nicht haben.

Damit bin ich nicht allein. In den vergangenen Tagen und Wochen haben reihenweise kluge Menschen wuchtige und teils wütende Abhandlungen zu Web3, Metaverse, NFT, Blockchain und Krypto veröffentlicht, den Bestandteilen und zentralen Konzepten dieser angeblichen Zukunft. Das sind Vokabeln, denen Sie jetzt ständig begegnen werden, wenn Sie etwas zum kommenden Web lesen. Was genau jeweils dahintersteckt, ist in weiten Teilen noch gar nicht ausgemacht. Aber die Richtung, in die sich die Technik und die derzeitigen Anwender bewegen, ist enttäuschend.

Die folgende Empfehlungsliste mag einseitig wirken, aber das macht die Argumente der genannten Personen nicht weniger relevant. Und sie ließe sich noch erheblich verlängern.

Hier wird nicht nur erklärt, sondern abgerechnet

Der unter dem Pseudonym tante bekannte Informatiker und Experte für die Wechselwirkungen von Technik und Gesellschaft hat einen langen Einführungstext zum Thema mit dem Titel »The Third Web«  veröffentlicht. Lesen Sie den am besten zuerst, wenn Sie mit den Begriffen Blockchain, NFT, Token und DAO noch nichts anfangen können.

Hier wird allerdings nicht nur erklärt, sondern auch gleich abgerechnet: Web3 werde »den Aufstieg einer neuen zentralisierten Entität nicht verhindern, Macht nicht neu verteilen, aber uns wichtige [politische – Anm. d. Red.] Mechanismen wegnehmen, die wir gerade haben«, schreibt der Experte, und weiter: »Das Versprechen des Internets, Menschen Zugang zu Informationen und potenziell die Macht der Veröffentlichung zu geben, soll ersetzt werden durch ein unreguliertes Kasino, das buchstäblich unseren Planeten abfackelt.«

Eine deutsche Übersetzung soll bald erscheinen, schauen Sie ab und zu mal auf tante.cc  nach.

Casey Newton, ein in den USA bekannter und geschätzter Technikjournalist, hält insbesondere Blockchains und den Handel mit NFTs für haarsträubend unausgereift. Er schreibt in »Drei Dinge, die Web3 im Jahr 2022 reparieren sollte« : »Das Web3 ist ein derartiges Chaos, dass es fünf bis sechs Jahre dauern könnte, es zu reparieren – sofern die Arbeit bald anfängt. Ich bin nur nicht sicher, dass irgendjemand es versucht.« Die scheinbar endlose Reihe von Pannen, Betrugsfällen und Unzulänglichkeiten der Anbieter in diesen Feldern geben ihm recht.

Womit ich bei Molly White wäre. Die Softwareentwicklerin sammelt auf der Website Web3 is going just great  zum einen Meldungen über besonders absurde Versuche der NFT-Gläubigen, wirklich alles auf der Welt in handelbare Token zu verwandeln. Zum anderen listet sie Nachrichten über Betrug, Abzocke und Pannen auf den neuen Handelsplattformen für Kryptowährungen und NFTs auf. Die Liste ist schon jetzt grotesk lang.

Web3: Alles wird handelbar, alles wird kommerzialisiert

Web3: Alles wird handelbar, alles wird kommerzialisiert

Foto: TIMOTHY A. CLARY / AFP

Moxie Marlinspike, Mitgründer und scheidender CEO des Messengers Signal, hat selbst mit NFTs experimentiert, um einen »ersten Eindruck vom Web3«  zu bekommen. Und dieser erste Eindruck lautet: Das ach so dezentrale neue Netz ist auf technischer Ebene so ziemlich das Gegenteil von dezentral. Es ist einfach ein Goldrausch, schreibt Marlinspike, und den Teilnehmern ist nicht wichtig, ob die darunterliegenden Modelle dezentral sind: »Ihnen ist wichtig, wo das Geld ist.«

Keza MacDonald vom »Guardian« wiederum kennt sich mit virtuellen Welten und Games aus, und sie weiß, wer diese Welten erschaffen hat. Sie schreibt in »I’ve seen the metaverse – and I don’t want it« : »Mir wäre wohler bei dem Gedanken ans Metaverse, wenn es nicht gerade von jenen Unternehmen und Katastrophenkapitalisten dominiert wäre, die herauszufinden versuchen, wie sie mehr Geld scheffeln können, während die Ressourcen der realen Welt zur Neige gehen.«

Das mehr als zweistündige YouTube-Video »Line goes up«  des Kanadiers Dan Olson schließlich ist etwas für Fortgeschrittene. Wenn Ihr Englisch und Ihr Technikverständnis gut sind, aber Ihr Wissen über die Profiteure und die Opfer der Kryptowährungswelt nicht, nehmen Sie sich die Zeit dafür – es lohnt sich. YouTube bietet übrigens eine verringerte Wiedergabegeschwindigkeit an, dann wird das Video zwar noch länger, aber das Mitdenken bei Olsons wortgewaltiger Tour de Farce wird leichter.

Zusammengefasst erklären diese sechs klugen Menschen eindrücklich: Die angedachten Bestandteile des Web3 sind in ihrer heutigen Form fundamental kaputt. Sie bringen nur ohnehin schon wohlhabenden Menschen Wohlstand und lösen kein einziges der großen Menschheitsprobleme, im Gegenteil. Und offenbar arbeitet niemand ernsthaft daran, das zu ändern.

Technikjournalismus könnte in den kommenden Jahren ein ziemlich deprimierender Job werden.

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Kommen Sie trotz allem gut durch die Woche,

Patrick Beuth

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