Netz-Reaktionen auf Camerons EU-Nein "Als ob man die Titanic besteigt"

Wahnsinn oder Methode, Prinzipientreue oder Isolationismus? Britische Internetnutzer diskutieren teils erbittert über die Entscheidung ihrer Regierung, den neuen EU-Vertrag abzulehnen. Vielen ist die Macht der Londoner Banken unheimlich - andere behelfen sich mit typisch britischem Humor.

Twitter: "Alle Hoffnungen auf Eurovision Song Contest zunichtegemacht."

Twitter: "Alle Hoffnungen auf Eurovision Song Contest zunichtegemacht."


Hamburg - Britische Social-Media-Nutzer sind, was die Entscheidung zum EU-Vertrag angeht, so gespalten wie vermutlich das ganze Land. Britische Euro-Skeptiker sind seit jeher eine starke, vor allem aber lautstarke Fraktion. Sie fühlen sich von David Camerons Entscheidung, sich nicht dem neuen Stabilitätspakt anzuschließen, bestärkt, sie applaudieren dem Premierminister. "Irgendjemand muss sich ja dem Übel entgegenstellen, dass von der EU-Bürokratie ausstrahlt", twitterte eine Britin. Andere gießen ihre Skepsis gegenüber der Zukunft der Europäischen Union in sarkastische Witze: "Wow. Kroatien wird in dieser Woche der EU beitreten. Das ist, als ob man die Titanic besteigt - eine halbe Stunde, nachdem sie den Eisberg gerammt hat."

In anderen Wortmeldungen klingt fast so etwas wie Wehmut mit. Einer twittert: "Kann mich mal jemand erinnern, was der Zweck der EU ist? Uns näher zusammenzubringen? Sie hat den genau entgegengesetzten Effekt. #Wahnsinn."

Bestätigt fühlen sich nun all jene im Vereinigten Königreich, die schon seit langem ein Referendum zur EU-Mitgliedschaft des Landes wünschen - selbstverständlich in der Hoffnung, dass die Briten "No" sagen werden zu Europa. Vom Twitteraccount @VoteUKOUTofEU wird gefordert: "Wir wollen nicht nachverhandeln, wir streiten für unser demokratisches Recht, ein Referendum darüber abzuhalten, ob das Vereinigte Königreich in der EU bleiben soll."

"Wir produzieren NICHTS"

Auf der Facebook-Seite des Premiers selbst haben sich über 260 Kommentare angesammelt, viele unterstützend, manche kritisch, und manche nationalistisch bis blauäugig. Michelle Tanfield-Johnson etwa schrieb: "Jetzt müssen wir nur die EU verlassen, mehr Jobs im produzierenden Gewerbe schaffen, Dinge überall in die Welt verkaufen und dann haben wir vielleicht wieder ein bisschen Respekt für unser eigenes Land." Wenn Großbritannien keine Banken hätte, glaubt Tanfield-Johnson, "wären wir ein Dritte-Welt-Land, weil wir NICHTS produzieren".

Die Rolle der Banken und der Londoner Börse bei Camerons Entscheidung ist generell ein heiß diskutiertes Thema. Der Schriftsteller Christian DeFeo twitterte: "Lieber Mr. Cameron: Ihre Kumpel in der City (of London) sind mir egal. Mir liegen Leeds, Bradford, Sheffield etc. am Herzen. Sie haben uns in die Scheiße geritten." DeFeo fürchtet, nun würden strukturschwache britische Regionen es schwerer haben, an EU-Subventionen zu kommen.

"Zur Frauentausch-Party nicht die eigene Frau mitbringen wollen"

Bei Facebook schreibt Lynn Matthews an Cameron: "Sie können wetten, dass London hieran verdienen wird … und sei es nur, weil es Londons Methode Geld zu machen ist, auf solche Dinge zu wetten." "Lefty Lisa" sekundiert bei Twitter: "Wenn Dave sagt, 'Großbritanniens Interessen schützen', meint er 'die Fähigkeit meiner Freunde schützen, so viel Geld wie möglich zu machen'." Ebenfalls bei Twitter fragt sich eine Dame namens Cathy, "ob Cameron den EU-Vertrag nicht unterschreiben will, weil es schlecht für Großbritannien wäre, oder nur, um etwas zu beweisen". Welche Bedeutung die Londoner City seiner Meinung nach für die Entscheidung hatte, bringt der Krimi-Autor Ian Rankin bei Twitter auf eine kurze Formel: "Das Vereinigte Königreich hat 90.060 Quadratmeilen. David Cameron hat für eine davon bis aufs Blut gekämpft."

Auch über Großbritanniens neue Rolle in Europa und der Welt machen sich in diesen Stunden offenbar viele Briten Gedanken. Lynda Marshall behilft sich mit einem bitteren Sprachwitz: "'Chuck' bedeutet, etwas achtlos verwerfen. Die neue EU-Außengruppe hat einen Namen: die CHUKS (Czechs, Hungarians, UK, Swedes)."

