Online-Wahlkampf 26-Jährige ist Merkels Stimme im Netz

Ein Team unbezahlter junger Leute betreut das Online-Profil der Kanzlerin. Patricia Romanowsky ist eine davon. Sie schreibt ohne Aufsicht und gibt sogar Lebenshilfe - im Web spricht sie für die Kanzlerin. SPIEGEL ONLINE sprach mit Merkels Stimme im Netz.
Von Mathias Hamann
Patricia Romanowsky, 26, betreut Angela Merkels Profil bei MeinVZ. Früher war sie Merkels Online-Mädchen-für-alles, heute schreibt sie nur noch Nachrichten und gibt dabei sogar Lebenshilfe - natürlich CDU-Konform.

Patricia Romanowsky, 26, betreut Angela Merkels Profil bei MeinVZ. Früher war sie Merkels Online-Mädchen-für-alles, heute schreibt sie nur noch Nachrichten und gibt dabei sogar Lebenshilfe - natürlich CDU-Konform.

Foto: Mathias Hamann

Patricia Romanowsky hat selbst mehr als 500 Kontakte in den sozialen Netzwerken, sie sagt bewusst Kontakte, nicht Freunde. Die 26-Jährige macht seit vier Jahren Web-Wahlkampf, regelmäßig besucht sie Veranstaltungen dazu, wie das erste Politikcamp im Mai. Damals hatten die Konservativen gerade das Profil Angela Merkels ins Netz gestellt und brüsteten sich nach kurzer Zeit mit mehr als 10.000 virtuellen Merkel-Fans. Die konnten die Kanzlerin auch gruscheln, und es hieß, das Team gruschelt zurück.

Das Team war damals Patricia Romanowsky, Merkels-Online-Mädchen für alles. Heute arbeitet eine Gruppe junger Leuten im Konrad-Adenauer-Haus und wirbt virtuell um Wähler. Alles Freiwillige ohne Gehalt, nur Telefon- und andere Unkosten werden ersetzt. Sie sitzen von neun Uhr morgens bis nachts hier, pflegen das Web-Image Angela Merkels; die lässt sich davon berichten.

Was ist die Hauptaufgabe, etwa gruscheln?

"Nein." Patricia Romanowsky erklärt trocken: "Ich pflege das MeinVZ-Profil, überwache die Kommentare." Beleidigungen fliegen raus, Kritik bleibt, nur nachts sammeln sich manchmal Beschimpfungen an, da heißt es dann etwa: "Du geile Drecksau." Das löscht Patricia Romanowsky. Kritisch wäre es, wenn die Nutzer sich verbal kabbeln, dann greift unter Umständen die umstrittene Forenhaftung mit Nachteilen für die CDU, doch dazu zuckt sie mit den Schultern. Noch passierte nichts.

Kürze, Würze: kein Wort zu viel

Die meiste Zeit beantwortet sie Anfragen. Was früher die Bittschrift, dann der Brief an den Abgeordneten war ist heute die Nachricht im sozialen Netzwerk, einfacher als eine E-Mail: Zwei Klicks, zwei Zeilen und fertig ist die Frage. "So finden Leute zu uns, die nie auf CDU.de gehen würden." Anfangs trudelten 20, 30 Nachrichten täglich ein, nun über hundert, "um die kümmere ich mich". Antwortet sie da im speziellen Merkel-Deutsch? "Nein." Eher einen Internetstil, kurz statt Geschwafel, "sonst liest uns ja keiner."

Sie unterschreibt auch nicht als Angela Merkel, sondern mit Ihrem Namen.

Abstimmung mit Referenten braucht sie nur, wenn sie nicht mehr weiter weiß, zum Beispiel bei Fragen zur atomaren Bedrohung durch Iran. Das heißt, sie kann schreiben was sie will? "Ich habe meine Freiheit," erklärt sie. Außerdem sieht sie zwischen CDU-Programm und ihrer Meinung kaum Differenzen. Beispiel Atomausstieg: "Atomkraft ist eine Brückentechnologie, wir können jetzt und auch nächster Zeit nicht unsere gesamten Strombedarf durch erneuerbare Energien decken," erklärt Patricia Romanowsky völlig Parteibuchkonform.

Ein kontroverses Thema sind sicherlich Studiengebühren, gerade Studenten nutzen soziale Netzwerke, und das wäre ja eines ihrer Anliegen: "Wir haben so gut wie keine Anfragen zu diesem Thema," sagt Patricia Romanowsky und zuckt die Schultern. Sie selbst ist nicht gegen die Campus-Maut, hat aber gerade ihren Geschichte-Magister im gebührenfreien Berlin vollendet.

Relevant ist, was den Frager direkt betrifft

Die meisten Frager wollen wissen, warum sie gerade CDU wählen sollen oder kommen mit privaten Anliegen, die von der großen Politik betroffen sind, Beispiel Finanzkrise. Die Online-Wahlkämpfer von SPD, FDP, Grünen und Linken bestätigen: Dort verhält es sich ähnlich.

Manches Anliegen erfordert aber mehr Fingerspitzengefühl, Romanowsky erinnert sich an eine Nachricht: "Frau Bundeskanzlerin, ich bin schwanger und will mein Kind abtreiben, was raten Sie?"

Sie erklärt nüchtern: "Die will dann keinen erhobenen Zeigefinger von mir." Die CDU spricht sich gegen Schwangerschaftsabbrüche aus - was empfiehlt sie da? Merkels-Online-Alias riet zu einer Beratungsstelle: "Natürlich seh ich zu, dass ich sie zu einer christlichen schicke." Die stimmen in der Ablehnung einer Abtreibung mit der CDU-Position eher überein.

Anfragen an die Kanzlerin per Online-Profil werden beantwortet - bei der Politik-Web-Seite Abgeordnetenwatch hingegen nicht. Seitenweise reiht sich da eine Bürgeranfrage an die nächste - alle ohne Reaktion. Warum bleibt Angela Merkel bei Abgeordnetenwatch stumm? Romanowsky verweist an die CDU-Pressestelle. Die erklärt auf Nachfrage: "Abgeordnetenwatch.de stellt sich als selbsternannter Vermittler zwischen den Abgeordneten und den Bürger. Zudem bietet Abgeordnetenwatch.de keinen direkten Dialog, jede Frage wird vor deren Veröffentlichung und Beantwortung durch die Redaktion geprüft."

Andere Politiker - auch aus der Union - nutzen das Portal, beantworten Fragen und Nachfragen - das ergibt schon eine Art von Dialog.

Wenn sie von morgens bis abends Merkel macht, kommt sie eigentlich selbst noch dazu, ihr eigenes Profil zu pflegen? "Gerade nicht so," sagt Romanowsky. Und schaltet sie auch mal ab? "Ja schon, ich lebe doch nicht nur im Cyberspace." Abends sei es außerdem leicht, vor dem Schlafen noch mal per iPhone das Profil zu checken.

Träumt sie eigentlich nachts von Merkel?
"Nein."

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