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19. September 2011, 11:34 Uhr

Piraten-Erfolg in Berlin

Arroganz der Etablierten

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Der Wahlerfolg der Piraten in Berlin ist eine Ohrfeige für Deutschlands etablierte Parteien. Ein Teil der jungen Geisteselite fühlt sich von der Politik nicht mehr vertreten - weil sie die digitale Revolution schlicht verschlafen hat.

Dieser Text ist ein gekürzter und aktualisierter Auszug aus Christian Stöckers Buch " Nerd Attack - eine Geschichte der digitalen Welt vom C64 bis zu Twitter und Facebook".

Ein bisschen überrascht wirkt das deutsche Politik-Establishment dann doch vom Wahlerfolg der Piratenpartei in Berlin. 8,9 Prozent, über 73.000 Erst- und knapp 130.000 Zweitstimmen - das ist mehr, als man der Truppe zugetraut hätte, die Renate Künast von den Grünen kürzlich noch "resozialisieren" wollte. Der der alte und neue regierende Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) "ein völlig unklares Profil" zu "wesentlichen gesellschaftlichen Themen" bescheinigte. Als könne man das in diesen Tagen nicht der gesamten politischen A-Riege des Landes vorwerfen.

Für andere dagegen ist der Erfolg der Piraten mitnichten überraschend: Er steht für ein Versagen der deutschen (Bundes-)Politik in Sachen Gegenwart, das viele gebildete junge Menschen zumindest in der Bundeshauptstadt offenbar nicht länger zu akzeptieren bereit sind.

Das Land der Ingenieure verliert den Anschluss an die digitale Welt

Trotz Internet-Enquete, trotz aller Politikberatungsrunden mit Vertretern von Hackern und "Netzgemeinde" - zwischen weiten Teilen der deutschen Politik und denen, für die das Internet und digitale Technologie Selbstverständlichkeiten sind, herrscht nach wie vor eine bezeichnende Sprachlosigkeit. Vielleicht liegt das, soweit es die Politik betrifft, an der insgeheim gewonnenen, aber natürlich nie laut formulierten Erkenntnis, dass man versagt hat in diesem Bereich - unter den 100 wichtigsten Websites der Welt findet sich keine einzige aus Deutschland. Es gibt in Deutschland ein einziges Softwarehaus von Weltbedeutung, keinen Handy-, PC- oder Elektronikhersteller mehr. Das Land der Ingenieure verliert den Anschluss an die digitale Welt.

Vielleicht spürte man in Berlin doch, dass Deutschland heute ein Entwicklungsland ist, was seine Präsenz und Relevanz im weltweiten Netz angeht, der durchaus lebendigen Start-up-Szene in der Hauptstadt zum Trotz. Weil man sich viele Jahre lang in tapferem Ignorieren des digitalen Wandels geübt hat, um dann, als das Internet nicht mehr zu ignorieren war, als Erstes darüber nachzudenken, wie man dieses Monstrum nun zähmen und wie man es gleichzeitig als Überwachungs- und Kontrollinstrument in Stellung bringen könnte.

Ein immer noch aktuelles Beispiel zum Thema ist die Vorratsdatenspeicherung: Nach dem Erfolg der Verfassungsbeschwerde gegen das Gesetz, das Provider verpflichtet, alle Internetverbindungsdaten zu speichern, wird nun erneut offensiv eine sofortige Wiedereinführung der gigantischen Datenerfassung gefordert. Die Union wittert angesichts einer desaströs geschwächten FDP eine Chance, sich mal wieder als Law-and-Order-Partei zu profilieren. Die Vorratsdatenspeicherung, um das noch einmal deutlich zu sagen, ist in etwa so, als stelle man prophylaktisch an allen deutschen Straßenkreuzungen Kameras auf, um vollständig zu erfassen, wer wann wo vorbeigefahren ist. Es könnte ja sein, dass mal ein Verbrechen passiert. Die aktuelle Petition gegen dieses Vorhaben ist bislang von 61.000 Bürgern unterzeichnet worden.

"Signifikanter Rückgang des Interesses an politischen Fragen"

Das ist die eine Seite der neuen Internetpolitik: Man hat sich damit abgefunden, dass dieses Werkzeug nun zur Verfügung steht, also kann man es doch wenigstens in größtmöglichem Ausmaß dazu einsetzen, die eigenen Bürger zu überwachen.

Die andere, für Deutschlands Zukunft womöglich noch problematischere Seite ist jedoch die, für die etwa Kulturstaatsminister Bernd Neumann steht. Er ist ein Mann der alten analogen Welt, er bekennt das auch gerne freimütig, obwohl in sein Ressort zum Beispiel die Verantwortlichkeit für den Deutschen Computerspielpreis fällt - den Neumann offenkundig wenig schätzt. Wesentlich mehr am Herzen liegt ihm die "Nationale Initiative Printmedien", die wohl einzige mit staatlicher Unterstützung ausgestattete Aktion zur Rettung eines Datenträgers. Bernd Neumann ist ein Freund des Wortes, aber nicht des geschriebenen, sondern des gedruckten. Zitat: "Junge Menschen lesen heute immer weniger Zeitungen und Zeitschriften. Im Zentrum ihrer Mediennutzung stehen elektronische Angebote." Mit dieser Entwicklung, behauptet Neumann, "geht ein signifikanter Rückgang des Interesses von Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen an politischen und gesellschaftlichen Fragen einher". Für diese These dürften die 130.000 Berliner Piraten-Wähler kaum mehr als ein müdes Lächeln übrighaben.

