NSA-Mitarbeiter auf LinkedIn Spion mit Berufserfahrung sucht neue Herausforderung

Wenn es um Spähaktionen in Deutschland geht, gibt sich der US-Geheimdienst NSA schmallippig. Im Internet sind seine eigenen Mitarbeiter offenherziger: Auf der Suche nach neuen Jobs plaudern sie im sozialen Netzwerk LinkedIn ausführlich über ihre Geheimdienstarbeit auf deutschem Boden.
Mutmaßlicher NSA-Stützpunkt "Dagger Complex": Wo operiert der US-Geheimdienst auf deutschem Boden?

Mutmaßlicher NSA-Stützpunkt "Dagger Complex": Wo operiert der US-Geheimdienst auf deutschem Boden?

Foto: Boris Roessler/ dpa

Hamburg - Ein Soldat der "485th Intelligence Squadron" muss besonders gute Arbeit geleistet haben: Der Spezialist für elektronische Kriegsführung war von Juli 2002 bis April 2005 in Mainz-Kastel stationiert und dort für Netzwerke und Satellitenkommunikation zuständig. Für das Jahr 2003 wurde er zum "Service Member of the Year" gekürt (Militärangehöriger des Jahres). Ein Kollege erhielt von der NSA für seinen Einsatz auf dem gleichen Stützpunkt eine Auszeichnung. Für Geheimdienstarbeit auf deutschem Boden.

All diese Informationen stammen nicht etwa aus einem weiteren Datenleck oder einer Veröffentlichung aus dem Fundus des NSA-Whistleblowers Edward Snowden. Sie stehen frei zugänglich im Berufskontakt-Netzwerk LinkedIn.

Da preist etwa ein Experte auf dem Gebiet der Spionage seine Qualifikationen an: Über 20 Jahre habe er Erfahrungen in der nachrichtendienstlichen Aufklärung gesammelt und dabei als "Interceptor" und "Analyst" gearbeitet. In der Rubrik "Berufserfahrung" erfährt man dann, dass der frühere "Signals Intelligence Supervisor" auch in Deutschland aktiv war.

Von September 2009 bis Oktober 2010 habe er in Darmstadt gearbeitet. Dort sei er dafür zuständig gewesen, abgefangene ausländische Kommunikation zu sammeln, zu übersetzen und zu verarbeiten. Darmstadt ist dafür ein guter Standort, denn in der Nähe befindet sich der streng geheime "Dagger-Complex", in dem vor allem Armee-Leute der 66. Military Intelligence Brigade arbeiten, der aber auch von der Lauschbehörde National Security Agency mitfinanziert wird.

Von offizieller Seite erfährt man wenig über die Arbeit der Geheimdienste in Deutschland. Medienanfragen bleiben meist unbeantwortet, die Amerikaner machen ein großes Geheimnis aus ihren Stützpunkten in der Bundesrepublik. Bei LinkedIn verraten dagegen Dutzende Mitarbeiter der NSA und anderer amerikanischer Geheimdienste Details über ihre Arbeit in Deutschland - frei für jeden einsehbar. Manche Einträge sind womöglich aufgebauscht, aber in der Masse entsteht ein Bild davon, wo amerikanische Geheimdienstleute in Deutschland operierten.

Die Offenheit im Netz wirkt unfreiwillig komisch

Offiziell hat die NSA ihre Deutschland-Repräsentanz in Stuttgart, wo das Oberkommando der amerikanischen Streitkräfte in Europa (USEUCOM ) sitzt. Dutzende Hinweise bei LinkedIn zeigen aber, dass die NSA zum Beispiel auch im "Dagger-Complex" in Darmstadt oder auf einem Stützpunkt in Mainz-Kastel aktiv ist.

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DER SPIEGEL 28/2013 Seite 14 Lauschangriff / NSAWie Washington weltweit versucht, den Lauschskandal einzudämmen

In Mainz ist die "485th Intelligence Squadron" stationiert, die zum Nachrichtendienst der US-Luftwaffe gehört. Ein pensionierter Soldat berichtet auf LinkedIn, er habe die täglichen Operationen eines Kontrollzentrums geleitet, das auch die Missionen der NSA in Europa unterstütze. Heute ist der Amerikaner für ein privates Sicherheitsunternehmen in Virginia tätig und hilft beim Aufbau eines Zentrums für die Zusammenarbeit von Geheimdiensten zum Schutz der nationalen Sicherheit.

Der Wechsel zwischen staatlichen Behörden und privaten Dienstleistern lässt sich bei vielen Spezialisten beobachten. Mal arbeiten die Ingenieure und Informatiker bei der NSA, mal bei einem Unternehmen - genauso wie der Whistleblower Edward Snowden. Die Angaben bei Linkedin machen ebenso deutlich, dass Rüstungsfirmen wie L-3, Lockheed Martin oder General Dynamics auch auf deutschen US-Stützpunkten mitarbeiten. Die Sicherheitsexperten nutzen LinkedIn als Marketinginstrument für kommende Jobs - was angesichts des sonstigen Geheimhaltungswahns oft unfreiwillig komisch wirkt.

Die deutschen Kollegen sind verschwiegener

In Wiesbaden baut die US-Armee ein neues Consolidated Intelligence Center. Für 124 Millionen Dollar entstehen in der hessischen Landeshauptstadt abhörsichere Büros und ein Hightech-Kontrollzentrum. Sobald die Anlage in Wiesbaden fertiggestellt ist, wird der "Dagger-Complex" bei Darmstadt geschlossen.

Die US-Armee vertraut bei dem Neubau in Wiesbaden nur auf Landsleute, wie aus einem Dokument der US-Regierung hervorgeht. Die Baufirmen müssen aus den USA stammen und sicherheitsüberprüft sein. Auch über die geheime Baustelle finden sich bei Linkedin zahlreiche Hinweise. Ein Mitglied des Ingenieurskorps der US-Armee outet sich zum Beispiel als Projektmanager.

Vom Bundesnachrichtendienst sind solche Sitten übrigens nicht mehr bekannt. Weder bei LinkedIn noch beim hierzulande bekannteren Business-Netzwerk Xing finden sich nennenswerte Informationen von Mitarbeitern des deutschen Auslandsgeheimdienstes. Das dürfte auch an einem Vorfall vor drei Jahren liegen, über den die "Bild" berichtete . Damals schrieben mehrere ehemalige BND-Agenten bei Xing über ihre Erfahrungen beim Auslandsgeheimdienst und bekamen dafür Ärger mit ihrem früheren Arbeitgeber. Zumindest in den sozialen Netzwerken, so scheint es, hüten deutsche Geheimdienstmitarbeiter ihre Geheimnisse mittlerweile besser als die amerikanischen Kollegen.