Online-Publishing Google, Geld und Plagiateure

Einer Studie zufolge profitiert Google massiv von Content-Klau aus Angeboten US-amerikanischer Verleger. Über die Hälfte aller aufgespürten Plagiateure und Kopisten refinanzieren sich über Google Ads. Tatsächlich ist die Studie aber ein Ablenkungsmanöver: Sie unterschlägt Entscheidendes.

Fair Syndication Consortium: Wer verdient eigentlich an geklauten Inhalten im Internet?

Fair Syndication Consortium: Wer verdient eigentlich an geklauten Inhalten im Internet?

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Das US-Unternehmen Attributor lebt von Zahlungen aus den Kassen von Zeitungsverlagen und Nachrichtenagenturen. Attributor durchsucht das Netz automatisch nach Texten und Textfragmenten, die aus den Beständen seiner Kundschaft stammen - und ermöglicht Inhalteerstellern so, im Bedarfsfall zum Beispiel juristisch gegen Plagiate vorzugehen. Unternehmen wie Attributor sind damit auch eine argumentative Waffe im Arsenal von Medienunternehmern wie Rupert Murdoch, die gerne Verknüpfungen zwischen den "Dieben" im Internet und den eigenen Umsatzrückgängen herstellen möchten.

Nun hat Attributor, unter einem anderen Namen, nämlich "Fair Syndication Consortium", eine Studie veröffentlicht. Das "Fair Syndication Network" ist eine Plattform, mit der Attributor Geld verdienen will, indem es Autoren Erlösanteile aus den mit ihren Inhalten erzielten Einnahmen verschafft - wer sich dort anmeldet, beauftragt das Unternehmen gewissermaßen, im eigenen Namen nach Plagiaten der eigenen Inhalte zu suchen. Die Studie soll drei Dinge belegen:

  1. Im Internet werden Texte geklaut wie wild.
  2. Opfer sind viele Zeitungsverlage.
  3. Profiteur des Ganzen ist vor allem Google.

Um das zu belegen, hat Attributor vom 15. Oktober bis 15. November 2009 eigenen Angaben zufolge 75.000 Websites aufgespürt, die Texte von Attributor-Kunden ganz oder teilweise wiedergeben und damit, zumindest teilweise, zweifellos Urheberrechte verletzen.

Dabei stellte sich allerdings auch heraus, dass

  • 56 Prozent der entdeckten "Kopien" bloß Überschriften kombiniert mit Links zur Originalquelle waren - also Verweise, über die sich jeder Verleger freuen sollte,
  • 26 Prozent der aufgespürten Texte nur "Exzerpte" waren, von Attributor definiert als "weniger als 80% des Originaltextes aber mehr als 125 Wörter",
  • 18 Prozent der Fälle eine "vollständige Kopie" des Originalartikels darstellten, definiert als "mehr als 80 Prozent des Originaltextes und mehr als 125 Wörter". Das seien immer noch 112.000 Artikelkopien.

Zu einem Argument in der aktuellen Debatte um Bezahlinhalte, Plagiate und die Geldprobleme der Verlagshäuser wird die Studie durch eine weitere Zahl: 53 Prozent der Seiten, die der "unlizenzierten Monetarisierung der Inhalte von US-Zeitungen" schuldig seien, täten das mit Hilfe von Google, sprich: Die Seiten enthalten über das AdSense-Programm verteilte Anzeigen. Weitere 19 Prozent entfielen auf Yahoo.

Das klingt bitter: Web-Seiten klauen massenweise Inhalte, und Google verdient daran in großem Stil mit. Die Veröffentlichung der Studie ist ein Frontalangriff auf die Suchmaschinisten. Der eine oder andere Verleger, der schon immer der Meinung war, das Netz sei voller Diebe, soll und wird sich durch diese Zahlen bestätigt fühlen - und wird, so zweifellos das Kalkül, womöglich darüber nachdenken, auch Kunde des "Fair Syndication Consortium" zu werden. Attributor-Chef Jim Pitkow sagte der "New York Times" im Juli, man werde den Verlegern zunächst "beweisen, dass Piraterie tatsächlich eine Rolle spielt und welches Ausmaß sie hat". Anschließend werde man mit seinen Zahlen zu den Anzeigennetzwerken, also Google, Yahoo und anderen gehen. Geld soll laut Attributor (siehe Nachtrag) nicht von den Anzeigen-Netzwerken, sondern von den Betreibern der entsprechenden Websites eingefordert werden.

