Forschungsprojekt in Nordrhein-Westfalen Künstliche Intelligenz soll Kinderpornografie schneller enttarnen

Polizeiauswertungen zu Kinderpornografie sind kompliziert. Eine neue Software soll Ermittlern in Nordrhein-Westfalen helfen, strafrechtlich relevantes Beweismaterial schneller zu erkennen.

Die Kinderpornografie-Plattform "Elysium" (Bild) haben die Ermittler stillgelegt - doch Kinderpornografie bleibt online massenhaft verfügbar
Arne Dedert / DPA

Die Kinderpornografie-Plattform "Elysium" (Bild) haben die Ermittler stillgelegt - doch Kinderpornografie bleibt online massenhaft verfügbar


Kinderpornografie zu sichten, ist für Ermittler eine schwierige Aufgabe. Einerseits ist die Arbeit psychisch belastend, andererseits gibt es massenhaft Material. Künstliche Intelligenz (KI) soll Ermittlern in Nordrhein-Westfalen (NRW) nun den Umgang mit der Datenflut erleichtern. Seit April 2017 arbeiten das nordrhein-westfälische Justizministerium und die Zentralstelle Cybercrime NRW (ZAC) mit Microsoft und weiteren Experten an dem KI-Forschungsprojekt. Auf einer Pressekonferenz wurden am Montag in Düsseldorf nun erste Ergebnisse vorgestellt.

Der Umgang mit kinderpornografischem Datenmaterial unterliege sehr weitgehenden rechtlichen Einschränkungen, sagte NRW-Justizminister Peter Biesenbach (CDU): "Die Anwendung von Techniken künstlicher Intelligenz auf Basis von Cloud-Computing und neuronalen Netzen war daher bislang unmöglich." In dem interdisziplinären Projekt sei es nun aber gelungen, eine Lösung zu entwickeln.

Die KI-basierte Software siebt strafrechtlich relevantes Bildmaterial aus Beweismaterial aus und kann etwa Gesichter von Tätern und Opfern erkennen sowie bekannte von unbekannten Personen unterscheiden.

Wie die Auswertung funktioniert

Die automatische Bilderkennungssoftware filtert strafrechtlich relevantes Material aus beschlagnahmten Beweismitteln heraus. Um die rechtlichen Vorschriften einzuhalten, werden die Daten Microsoft zufolge vor der Auswertung zuerst auf den Rechnern von Polizei und Staatsanwaltschaft mit einem sogenannten Abstraktions-Layer verfremdet.

"Wir haben eine Abstraktionssoftware entwickelt, die auf diesen Servern lokal läuft, die es uns ermöglicht, die Bilder so weit zu abstrahieren, dass auf den Bildern für das menschliche Auge nichts mehr erkennbar ist - keine Person, keine Szenen, es sind sehr kleine Bilder in der Größenordnung einiger weniger Pixel", sagt Jan Kruse, Architekt für KI, Strategie und Innovation von Microsoft Deutschland.

Die Auswertung des abstrahierten Beweismaterials erfolgt dann durch Algorithmen in der Cloud. Ermittler müssen sich danach anstatt des gesamten Materials nur noch die automatisiert getroffene Vorauswahl ansehen und prüfen, ob tatsächlich strafrechtlich relevantes Bildmaterial vorliegt.

Das Personal soll aufgestockt werden

Microsoft zufolge sollen nun in der nächsten Projektphase die Algorithmen mit strafrechtlich relevanten, dekonstruierten Bilddateien trainiert werden, um die Treffergenauigkeit des Programms zu verbessern.

Trotz der geplanten KI-Assistenz will Nordrhein-Westfalen aber auch das menschliche Personal aufstocken. Mitte Juni hatte die mehr als 40.000 Köpfe zählende Polizei in Nordrhein-Westfalen nach Angaben des Innenministers für den Deliktbereich nur 104 Expertenstellen. Alle 47 Kreispolizeibehörden sollen ihr Personal für diese Aufgabe zukünftig mindestens verdoppeln. Bis Ende 2020 sollen alle Polizeibehörden zudem technisch in der Lage sein, ihre Daten zum Auswerten und Filtern an das Landeskriminalamt zu überspielen.

Längst nicht alles wird gesichtet

Herbert Reul (CDU), der Innenminister von NRW, hatte vor Kurzem gesagt, die Behörden schafften es nicht, "der riesigen Datenmengen Herr zu werden". Ihm zufolge befinden sich von rund 1900 Verfahren, die in dem Bundesland Mitte Juni wegen Verdachts auf Kindesmissbrauch oder Kinderpornografie anhängig waren, nur zwölf Prozent in der Auswertung. Allein 557 Durchsuchungsbeschlüsse warteten auf Vollstreckung.

Ermittler stellen häufig zahlreiche, unterschiedliche elektronische Speichermedien wie Laptops, Festplatten oder Handys sicher, auf denen Millionen von Dateien gespeichert sein können. Der NRW-Stabsstelle gegen Kinderpornografie zufolge kann ein Sachbearbeiter im Durchschnitt aber nur 500 Bilder pro Stunde sichten.

"Die große Herausforderung ist, Datenträger zeitgerecht auszuwerten, da die Ermittlungsbehörden Beweismittel nicht unverhältnismäßig lange einbehalten dürfen", so der Leiter der ZAC NRW, Oberstaatsanwalt Markus Hartmann. "Andernfalls besteht das Risiko, dass Beweismittel herausgegeben werden müssen, bevor sicher festgestellt ist, ob kinderpornografisches Material auf ihnen enthalten ist."

sop/dpa



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