Viel zitiert wird von britischen Twitterern ein Satz, den der "Telegraph" einem ungenannten, offenbar zornigen französischen Diplomaten zuschreibt: "Großbritannien benimmt sich wie ein Mann, der zu einer Frauentausch-Party gehen will, ohne seine Frau mitzubringen."

Mancher macht sich über das Geschehen auch einfach lustig, auf sehr britische Art und Weise. Ein humoriger falscher "Prinz Charles" mit über 35.000 Followern bei Twitter merkt knapp an: "Mr Cameron hat gegen einen EU-Vertrag gestimmt und damit alle unsere Hoffnungen für den Eurovision Song Contest zunichtegemacht." Der falsche Charles stellt auch eine Verbindung zwischen dem Champions-League-Ausscheiden von Manchester United und dem EU-Streit her: "(Manchester-United-Trainer) Alex Ferguson am Telefon gehabt. Sagt, er habe 'die Schlagzeilen missverstanden - Großbritannien muss raus aus Euro'. Peinlich."

cis

insgesamt 11 Beiträge
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Seite 1
chiefclancywiggum 09.12.2011
1. Danke!
Zitat von sysopWahnsinn oder Methode, Prinzipientreue oder Isolationismus? Britische Internetnutzer diskutieren teils erbittert über die Entscheidung ihrer Regierung, den neuen EU-Vertrag abzulehnen. Vielen ist die Macht der Londoner Banken unheimlich - andere behelfen sich mit typisch britischem Humor. http://www.spiegel.de/netzwelt/netzpolitik/0,1518,802773,00.html
Dann haben sich die vielen hundert Milliarden für die Euro- Rettung doch gelohnt, wenn es bedeuten würde, dass die Inselaffen jetzt bei der EU nicht mehr mitmischen! Gut gemacht, Merkozy! Endlich mal die Fronten abgeklärt!
refacalpe 09.12.2011
2. die Briten sollen gehen
Herr Cameron soll doch aus der EU austreten, er würde vielen in Europa einen gefallen damit tuen, und wenn die Herrschaften oder besser Bettelbarone nicht Zigeunerbarone in Budapest meine sie müßten dem britischen Beispiel folgen dann sollen sie gehen, erst die EU um Milliardeb anbetteln, die Pressefreiheit untergraben und dann so tuen als sei die EU von der Gnade Ugarns abhängig. Großbritanien unnd Ungarn sind kein Verlust. Good Bye Mr Cameron, viszontlátásra úr Victor Urban
ZiehblankButzemann 09.12.2011
3. Kein Vergleich!
Die Titanic wurde wenigstens sauber auf dem Grund geparkt, auch wenn das Orchester zu dieser Wassermusik nicht mehr zu überreden war. Und es war auch kein Eisberg, wie oft falsch überliefert, an dem Unglück schuld, sondern ein Eisbär nämlich genauer der Ur-Grossvater Knut-Ench-Amun des allseits beliebten kleinen deutschen Eisbären Bübchens, der nun wiederum auch schon beim lieben Gott auf einer Eiswolke herumtollt. Der Regisseur von Titanic heißt rein zufällig auch Cameron.
chrimirk 09.12.2011
4. Die Titanic war auch "made in UK"
Zitat von sysopWahnsinn oder Methode, Prinzipientreue oder Isolationismus? Britische Internetnutzer diskutieren teils erbittert über die Entscheidung ihrer Regierung, den neuen EU-Vertrag abzulehnen. Vielen ist die Macht der Londoner Banken unheimlich - andere behelfen sich mit typisch britischem Humor. http://www.spiegel.de/netzwelt/netzpolitik/0,1518,802773,00.html
Und als absoluter Superlativ gepriesen worden, besonders von Inselbewohnern. Heute solche Vergleiche zu ziehen, auch noch auf Kosten der Kroaten die es bestimmt nicht einfach hatten, zeugt von wenig sog. britischer Tugenden. Es ist mehr Ausbruch von Hilflosigkeit, gepaart mit einer Portion britischer Arroganz! No ja. Zeit zum Nachdenken gibt es jetzt auf der Insel viel.
Luscinia007 09.12.2011
5. CHUKS-Gruppe
Zitat von sysopWahnsinn oder Methode, Prinzipientreue oder Isolationismus? Britische Internetnutzer diskutieren teils erbittert über die Entscheidung ihrer Regierung, den neuen EU-Vertrag abzulehnen. Vielen ist die Macht der Londoner Banken unheimlich - andere behelfen sich mit typisch britischem Humor. http://www.spiegel.de/netzwelt/netzpolitik/0,1518,802773,00.html
Der Begriff "CHUKS" könnte Schule machen. Wie BRIICS-Staaten. Ich glaube, die Briten haben gerade 'ne Menge auszudiskutieren.
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