Panama Papers Veröffentlicht, nicht öffentlich

Hinter den Panama Papers stehen geleakte Originaldokumente, die Journalisten ausgewertet haben. Die Ergebnisse sind öffentlich, die Quellen nicht. Warum ist das so?
WikiLeaks-Bildschirmschoner

WikiLeaks-Bildschirmschoner

Foto: KAREN BLEIER/ AFP

WikiLeaks plant schon mal das Leak zu den Leaks, man will auch mitmischen. Diesen Eindruck zumindest kann man bekommen, wenn man die Reaktionen der Enthüllungsplattform zu den Panama Papers  auf Twitter verfolgt. Obwohl das Online-Portal von Julian Assange nichts mit den Veröffentlichungen um eine dubiose Kanzlei und jede Menge Offshore-Firmen zu tun hat, verfolgt WikiLeaks den selbst auferlegten Auftrag radikaler Transparenz auch im Fall der Panama Papiere unbeirrt - und lässt auf Twitter aktuell über die Frage abstimmen: "Sollen wir alle elf Millionen Panama Papers veröffentlichen, damit jeder sie durchsuchen kann wie unsere anderen Publikationen?"

Über 90 Prozent der Umfrageteilnehmer antworten mit "Ja", was aber auch mit Antwortoption Nummer 2 zu tun haben könnte: "Nein, lasst die Medien sich das Beste herauspicken."

Wie WikiLeaks in den Besitz der Daten kommen will, lässt man zwar noch offen, einige wenige Dokumente sind offenbar online . Die Anekdote verdeutlicht aber, wie schwierig der Umgang mit Datenleaks, mit Enthüllungen im Netzzeitalter geworden ist.

Digitalisierte Daten können leichter kopiert, leichter weitergegeben, leichter veröffentlicht werden. Diese Wende geht auch am Journalismus nicht vorbei.

Muss also jeder Bürger alles wissen können zu Leaks, die Dokumente selbst einsehen können? Oder ist die alleinige Bearbeitung und Auswahl der Geschichten durch Berichterstatter nach wie vor sinnvoll, so wie es die Journalisten der "Süddeutschen Zeitung" (SZ) bei den Panama Papers  halten? In diesem Fall sind die Originaldokumente nicht öffentlich gemacht worden.

WikiLeaks dagegen definiert sich als Plattform, auf der Transparenz immer auch eine Öffentlichkeit der Quellen bedeutet : "Eine unserer wichtigsten Aktivitäten ist es, neben unseren Geschichten auch die Originalquellen zu veröffentlichen, damit Leser und Historiker Belege der Wahrheit sehen." Mit das wichtigste Dokument, um die WikiLeaks-Logik der freien Veröffentlichung von Rohmaterial zu verstehen, ist außerdem nach wie vor der Assange-Aufsatz "Government as Conspiracy"  von 2006.

Transparenz übertrumpft Geheimhaltung und verbessert die Gesellschaft, lässt sich Assanges Denken zusammenfassen. Mit WikiLeaks hat er schon früh eine Konkurrenz zu etablierten Medienhäusern  in Stellung gebracht, die heute in anderen Fällen freilich auch Originaldokumente online stellen.

Das Alleinstellungsmerkmal verblasst, wohl auch deshalb gibt sich WikiLeaks im aktuellen Fall so kämpferisch.

Whistleblowing hat sich gewandelt

Verfolgt man den Weg der Daten der Panama Papers zurück zum Hinweisgeber, landet man bei einer anonymen Quelle, die laut einem Begleittext der SZ  zu den Leaks "auf verschlüsseltem Weg interne Dokumente der panamaischen Kanzlei Mossack Fonseca" an die Journalisten übermittelte, ohne Gegenleistung. "Es gab den angedeuteten Wunsch der Quelle nach internationaler Öffentlichkeit", sagte einer der beteiligten SZ-Journalisten, Frederik Obermaier, in einem Interview mit dem österreichischen "Falter" . Für die Kanzlei ein illegaler Akt: "Wir wurden gehackt. Das ist ein Verbrechen", sagte Ramón Fonseca Mora dem Fernsehsender TVN.

Jeder, der die Originalquellen einfordert, sollte sich klarmachen, wie grundlegend sich der Akt des Whistleblowings, des Weitergebens von Geheimnissen zum Wohle der Gemeinschaft, gewandelt hat: Wurden früher ein paar Akten mühsam händisch kopiert, hantieren Whistleblower heute mit riesigen digitalisierten Datenmengen.

Im Fall der Panama Papers ist der Datenberg so groß wie nie zuvor: "Die Panama Papers umfassen 11,5 Millionen Dokumente - mehr als die von WikiLeaks veröffentlichten Botschaftsdepeschen, Offshore-Leaks, Lux-Leaks und Swiss-Leaks zusammen", schreibt die SZ . Es geht um rund 2,6 Terabyte Daten. Zum Vergleich: Das entspricht dem Speicherplatz von 163 Smartphones (geht man von einem handelsüblichen Speicher von 16 Gigabyte aus).

Die wenigsten Leser könnten oder wollten das selbst lesen. Auch die Journalisten mussten die Informationen erst einmal maschinell durchsuchbar machen , um damit arbeiten zu können.

Vorbild Snowden?

Vor drei Jahren gab es schon einmal eine Quelle, die sich mit geschätzt 50.000 bis 200.000 Dokumenten an die Öffentlichkeit wenden wollte. Es war Edward Snowden. Auch er gab seinen Datenschatz nicht zur Veröffentlichung an WikiLeaks, zum Leidwesen von Assange. Snowden stellte die Inhalte auch nicht ungesehen selbst online.

Der NSA-Whistleblower suchte sich mit Laura Poitras und Glenn Greenwald vielmehr ebenfalls zwei Journalisten, die die Dokumente sichteten und in Kooperationen mit Medien weltweit, darunter auch dem SPIEGEL und SPIEGEL ONLINE, veröffentlichten. Im Zuge dieser Veröffentlichungen wurden dann auch ausgewählte, teilweise geschwärzte Originaldokumente aus Snowdens Fundus veröffentlicht.

Snowden reagierte in mehreren Tweets auf die Veröffentlichung der Panama Papers und schrieb  : "Mut ist ansteckend."