Zentrale Frage: Wieviel Geld wird denn hier eigentlich verdient?

Die Studie unterschlägt allerdings einige Informationen, die man dann doch gerne hätte: Zum Beispiel, wieviel Traffic all die echten oder vermeintlichen Plagiateure eigentlich generieren. Sieht all diese geklauten Texte, all diese Google-Ads überhaupt irgendwer?

Darauf, und das macht misstrauisch, gibt Attributor keine Antwort - obwohl das "Fair Syndication Consortium" angeblich in der Lage ist, genau diese Information zu ermitteln. Einzig eine nachgerade bizarre Statistik wird genannt: Von den "Top 1000" der Seiten, die die meisten Artikel von US-Zeitungssites nutzten, seien "38 Prozent unter den Top 100.000", was den Web-Traffic angehe.

Mit anderen Worten: Ein Bruchteil eines Bruchteils der Gesamtstichprobe von 75.000 Websites hat überhaupt irgendwelche nennenswerten Besucherzahlen - und "nennenswert" ist hier schon sehr liberal ausgelegt: Die Kurve der Klick- und Besucherzahlen von Websites folgt einer Verteilung, die links sehr steil ansteigt, rechts aber sehr schnell sehr flach wird. Wieviel Geld mit einer Google-Anzeige auf einer Web-Seite auf Platz 98.000 der internationalen Netz-Charts zu verdienen ist, lässt sich leider nicht einfach herausfinden - allzu viel kann es aber nicht sein. Sonst hätten die Verleger, deren Angebote in der Regel sehr viel weiter vorn auf dieser Liste rangieren, nicht solche Probleme, ihre Angebote online zu refinanzieren.

Folgerichtig nennt Attributor in der Studie denn auch diese - offenkundig in möglichst suggestiver Form präsentierten - Zahlen, bleibt aber die wichtigste Information schuldig: Wieviel Geld die 75.000 vermeintlichen Plagiatoren die Verlagshäuser denn tatsächlich kosten, und wieviel sie Google, Yahoo und Co. im Gegenzug einbringen. Eine Anfrage von SPIEGEL ONLINE wurde am Freitagmorgen beantwortet - siehe Update am Textende.

Mit alledem soll nicht etwa ein Recht aufs Plagiat verteidigt werden - Verlage sollten selbstverständlich versuchen, die illegale Weiterverbreitung ihrer Inhalte zu unterbinden und auch juristisch gegen notorische Content-Diebe vorgehen. Am Grundproblem der Verlage aber ändert all das nichts: Nicht die Content-Diebe haben für die schwere Medienkrise gesorgt, sondern die stetig schwindenden Anzeigenerlöse aus den Printprodukten der Verleger. Der Kampf gegen Plagiate ist ein Scheingefecht, das vom eigentlichen Problem nur ablenkt: Dass endlich ein tragfähiges Geschäftsmodell für die Finanzierung von Journalismus im 21. Jahrhundert her muss.

Update: Am Freitagmorgen teilte eine Sprecherin von Attributor mit, Daten über das Traffic-Aufkommen der identifizierten Seiten und die dort erzielten Erlöse lägen nicht vor und könnten deshalb nicht mitgeteilt werden. Attributor legt Wert auf die Feststellung, man wolle auch künftig kein Geld von Anzeigen-Netzwerken wie Google Adsense einfordern - das "Fair Syndication Consortium" werde sich stattdessen darum bemühen, mit Hilfe der Ad-Networks die Betreiber der Seiten direkt um Geld anzugehen, auf denen Artikelkopien zu finden seien.



