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Sascha Lobo

Pandemie-Verschwörungserzählungen Die ewige Wut der Corona-Gekränkten

Sascha Lobo
Eine Kolumne von Sascha Lobo
Die Pandemie ist vorbei – oder auch nicht, je nachdem, wen man fragt. Doch auch im Rückblick läuft der Kampf um die Deutungshoheit zu Corona: mit ziemlich problematischen Kommunikationsmustern.
Demonstration gegen die Politik der Bundesregierung im Oktober 2022: »Die Impfung wirkt! Todsicher!«

Demonstration gegen die Politik der Bundesregierung im Oktober 2022: »Die Impfung wirkt! Todsicher!«

Foto: Sebastian Willnow / dpa

Inzidenz, ein Wort, das eine Pandemie lang zum wichtigsten Gegenwartsmaßstab zwischen Politik und Tischgespräch wurde. Seinen Höhepunkt hatte es Ende Mai 2021, wenn man nach dem Google-Suchinteresse im zeitlichen Verlauf geht . Damals wurde in Deutschland »Inzidenz« bei Weitem am häufigsten gesucht. Es gab dann nach etwas Auf und Ab eine zweite, kleinere Spitze im November 2021, eine dritte noch kleinere Anfang 2022. Dann war die Pandemie vorbei, jedenfalls am dafür entscheidenden Ort, nämlich in den in Köpfen der großen Mehrheit.

Für die meisten Menschen ist die Pandemie schon lange vorbei, auch wenn sich Covid-19 gerade noch einmal durch die Gesellschaft wälzt und ein Experte von Inzidenzen zwischen 1000 und 2000 spricht. Da muss man kurz nachdenken: War das mittelviel, viel oder superviel? Auflösung: Es ist galaktisch viel, theoretisch jedenfalls, denn zeitweise wurden ab einer Inzidenz von 100 die Coronaregeln im Alltag drastisch verschärft. Christian Drosten, Deuter und Wissenschaftskommunikator der Coronapandemie, hat schon vor einer Weile gesagt, Corona werde nun endemisch. Damit war es in der Wahrnehmung irgendwo zwischen Erkältung und Grippe angekommen.

Für zwei Gruppen ist Corona aber nicht vorbei. Zum einen diejenigen, die unter Long Covid leiden. Zum anderen die Menschen, die während der Pandemie umgezogen sind in eine düstere Fantasiewelt, also Querdenker*innen, Verschwörungstheoretiker*innen, Esoteriker*innen. Ergänzt um Menschen, die sich eher nicht in diese Gruppierungen einsortieren lassen, die aber leider trotzdem beitragen zu einer besorgniserregenden Entwicklung, nämlich der komplett irrationalen Umdeutung des gesamten Pandemiegeschehens.

Der Kulturwissenschaftler Michael Seemann (mit dem ich befreundet bin) schreibt dazu auf Twitter : »Krass, dabei zuzuschauen, wie gerade die Geschichte der Pandemie umgeschrieben wird … Meine These dazu: Die Expert*innen sind erschöpft, und da die Gefahr mehr oder weniger gebannt ist, haben sie sich zurückgezogen. Zurück bleiben die Schreihälse und erlangen diskursive Hegemonie.«

Es ist in der Tat so, dass im Frühjahr 2023 wieder lautstarke Stimmen in sozialen Medien erschallten, die immer noch die gleichen Lügen, Unwahrheiten und Verschwörungstheorien wie bisher weitererzählen, oder besser weiterschreien. Für sie wird die Pandemie tragischerweise mutmaßlich niemals vorbei sein, denn sie sind ausweislich der Drastik und der emotionalen Betroffenheit in ihrer Kommunikation in den tiefsten Sphären ihrer Persönlichkeit gekränkt: die Corona-Gekränkten. Die letztlich die Pandemie und alles drum herum nicht anders betrachten können oder wollen denn als Angriff auf sie selbst.

Für sie muss jemand schuld sein

Ihnen fehlt vielleicht eine Kategorie wie »Schicksal«, was auch ihr derzeitiges Aufdrehen erklärt: Jemand muss schuld sein. Irgendeine Person, irgendeine Gruppe muss die Schuld daran tragen, dass so viele Leute leiden mussten, nicht nur unter der Pandemie selbst, sondern natürlich auch unter den Maßnahmen. Alles andere, jede andere Erklärung als die Existenz von Schuldigen ist für sie unerträglich – übrigens typisch für Kränkungen, psychologisch definierbar als »Verwundung der seelisch-psychischen Integrität«. Interessanterweise unterscheidet die Psychologie zunächst nicht, ob diese Verwundung »vermeintlich oder tatsächlich«  stattgefunden hat: Kränkung ist subjektiv.

Fokus auf diejenige Gruppe unter den Corona-Gekränkten, die fest davon überzeugt sind, die Covid-Impfungen seien schädlich oder nutzlos gewesen: Hier lässt sich eine so interessante wie problematische Kommunikationsebene feststellen. Aus der Epidemiologie bekannt geworden ist in den vergangenen Jahren das Präventionsparadox: Weil vorgesorgt wird, sind die sichtbaren Folgen weniger schlimm, weshalb die Vorsorge unsinnig erscheint oder prinzipiell angezweifelt wird.

