Anklage gegen Harold Martin NSA-Datensammler drohen 200 Jahre Haft

Er hortete Geheimdokumente im Gartenhäuschen: Gegen den ehemaligen NSA-Mitarbeiter Harold Martin wird wegen Diebstahls Anklage erhoben. Noch immer ist unklar, was er mit seinem Schatz machen wollte.

NSA-Zentrale in Fort Meade
REUTERS

NSA-Zentrale in Fort Meade

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20 Jahre lang soll der IT-Experte Harold Martin vertrauliche Dokumente des US-Militärs, der National Security Agency (NSA) und der Central Intelligence Agency (CIA) gestohlen und bei sich zu Hause aufbewahrt haben. Nun muss sich der frühere externe Geheimdienstmitarbeiter vor Gericht verantworten. Die US-Regierung hat am Mittwoch den 52-Jährigen vor dem US-Bundesgericht in Maryland angeklagt.

Das FBI hatte Martin im August festgenommen und Tausende Seiten mit Dokumenten beschlagnahmt, die teilweise von der US-Regierung als "geheim" und "streng geheim" klassifiziert worden waren. Bei einem Diebstahl solcher Dokumente bestehe laut dem Gericht eine Gefahr für die nationale Sicherheit, da die Daten an die Öffentlichkeit gelangen könnten. Die Akten lagerte Martin offenbar in seinem Auto und einem Schuppen im Garten. Außerdem fanden die Beamten etwa 50 Terabyte an Daten auf mehreren Computern und Speichermedien.

Was Martin wirklich mit den Geheimdokumenten anfangen wollte, ist bisher noch immer unklar. Er wird zwar für den Diebstahl und den Besitz der Dokumente angeklagt, allerdings nicht dafür, die Daten weitergegeben oder verkauft zu haben. Bislang gibt es somit keine Anzeichen dafür, dass er wie Whistleblower Edward Snowden die geheimen Informationen veröffentlichen wollte.

Verteidigung beschreibt Martin als Messie

Auch die Anwälte des Angeklagten betonen immer wieder, dass ihr Mandant kein Whistleblower sei. Nach Angaben des Tech-Magazins "The Register" bezeichnet ihn die Verteidigung eher als Messie, der "seine Familie und sein Land liebt" und die Dokumente ohne Hintergedanken einfach mit nach Hause genommen habe. Harold Martin sitzt derzeit noch in Haft.

Als Mitarbeiter der Consultingfirma Booz Allen Hamilton hat Martin über die Jahre hinweg für die jeweiligen Behörden eine Sicherheitsfreigabe erhalten, die ihm Zugang zu den geheimen Dokumenten verschafft hat. Aufgrund der enormen Menge des entwendeten Geheimdienstmaterials gilt der mutmaßliche Diebstahl als einer der größten Fälle in der Geschichte der US-Geheimdienste. Selbst Snowden besaß offenbar längst nicht so viele Informationen wie Martin.

Der IT-Spezialist arbeitete unter anderem auch für die Elite-Hacker der NSA, die Tailored Access Operations. Dieses Team infiltriert Computer und Netzwerke im Ausland, schneidet riesige Datenmengen mit und setzt für ihre Aufträge auch Spionagewerkzeuge wie USB-Wanzen und manipulierte Bildschirmkabel ein. Ziele der Angriffe sind vor allem Terror-Organisationen. Auf der Liste der Hacker stehen nach Informationen Snowdens aber auch ausländische Behörden, unter anderem die Regierung in China.

Gleicher Arbeitgeber wie Snowden

Auch während seiner Zeit bei dieser Spezialeinheit soll Martin geheime Dokumente gestohlen haben. Nach Angaben der "Washington Post" soll sich Martin vor allem an Spionagesoftware bedient und mehr als 75 Prozent der Programme aus einer Datenbank kopiert haben.