insgesamt 8 Beiträge
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marchofer 03.12.2009
1. Bezahlkontent muss kommen...
So weh wie es uns auch tun wird ( und da nehm ich mich nicht aus ), Journalismus muss wieder bezahlt werden. Auch online. Ich habe mich auch sehr daran gewöhnt quasi jede Nachricht schnell, bequem und umsonst per Internet zu erhalten, allerdings erodiert das eine ganze Branche. Abseits der Zeitungsdebatte wird immer gerne vergessen, dass nicht nur die großen "Dinos" der Printmedien unter dem Anzeigen und Leserschwund leiden sondern vor allem auch die Agenturen. Ich arbeite selbst im Ausland für eine der grösseren Nachrichtenagenturen und das Problem hierbei ist, dass Nachrichten manchmal unter extrem schwierigen und damit auch sehr teuren Umständen ermittelt werden müssen. Auch wenn man nur einen Textblock von 500 - 600 Zeichen absetzen muss, so können dafür die Kosten doch horrend sein. Früher hat jeder, der auf den "Wire" des Nachrichtendienstes zugreifen wollte eine monatliche Gebühr entrichtet. Viele Outlets bedeutete mehr Geld und mehr Operationsmöglichkeiten für die Angestellten der Dienste. Heute sitzt man halt irgendwo in einer grösseren Stadt und ermittelt die Informationen aus zweiter Hand als sich selbst ein Bild von der Lage zu machen. Es geht sogar soweit seine Leute schon gar nicht mehr auf Pressekonferenzen zu schicken, sondern hält sie an, das Pressestatement am Ende einfach zu lesen. Wenn jetzt ein grosses Outlet wie z.B. Google News einmal die monatliche Gebühr entrichtet, dann aber damit zig Kanäle abdeckt, schwankt dieses Konzept. Man kann jetzt entweder das Gesamtkonzept abändern oder den Kunden mehr bezahlen lassen...oder...man macht sich die Natur des Internets zu nutze und gibt keine Wire mehr heraus sondern lässt den Kunden über Google News direkt auf den Inhalt bei den Agenturen zugreifen. Mit jedem Click. Und jeder Click kostet eben was...Google kann das dann die anfallenden Kosten selbst übernehmen oder, eher wahrscheinlich, einfach an den Kunden weiter geben. Es gibt eben Nachrichten die können nicht von Bloggern/Bürgerjournalisten/Freizeitreportern oder ähnliches abgedeckt werden und das kostet eben Geld...natürlich nur dann, wenn einen Nachrichten wirklich interessieren...
Mr Bounz 03.12.2009
2. lächerlicher Versuch
Es ist wirklich Lustig so etwas zu lesen. Statistiken ohne Gehalt und die entscheidenden Fragen werden, wir wissen warum, nicht beantwortet. Wo wird da wem Profit geklaut? Auch die Rubrik, weniger als 80% aber 125 Wörter ist sehr komisch. Wenn wir mal darum bitten z.B. zum Thema Atomstrom, oder Krieg im Irak einen Artikel zu schreiben, da wird es einige Überschneidungen geben. Nicht nur Begriffe wie Atom, AKW usw, nein es wird auch Überschneidungen bei Worten wie der, die, das, und, oder usw. geben. Wie das ganze aussieht wenn eine Reuters Meldung in einen Artikel umgeschrieben wird ist noch eine andere Frage. Einfach lächerlich so was. Ich lese täglich Zeitung, wenn sie gut ist! Aber diese New Corp Propagandablätter braucht sowieso niemand!
DJ Doena 03.12.2009
3. journalistischer Wert
Zitat von marchoferSo weh wie es uns auch tun wird ( und da nehm ich mich nicht aus ), Journalismus muss wieder bezahlt werden. Auch online. Ich habe mich auch sehr daran gewöhnt quasi jede Nachricht schnell, bequem und umsonst per Internet zu erhalten, allerdings erodiert das eine ganze Branche. Abseits der Zeitungsdebatte wird immer gerne vergessen, dass nicht nur die großen "Dinos" der Printmedien unter dem Anzeigen und Leserschwund leiden sondern vor allem auch die Agenturen. Ich arbeite selbst im Ausland für eine der grösseren Nachrichtenagenturen und das Problem hierbei ist, dass Nachrichten manchmal unter extrem schwierigen und damit auch sehr teuren Umständen ermittelt werden müssen. Auch wenn man nur einen Textblock von 500 - 600 Zeichen absetzen muss, so können dafür die Kosten doch horrend sein. Früher hat jeder, der auf den "Wire" des