Was bei den Corona-Gekränkten geschieht, kann man analog dazu als Nonpräventionsparadox bezeichnen. Sie betrachten die Tatsache, dass sie selbst trotz fehlender Impfung nicht gestorben sind, als Beweis für ihre falschen Erzählungen. Sie leiten daraus weiter ab, dass gleich alles falsch gewesen sein muss, und betrachten im gleichen Atemzug sich selbst als Inhaber*innen der einzigen Wahrheit. Was man an ihren schrillen Aufrufen erkennt, die Leute mögen »endlich aufwachen«. Wer die Welt in »Schlafende« und »Wache« unterteilt, erteilt jeder Form von Argumenten, Diskussionen und auch Beweisführungen eine Absage. Denn die Botschaft des Aufwachens lautet, dass das Gegenüber erst einmal auf die Seite der Corona-Gekränkten kommen müsse, bevor irgendeine Kommunikation stattfinden kann.

Eine Weltsicht voller aus dem Kontext gerissenen Details

In der Kommunikation der Corona-Gekränkten findet sich wiederkehrend das Muster, aus einzelnen, aus dem Kontext gerissenen Details eine ganze Weltsicht zu zimmern. Dann werden einzelne, natürlich vorhandene Fehler oder nicht eingetroffene Prognosen zum Beweis der Fehlerhaftigkeit von praktisch allem. Ebenso wird in rückwirkenden Schlussfolgerungen komplett vermischt, dass zu unterschiedlichen Zeitpunkten unterschiedliche Varianten des Virus mit unterschiedlichen Fähigkeiten vorhanden waren, denen genau deshalb auch unterschiedlich begegnet werden musste.

Ein oft von Corona-Gekränkten verwendetes Beispiel betrifft die Impfung. Eine Zeit lang wurde kommuniziert, dass eine Impfung den Ausbruch der Krankheit sehr wahrscheinlich oder zumindest weitgehend verhindern kann. Das stimmt inzwischen nicht mehr in dieser Form, war zu dieser Zeit aber eben weder falsch noch irreführend. Denn dass auch Menschen mit Impfung krank werden können, ist im gegenwärtigen Ausmaß auch ein Produkt der Weiterentwicklung des Virus, also der Mutationen. Corona-Gekränkte fabulieren daraus die umfassende Sinnlosigkeit der Impfungen, aber selbst mit der Erkrankungsmöglichkeit für Geimpfte ist das falsch. In mehrfacher Hinsicht.

Kürzlich wurde in einer Studie  von Forschern aus Paris festgestellt, dass die Impfung die Schwere der Long-Covid-Symptome zu reduzieren scheint. Zahlreiche weitere Studien haben zudem gezeigt, dass Impfungen vor einer Corona-Erkrankung das Risiko für Long Covid senken. Und es ist unter anderem aus einer Untersuchung  eines Virologie-Teams der Universität Genf bekannt, dass bei mehreren Virusvarianten die Ansteckungsgefahr durch geboosterte Geimpfte geringer ist. Was die Impfungen völlig unbestreitbar zu einer sinnvollen Maßnahme gemacht hat, trotz der dokumentierten Nebenwirkungen.

Zweifel, gestützt von Scharlatanen

Dementsprechend wurde 2022 eine Untersuchung  des Imperial College in London veröffentlicht, laut der die Impfung im ersten Jahr ihrer Verwendung rund 20 Millionen Menschen das Leben gerettet haben soll. Corona-Gekränkte sind so sehr auf sich selbst und ihr eigenes Leiden in der Pandemie fixiert, dass sie diese wissenschaftlichen Erkenntnisse entweder ignorieren oder pauschal anzweifeln. Gestützt nicht selten von Scharlatanen, die für ein wenig Telegram-Aufmerksamkeit noch die absurdesten Corona-Theorien mit dem vermeintlichen Glanz ihrer akademischen Titel oder eingebildeter Expertise bestätigen.

Der Versuch der Umschreibung des Pandemiegeschehens, von dem Michael Seemann spricht, wäre aber nicht halb so bedrohlich, wenn sich nicht immer wieder Journalist*innen und Entscheider*innen in den Leitmedien finden würden, die ihnen in die Karten spielen. Man muss dazu gar nicht auf das bizarre Beispiel  von RTL2 referenzieren, wo der singende, antisemitische Verschwörungstheoretiker Michael Wendler eine Fernsehshow hätte bekommen sollen. Es geht dabei vielmehr um eine derzeit beliebte, rückwirkende Analyse, die mit dem Kenntnisstand von heute die politischen Entscheidungen, die Kommunikation der Wissenschaft und die publizistische Begleitung untersucht. Und dann völlig überraschend zu Erkenntnissen kommt, dass man heute im Detail anders entscheiden würde.

In der »Welt«, in der »Zeit« und auch hier auf SPIEGEL.de habe ich solche Einlassungen gelesen. Und ich finde sie problematisch, weil sie zu oft einen toxischen Mechanismus der Corona-Gekränkten bedienen: So zu tun, als hätte man vorher einberechnen müssen, was nachher geschehen ist. Als hätte etwa die Tatsache, dass ein Gericht eine Maßnahme gegen Corona als rechtswidrig beurteilt, gefälligst vorher berücksichtigt werden müssen. Oder als hätten öffentliche Aussagen von 2021 zum Coronavirus, der Erkrankung oder der Impfung gefälligst auch für alle folgenden Virusvarianten und Entwicklungen der Pandemie gültig sein müssen.

Solche Erzählungen in den Leitmedien zu stützen und damit zu legitimieren und so wirkmächtiger zu machen, ist nicht ungefährlich. Weil ein Teil der Corona-Gekränkten sich während der Pandemie radikalisiert hat – bis zur offenen Gewalttätigkeit. Die Corona-Gekränkten versuchen, dem Rest der Gesellschaft ihre darke Fantasiewelt überzustülpen, die doch vor allem eine Funktion hat: die Produktion von Schuldigen.