Warum der digitale Graben breit ist wie eh und je

Neumanns erste Behauptung stimmt: Das Internet ist für Menschen unter 20 das Informationsmedium Nummer eins. Es ist ja auch besser als jedes andere Medium für diesen Zweck geeignet. Den "signifikanten Rückgang des Interesses", das junge Menschen heute der Politik entgegenbringen, kausal auf ihre veränderte Mediennutzung zurückzuführen, ist eine steile und gänzlich unbelegte These.

Das Wort "Politikverdrossenheit" wurde von der Gesellschaft für deutsche Sprache 1992 zum "Wort des Jahres" gekürt - zu einer Zeit also, als der Großteil der Jugend von heute noch gar nicht geboren war (und ein Jahr bevor der erste grafische Web-Browser kam). Die Punktzahlen im Bereich "Lesekompetenz" der Pisastudie für die Jahre 2000, 2003 und 2009 sind: 484, 491 und 497. Das ist kein rasanter Anstieg, aber beim besten Willen auch keine Abnahme. Und die Umsätze von Buchverlagen steigen Jahr für Jahr.

Vielleicht ist also doch eher die Politik schuld an der Politikverdrossenheit? Vielleicht liegt es sogar an Politikern wie Neumann selbst, die dieser Jugend in regelmäßigen Abständen Dummheit, Desinteresse und mangelnde Bildung vorwerfen. Die, wie Künast, bei politischem Engagement außerhalb der eigenen Reihen Resozialisierungsbedarf diagnostizieren.

Die Verachteten sind es langsam leid

Fakten müssen eben nicht unbedingt eine Rolle spielen, wenn sich die Gefühle von Nostalgikern Bahn brechen. Noch immer geht hier das Unverständnis für das Medium und seine Möglichkeiten mit leiser Verachtung für die einher, die es selbstverständlich nutzen. Und die so Verachteten sind es langsam leid.

Tatsächlich ist der digitale Graben in Deutschland so breit und tief wie eh und je. An der grundsätzlichen Problematik, dass ein großer Teil der Menschen, die in diesem Land das Sagen haben, ob in der Politik, der Wirtschaft oder den Medien, ein mindestens gespaltenes Verhältnis zu digitaler Technologie und ihren Auswirkungen besitzt, hat sich nichts geändert. Die Grünen insbesondere haben die Chance verpasst, sich als Internetpartei zu profilieren - was auch am technikfeindlichen Erbe der Partei liegt. Es gilt heute allerdings nicht mehr als opportun und akzeptabel, sich offen als prinzipieller Feind der digitalen Medien zu outen. Niemand möchte schließlich als kulturpessimistisch oder gar reaktionär gelten.

Als Arroganz getarnte Ignoranz

Die nach wie vor vorhandenen grundlegenden Vorbehalte der Datenträgernostalgiker, Dotcom-Blasen-Geprellten und Kulturpessimisten zeigen sich nun in neuem Gewand. Sie verkleiden sich als gut gemeinte Mahnungen, Warnungen vor Informationsüberschuss, vor zu viel Kommunikation, vor allzu großer Einfachheit, was den Zugang zu Wissen angeht. Oder als gespielte, kokettierende, demonstrative Inkompetenz: "Mach du das mal, ich weiß ja nicht mal, wie man einen Computer einschaltet."

Woher diese Haltung kommt? Das hat, so unhöflich das klingt, viel mit dem Lebensalter zu tun: In der Generation der heute über 50-Jährigen hat das Internet, hat digitale Technologie nie die persönlich beglückende Rolle gespielt wie im Leben von 20- oder 30-Jährigen. Menschen dieser Altersgruppe haben - in der Regel - keine Liebesbeziehungen über E-Mail oder Social Networks angebahnt, haben nicht mit dem Joystick in der Hand Freundschaften fürs Leben geschlossen, haben nicht im Netz Gleichgesinnte mit dem gleichen Musikgeschmack gefunden, sich nie dem faszinierenden Strudel an Informationsquellen hingegeben, den das Internet heute zu jedem Besessenheits-Thema von Manga-Comics bis hin zu Teilchenphysik anzubieten hat. Sie haben das Netz nicht lieben, nicht liebevoll aber skeptisch damit umgehen gelernt.

Die jahrtausendealte Herablassung gegenüber der Jugend von heute ist in unseren Tagen eine Herablassung gegenüber der Jugend, die dieses mächtige, bedrohliche, unordentliche, unkontrollierbare Etwas so selbstverständlich nutzt. Mit als Arroganz getarnter Ignoranz drohen Deutschlands große Parteien die Gruppe zu verprellen, die allein dieses Land im 21. Jahrhundert voranbringen kann.

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