Nachrichtendienstes zugreifen wollte eine monatliche Gebühr entrichtet. Viele Outlets bedeutete mehr Geld und mehr Operationsmöglichkeiten für die Angestellten der Dienste. Heute sitzt man halt irgendwo in einer grösseren Stadt und ermittelt die Informationen aus zweiter Hand als sich selbst ein Bild von der Lage zu machen. Es geht sogar soweit seine Leute schon gar nicht mehr auf Pressekonferenzen zu schicken, sondern hält sie an, das Pressestatement am Ende einfach zu lesen. Wenn jetzt ein grosses Outlet wie z.B. Google News einmal die monatliche Gebühr entrichtet, dann aber damit zig Kanäle abdeckt, schwankt dieses Konzept. Man kann jetzt entweder das Gesamtkonzept abändern oder den Kunden mehr bezahlen lassen...oder...man macht sich die Natur des Internets zu nutze und gibt keine Wire mehr heraus sondern lässt den Kunden über Google News direkt auf den Inhalt bei den Agenturen zugreifen. Mit jedem Click. Und jeder Click kostet eben was...Google kann das dann die anfallenden Kosten selbst übernehmen oder, eher wahrscheinlich, einfach an den Kunden weiter geben. Es gibt eben Nachrichten die können nicht von Bloggern/Bürgerjournalisten/Freizeitreportern oder ähnliches abgedeckt werden und das kostet eben Geld...natürlich nur dann, wenn einen Nachrichten wirklich interessieren...
Henne-Ei. Müsste er da nicht erst mal (wieder?) besser werden? Die längeren Artikel auf SpOn habe ich am Montag schon im Druckspiegel gelesen (und damit bezahlt) und die kürzeren Artikel sind meist nur "Häppchen", die man zu Ende gelesen hat, bevor es richtig losging. Copy & pasten sie mal testweise wahllos Artikel aus SpOn in Word. Artikel mit mehr als 1000 Wörtern sind eigentlich fast ausschließlich aus dem Druckspiegel. Und viele andere Artikel sind copy & mash. Der hier zum Beispiel (http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,665007,00.html) ist ein Recyclum aus Artikeln, die gestern und heute schon vor dem Urteil erschienen sind und kommt gerade einmal mit 600 Worten daher.
MaxGrabowski 03.12.2009
4. Autoblogs
Ist bekannt. Ein sog. Autoblog mit Wordpress und einem Plugin wie Autoblog samt Adsense lässt sich in 5 Minuten einrichten. Das einzige was man braucht ist der RSS-Feed der Newsseite (dehalb auch zuteilen nur die Überschrift und der erste Absatz). Das ganze lässt sich tausendfach reproduzueren und man hat eine sogenannte Blogfarm. Nur, wie schon gesagt, die Einnahmen sind nichtmal Peanuts zu nennen und letztlich profitiert einzig die eigentliche Newsseite. Weil der, der Content sucht auch den ganzen Inhalt lesen will. Die ganzen Adsense-Autoblogs dienen nur dazu das der zufällige Besucher auf die Anzeigen klickt. Was er aber ziemlich selten tut. Letztlich also ein aufgebauschtes Thema. Wahrscheinlich durch Murdoch finanziert, der gerade zum Kampf gegen das böse Internet bläst. Hehe.. Was wirklich Schotter bringt - bis zu einige tausend Dollars im Monat - ist Cookie Stuffing. Themenralevante hochfrequentierte Seiten oder Foren mit einem Affiliate-Cookie versehen und die Provision abkassieren. Oder Plagiatsseiten ertellen, mit nem Cookie stopfen und Traffic kaufen - um so hundertausenfach die Besucher mit Keksen zu versorgen. Wenn dann allein nur 5 Prozent bei Ebay, Amazon oder anderen weltweit verbreiteten Merchants einkaufen, klingelt die Kasse. Dit aber richtich!
sverris 03.12.2009
5. g***le
Ich frag mich nur, was wäre, wenn viel mehr Leute per se Adblock und dergleichen nutzen würden... : weniger freie Inhalte vielleicht im Netz, aber auf das meiste kann man eh verzichten, da es zusammengestümperte Infos sind... Vielleicht muss man tatsächlich mehr über Bezahlmodelle nachdenken. Jedenfalls, ich sehe auf meinem Rechner sogut wie keine Werbung mehr, und das erspart mir viel Aufmerksamkeit, Surfgeschwindigkeit, all den Werbeschwachsinn und nicht zuletzt dieses ätzende G****le (wer es nicht weiß, es gibt viele gute Suchmaschinen...).
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