Sascha Lobo

Pandemiepolitik Die deutsche Rentokratie, jetzt auch mit Corona-Topping

Sascha Lobo
Eine Kolumne von Sascha Lobo
Eine Kolumne von Sascha Lobo
Kein Impfstoff für Kinder, keine Luftfilter für Schulen: Corona hat mit pandemischer Gnadenlosigkeit offengelegt, wie wenig junge Menschen in Deutschland zählen. Das äußert sich auch abseits der Politik.
Es hätte ein Sechstel des ersten Lufthansa-Hilfspakets gekostet, Klassenräume mit Luftfiltern auszustatten. Hätte...

Es hätte ein Sechstel des ersten Lufthansa-Hilfspakets gekostet, Klassenräume mit Luftfiltern auszustatten. Hätte...

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Gregor Fischer / dpa

Natürlich kann man das Kinder- und Jugendfiasko so positiv verdreht erzählen, wie es hierzulande üblich ist. Dass Kinder seltener schwere Verläufe von Covid-19 entwickeln. Dass Kindergärten und Schulen geöffnet wurden, obwohl sie in anderen Ländern als Ansteckungsherde identifiziert wurden. Ja, so sehr kümmert man sich um die jungen Leute, dass man sie nach einem verlorenen Jahr mit kaum verkappten Durchseuchungsstrategien konfrontiert.

Aber die Wahrheit ist hier, wie in vielen Bereichen: Corona hat mit pandemischer Gnadenlosigkeit offengelegt, wie wenig junge Menschen zählen in Deutschland. Das ist, um es deutlich zu sagen, keine neue Erkenntnis. Trotzdem ist sie als Neuaufguss Geschmacksrichtung Covid besonders bitter. Weil diese Jugendmissachtung nicht nur parteiübergreifend konsensfähig erscheint, sondern auch abseits der Politik herrscht, bis in die Köpfe der älteren Mehrheit hinein.

Ein Beispiel dafür aus dem letzten Jahr: Auf dem sozialen Netzwerk für Boomer, einer merkwürdigen Multiplattform namens Facebook, fanden sich im vergangenen Jahr endlose, hasserfüllte Litaneien über schlimme junge Leute, die »Coronapartys« feierten. Der Name verschleierte, dass es sich oft um Freilufttreffen im Park handelte, an dem Ort also, an dem laut Aerosol-Forschenden 0,1 Prozent aller Covid-Infektionen stattfinden. Darüber schimpft Onkel Andreas unflätig und geht am nächsten Tag in sein Großraumbüro, wo er maskenlos acht Stunden PowerPoint-Vorlagen mit Quartalsergebnissen ausfüllt, begleitet vom UKW-Radio.

Es ist verräterisch, dass die erste, breit medialisierte Äußerung zum Impfstoff für Kinder  von Biontech-Chef Uğur Şahin kommen musste, bevor die bisherige Nichtexistenz überhaupt größer thematisiert wurde. Die Gegenprobe hat Gesundheitsminister Spahn abgeliefert, der sich Ende Dezember 2020 – längst ist der Impfstoff in aller Munde, die Impfkampagne hat bereits begonnen – so  geäußert hat: »Ich bin optimistisch, dass wir im Laufe des nächsten Halbjahres allen ein Impfangebot machen können.« Ja, nee. Eben nicht allen. Stand Mai 2021 existiert kein zugelassener Impfstoff für Kinder. Man kennt dieses »alle«, es heißt: alle, die gelten, und es bezieht junge Menschen nicht mit ein. Oder etwas boshafter unterstellend könnte man sagen: Mit »alle« sind eben alle Wahlberechtigten gemeint.

Es ist ja auch ein treffendes Symbol für dieses Land, dass bis zu seinem vorübergehenden Sturz aus Gier mit Philipp Amthor ausgerechnet der älteste unter 30-Jährige des Landes als konservative Nachwuchshoffnung galt. Ein Mann, der bis hin zu seiner Aufnahme in die »Vollversammlung des Diözesanrats der Katholiken im Erzbistum Berlin« perfektes Greisenmimikry zur politischen Kunstform erhoben hat. Man kann Amthors Erfolgsstrategie der Altenimitation sogar als Notwehr in einer Gesellschaft begreifen, die Seriosität anhand der Zahl der Jahre beurteilt.

In Sachen Corona haben sich Scharen junger Menschen in den Zwangsdeal gefügt, über ein Jahr ihres Lebens zu opfern, vorrangig, um Ältere zu schützen. Im Gegenzug bekamen sie wenig, ergänzt um schlechten Empfang und herablassende Boomer-Erzählungen davon, wie gut ihnen bekommen würde, auch mal zu verzichten, so wie sie selbst damals im Krieg, den sie nicht erlebt haben. Dabei kann – aus sozialer, psychologischer, gesellschaftlicher Sicht – dieses fehlende Jahr ernsthafte Konsequenzen in der Entwicklung haben. Ganz zu schweigen von den explodierenden Zahlen der häuslichen Gewalt an Kindern.

