PIN-Spähsoftware Ausweis-Sicherheitslücke alarmiert Kritiker

Wie sicher ist der PIN-Code des neuen digitalen Personalausweises? Das ARD-Magazin "Plusminus" berichtet über Schwächen der Lesegeräte, die bald massenhaft verteilt werden - weil ihnen eine Tastatur fehlt, wird Hackern das Mitlesen des Sicherheitscodes relativ leicht gemacht.
Lesegerät für den neuen Personalausweis: Schwachstelle im Sicherheitskonzept?

Lesegerät für den neuen Personalausweis: Schwachstelle im Sicherheitskonzept?

Foto: dapd

Der neue Personalausweis ist mit elektronischen Sicherheitsfunktionen ausgestattet - aber trotzdem nicht sicher, berichtet jetzt das ARD-Magazin "Plusminus". In Zusammenarbeit mit dem Chaos Computer Club (CCC) hat die Redaktion nach eigenen Angaben Testversionen der sogenannten Basislesegeräte geprüft, mit denen man zum Beispiel die Online-Funktionen des neuen Ausweises nutzen kann. Dabei sei es den CCC-Experten mühelos gelungen, Daten abzufangen - inklusive der geheimen PIN.

Von vorne: Die Einführung des neuen Ausweises ist für November geplant. Als wichtigsten Unterschied und größten Vorteil preist das Bundesinnenministerium dessen elektronische Fähigkeiten  . Alle Daten, die auf den Ausweis gedruckt sind, sind auch auf einem integrierten Chip gespeichert. Auf ihn lässt sich ein digitales Zertifikat laden, mit dem man Dokumente rechtsverbindlich unterschreiben kann - eine klassische Unterschrift erübrigt sich, der Ausweis genügt. So soll man das neue Dokument unter anderem für Online-Behördengänge und zum Internet-Shopping verwenden können. Der Personalausweis wird dafür über ein spezielles Lesegerät mit einem Computer verbunden. Das Ministerium will zur Einführung eine Million solcher Apparate kostenlos verteilen lassen, für 24 Millionen Euro. Doch genau sie hat "Plusminus" jetzt als Schwachstelle ausgemacht, berichtet WDR-Redakteur Roman Stumpf.

Er schildert, was das Problem ist: Bei den Lesegeräten handelt es sich um sogenannte Basislesegeräte der Sicherheitsklasse I, und diese haben keine integrierte Tastatur. Der Nutzer muss den sechsstelligen PIN-Code also auf der Tastatur des angeschlossenen Computers eingeben. Und dort lässt sich der Sicherheitscode mit einer einfachen Spähsoftware abgreifen - sozusagen mitlesen. Dafür braucht es nur sogenannte Keylogger, Programme, die alle Tastenanschläge heimlich aufzeichnen und die schon jetzt massenhaft zum Ausspionieren von Passwörtern im Web benutzt werden. Sie lassen sich über fingierte E-Mails oder manipulierte Web-Seiten auf den PC einschleusen und könnten im Fall des digitalen Ausweises die PIN an einen Fremden schicken, ohne dass der Nutzer es merkt.

Allerdings: Mit der PIN allein können Cyberkriminelle noch nichts anfangen; darauf weist auch Stumpf hin. Um die gestohlene Zahlenkombination zum Beispiel für illegale Einkäufe zu nutzen, ist auch der Personalausweis selbst nötig. Um an diesen zu kommen, gibt es letztlich zwei Möglichkeiten: Entweder Diebstahl - oder der Hacker richtet sich einen Fernzugriff auf den Rechner des Opfers ein und steuert das Lesegerät fern, sofern der Personalausweis darin eingesteckt ist.

"Kein unmittelbarer Handlungsbedarf"

FDP-Experte Manuel Höferlin warnt nun, der elektronische Personalausweis dürfe nur pünktlich eingeführt werden, "wenn sowohl der Ausweis als auch die in der Anfangsphase kostenfrei mit ausgelieferten Lesegeräte sicher sind". Sicherheitslücken müssten behoben werden, sagte der Bundestagsabgeordnete. Wenn dies nicht zum November gelinge, "muss der elektronische Personalausweis später eingeführt werden".

Innenminister Thomas de Maizière (CDU) sieht laut "Plusminus" dagegen keinen unmittelbaren Handlungsbedarf - und wird dabei vom Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) unterstützt. Dessen Personalausweisexperte Jens Bender sagte der Nachrichtenagentur dpa, das neue Dokument sei sicher. Trojanerangriffe seien zwar möglich. Aber damit habe man eben "noch keinerlei Zugriff auf die persönlichen Daten", die nur verschlüsselt übertragen würden. "Auch als Angreifer komme ich nicht an die Daten heran". Der Basisleser sei für die Online-Authentifizierung in Ordnung, zusätzliche Sicherheit böten aber Geräte mit integrierter Ziffertastatur (Pinpad), sagte Bender. Sie sind allerdings teurer und werden nicht kostenlos verteilt.

Dass auch sie keine absolute Sicherheit bieten, berichtete heise online schon im Juni . Demnach war es einem Hacker mit dem Pseudonym Colibri gelungen, die Betriebssoftware des Geräts mit einfachen Mitteln so zu manipulieren, dass PIN-Codes ausgelesen und gespeicherte Daten manipuliert werden konnten. Der Hersteller hat die Sicherheitslücke mittlerweile geschlossen.

Um Trojaner, Keylogger oder andere Schadsoftware abzuwehren, rät BSI-Experte Bender, seinen Computer zu schützen - mit regelmäßigen Software-Updates, einer Firewall und einem aktuellen Virenschutz. Wer diesen Rat beherzigt, läuft seltener Gefahr, dass der Rechner manipuliert oder Daten ausgespäht werden.

Dazu kommt: Für Kriminelle ist der elektronische Ausweis nicht das attraktivste Objekt, weil ja immer noch der Ausweis an sich benötigt wird, um Daten zu missbrauchen. Kreditkartendaten mitzulesen ist da die erprobtere Vorgehensweise - die viel schneller und einfacher Erfolg verspricht.

Mit Material von dpa