Harold Martin stand nach Angaben der Staatsanwaltschaft von Dezember 1993 bis August 2016 bei mindestens sieben Dienstleistern unter Vertrag, die Aufträge von der Regierung erhalten haben. Einer dieser Dienstleister ist das Beratungsunternehmen Booz Allen Hamilton, das auch Snowden beschäftigt hatte. Die Technologieberater arbeiteten unter anderem für den US-Geheimdienst NSA.

Brisantes Material von Geheimdiensten und Militär

Laut Anklageschrift soll Martin von 1996 bis 2016 geheime Dokumente vorsätzlich gestohlen und aufbewahrt haben. "Die Anklage wirft Harold Martin vor, zwei Jahrzehnte lang schamlos das Vertrauen missbraucht zu haben, das die Regierung ihm entgegengebracht hat, indem er Dokumente mit streng geheimen Informationen gestohlen hat", sagte der zuständige Staatsanwalt Rod J. Rosenstein. In den mutmaßlich gestohlenen Dokumenten seien unter anderem Schwächen und Stärken des Militärs dokumentiert, zudem gehe es um Spionageziele der CIA und Operationen wie den Start eines Satelliten.

In 20 Punkten wirft der Staatsanwalt dem Angeklagten vor, die Dokumente bewusst in seinem Auto zu sich nach Hause gebracht und dort aufbewahrt zu haben, ohne sie dem zuständigen Regierungsmitarbeiter auszuhändigen. Für jeden dieser Fälle sieht das Gesetz eine Höchststrafe von zehn Jahren vor. Sollte Martin in allen Punkten schuldig gesprochen werden, dann droht dem Angeklagten eine Freiheitsstrafe von bis zu 200 Jahren. Am Dienstag beginnt der Prozess gegen den ehemaligen Geheimdienstmitarbeiter.



insgesamt 8 Beiträge
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Marvin__ 09.02.2017
1.
Erst werden Überwachungsprogramme mit dem Argument gerechtfertigt, wer nichts zu verbergen habe, habe auch nichts zu befürchten. Wenn es jedoch die eigenen Daten der Überwacher geht, können die Schutzmauern gar nicht dick genug sein.
mborevi 09.02.2017
2. Ein Schauprozess ...
... zur Abschreckung, wie wir ihn auch aus anderen Ländern kennen. Die eigentlichen Missetäter vom NSA bleiben ungestraft und spionieren weiter unsere Firmen und Regierungen aus. Und kein Europäischer Gerichtshof verhandelt gegen die US Administration und setzt Zeichen.
Bürger Icks 10.02.2017
3. Zensiert die NSA jetzt schon selber bei Spon?
Oder warum kommen offenbar keine Kommentare mehr durch? So wie mein gestriger wird wohl auch der hier wieder nicht zu lesen sein. 3 Kommentare seit gestern? Als würde sich niemand für das Thema interessieren? Das glaubt doch eh keiner! Jedenfalls zeigt der Fall den ganzen "Ich habe doch nichts zu verbergen" Enthusiasten wie schön es doch ist, wenn die persönlichen Daten wo auch immer landen, gelle?
DonCarlos 10.02.2017
4. Schönes Beispiel, dass der Staat eben nicht mithören sollte.
Weil immer irgendwo einer sitzt, der Daten nach außen gibt. Eine wunderbare Welt für Erpresser. Ganz problematisch wird es, wenn die Regierung dann selbst zum Erpresser wird, um damit die übergeordneten Ziele des Regierungsschutzes zu ermöglichen...
stefan.martens.75 10.02.2017
5. Die Snowden Debatte ist verreckt
Aus dem ganz einfachem Grund, dass sie keine Opfer liefern konnte. Keinen einzigen Missbrauch oder Manipulation konnte der NSA nachgewiesen werden, keine einzige Intrige mit den Informationen. Was soll's also, dass sie sie sammeln. Wenn der Patriotismus dieses Knaben schwindet nach Verurteilung zu über 100 Jahren Knast bin ich gespannt was so ein Elite Hacker der NSA zu erzählen hat. :-) Vielleicht bekommen wir dann Opfer der NSA zu hören.
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