Neben der oft wiederholten, ikonischen Formulierung »allen bis zum Sommer ein Impfangebot machen«, die die Existenz junger Menschen einfach ignoriert, findet sich quer durch die Corona-Landschaft eine Reihe weiterer Belege für die Geringschätzung der Jugend. Keinesfalls darf man ignorieren, wie sehr die immer gefährlicher werdenden »Querdenker« für ihre radikale Ideologie Kinder missbrauchen. Als Argumentationshilfe, als fotogenes PR-Material, als Schutzschild der vorgeblichen Harmlosigkeit. Es ist keine Kinderliebe, bei Themen rund um den eigenen Nachwuchs jede Rationalität auszuschalten – sondern das Gegenteil davon, weil es von einer höchst egoistischen Agenda zeugt: Meine politische Ansicht ist wichtiger als das Wohlergehen meines Kindes.

Es ist ebenfalls kein Zufall, dass exakt diese Haltung sich von »Corona-Skeptikern« auch auf »Klima-Skeptiker« übertragen lässt, also Leute, denen ihre eigene Gegenwart wichtiger ist als die Zukunft der Jugend, und die sich deshalb für keine Realitätsleugnung zu schade sind. Da ist ein Muster dahinter, und es heißt: Generationsegoismus. Die beiden wahrscheinlich eindrucksvollsten Belege für die implizite Jugendfeindlichkeit der mächtigen Boomer-Generation sind einerseits die Schulkatastrophe und andererseits die Elternmissachtung.

Auch über ein Jahr nach Beginn der Pandemie ist schlicht keine bundesweite, umfassende Coronastrategie für Schulen und Kindergärten zu erkennen. Und das lässt sich nicht allein auf den Föderalismus und die daher rührende Zuständigkeit der Länder für Bildung schieben. Es hätte – bitte festhalten und möglichst nur wutbissfeste Gegenstände in Mundreichweite belassen – rund ein Sechstel des ersten Hilfspakets für die Lufthansa gekostet, die Klassenräume in Deutschland mit Luftfiltern auszustatten. Ein Sechstel. »Schützen und Stützen ist weiter das Motto im Luftverkehr «, sagte Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) dazu, entsprechende Sätze vom Bildungssystem sind nicht überliefert, faktisch böte sich für die vierte Regierung Merkel vielleicht »Klassen so lassen« an. Die Filtergeldschätzungen sind nicht meine Zahlen, sondern die vom Institut für Strömungsmechanik und Aerodynamik  an der Universität der Bundeswehr München. Also eine Institution, der man zugleich das beste Fachwissen wie auch eher geringe Staatsfeindlichkeit unterstellen kann. Trotzdem gilt politisch die Luftfilterlösung für Schulen bis heute als »zu teuer«, und zwar explizit und in Abwesenheit eines Impfstoffes für diejenigen, die in Klassenräumen sitzen. Während Luftfilter übrigens für öffentliche Erwachsenen-Räume wie Gerichte und Parlamente beinahe Standard sind, wie der Institutsleiter Christian Kähler sagt.

Das oft kolportierte und diskutierte  Gefühl, dass sich Eltern alleingelassen fühlen, hat – neben der Selbstverständlichkeit der Last des »Home Schooling« – sogar eine gesetzliche Entsprechung. Eltern haben per definitionem die Menschen mit den derzeit höchsten Inzidenzwerten zu Hause rumflitzen, denen am schwierigsten mit pandemischen Standardinstrumenten wie Masken beizukommen ist, für die es weder Impfstoff noch Luftfilter gibt. Und trotzdem ist die Impfpriorität von Eltern, richtig: keine Priorität. Sie müssen warten, bis irgendwann im Sommer die Priorisierung aufgehoben werden könnte. Vielleicht.

Es ist natürlich nicht so, dass alle Alten und die gesamte Politik jugendfeindlich sind. Es gibt in jeder demokratischen Partei Leute aller Altersstufen, die sich vehement für junge Menschen einsetzen. Aber sie dringen viel zu selten durch die Alterslehmschicht ihrer eigenen Machtapparate, ihre Prioritäten werden ignoriert. Das bundesrepublikanische System ist eben bis in die Details von einer latenten Geringschätzung des Neuen und des Jungen durchdrungen. Fast alle Dinge werden durch eine Brille der Altersbevorzugung und Jugendbenachteiligung betrachtet. Das steht – leider – sogar im Grundgesetz, und zwar in Form der sogenannten Schuldenbremse, deren Sonderform im Alltag oft schwarze Null genannt wird. Die schwarze Null nämlich ist der Hauptgrund, warum so viele Zukunftsinvestitionen von digitaler Infrastruktur über digitale Bildungs- und Gesundheitssysteme bis zu deutlich familienfreundlicherer Politik zurückstehen mussten. Und wofür? Für das trügerische Gefühl, auf Kosten der Jungen eine schön sparsame Generation zu sein: die schwarze Null als Symbol der Rentokratie, jetzt mit extra Covid-Sahne obendrauf.