Sascha Lobo

S.P.O.N. - Die Mensch-Maschine Willkür, Schlamperei und Apples Schweigen

Wie fühlt sich Willkürherrschaft von technisch Mächtigen an? Warum ist Apple das Image wichtiger als Kundensicherheit? Haben wir uns an NSA-Attacken gewöhnt? Drei zu wenig beachtete Nachrichten zeigen, wie es um die digitale Sphäre bestellt ist.

Schon für neunzehn Milliarden Dollar lässt sich über Tage ein schwarzes Loch der Digitalaufmerksamkeit erzeugen. So groß, dass die meisten anderen Nachrichten rund ums Internet von der Öffentlichkeit ausgeblendet oder minimiert werden.

Drei Meldungen, die in entscheidenden Details zu wenig oder unvollständig beachtet wurden, geben Aufschluss über den Zustand der digitalen Sphäre.

Piratenpartei - wie Willkür der technisch Mächtigen aussieht

Die derzeitigen Implosionsübungen der Piratenpartei begannen mit einer Aktion einer maskierten Neuköllner Piratenabgeordneten, die zum Jahrestag der Dresdner Bombardierung auf ihren nackten Oberkörper schrieb "Thanks Bomber Harris" und ein Foto davon twitterte. Obwohl die anschließende Diskussion in und um die Piratenpartei in sozialen Medien völlig eskalierte - inklusive Gewalt- und Todesdrohungen - wurde in Erwachsenenmedien vergleichsweise wenig darüber berichtet. Dieser Umstand lässt sich kaum anders deuten als Beleg für die Irrelevanz der Piraten aus Redaktionssicht. Ein Detail der Eskalation aber besteht aus purem, technosozialen Sprengstoff.

Denn mitten in die Diskussion hinein haben einige Systemadministratoren eigenmächtig die Piraten-Server abgeschaltet  und stattdessen einen Text mit politischen Forderungen ins Netz gestellt. Diese Aktion lässt erahnen, wie eine Systemadministrokratie aussähe, also eine Willkürherrschaft der technisch Mächtigen ohne Mandat, das Recht des digital Stärkeren. Diese Aktion wirkt zerstörerischer als alle getwitterten Fotos zusammen. Der Missbrauch offenbart ein erhebliches Demokratiedefizit: Auf den abgeschalteten Servern liefen auch die politischen Diskussionsinstrumente der Piraten. Eine kleine, nur technisch mächtige Gruppe möchte die politische Richtung bestimmen, indem sie andere politische Diskussionen erschwert.

Verliehene Machtmittel ohne Legitimation für die eigene politische Agenda einzusetzen - das war ursprünglich jedoch etwas, wogegen die Piraten angetreten waren. Dass jetzt nicht nur keine Konsequenzen gezogen werden, sondern viele die verharmlosend als "Streik" bezeichnete Aktion gut finden, das offenbart, was man schon ahnte. Große Teile der Piraten wollen keine substantiell andere Politik wie behauptet. Sondern die gleiche Politik von anderen Leuten. Nämlich von Leuten, die ihnen selbst ähnlich sind.

Apple - Schlamperei wegleugnen, Perfektion vorgaukeln

Unter den Stichworten "goto fail" oder "SSL-Bug" wurde außerordentlich viel geschrieben über die gravierenden Sicherheitslücken von Apple. Außer von Apple. Nach Einschätzung der meisten Experten handelt es sich um den gefährlichsten Fehler in der Software des Unternehmens seit langer Zeit.

Der Fehler erlaubt die Übernahme eines einzelnen Apple-Geräts. Auf der Startseite von Apple findet sich dazu nichts. Unter "Hot News"  findet sich noch weniger als nichts in Form einer Ankündigung eines iTunes-Events. Die Suche über die gesamte Homepage nach "Bug" wie auch nach "goto fail" bleibt ergebnislos . Apple betreibt kein eigenes Blog, keinen offiziellen Twitter-Account, keine offizielle Facebook-Seite und doppelt überhaupt gar keine offizielle Google+-Seite.

Was Lobpreisungen der eigenen Leistungen angeht, ist Apple dagegen keine Meldung zu bekloppt, "1 Million Downloads von Filemaker Go" heißt eine der letzten. Für die große Öffentlichkeit bleibt der Konzern genau dort und genau dann stumm, wo man am dringendsten Informationen erwarten, nein: benötigen würde.

Hier rächt sich eine von Steve Jobs in die Unternehmenskultur eingepflanzte Unzulänglichkeit: radikaler Perfektionismus. Apple darf niemals Fehler machen . Weil Fehler trotzdem passieren, wird der massive Bug wegignoriert. Apple ist jeder potentielle Kratzer im Image wichtiger als die Sicherheit der Nutzer. Ein düsteres Zukunftsszenario, wenn Apple in Bereiche expandiert, in denen digitale Sicherheit über Leben entscheidet, wie Autos oder Gesundheit. Eventuell aber steht hinter dem Fehler noch etwas anderes. Unbewiesene Vermutungen tauchen auf , dass der Beginn der Zusammenarbeit zwischen NSA und Apple (Oktober 2012) und das Auftauchen des Fehlers im Betriebssystem (Oktober 2012) miteinander zu tun haben könnten.

NSA - haben wir uns an die US-Angriffe gewöhnt?

Ein Medienbericht zeigt: Offenbar haben die amerikanischen Geheimdienste tatsächlich aufgehört, Merkels Handy abzuhören. Stattdessen haben sie die Überwachung des Innenministers de Maizière intensiviert. Man muss sich diese völlig unterbeachtete Meldung noch einmal Wort für Wort vergegenwärtigen: Zur Stunde hören offenbar US-Geheimdienste den Innenminister ab, der unter anderem für die Spionageabwehr zuständig ist. Und noch 320 andere Entscheidungsträger aus Politik und Wirtschaft.

Bestürzender noch als die bloße Tatsache - sollte der Medienbericht stimmen - ist die weitgehend ausgebliebene Reaktion. Eine brandgefährliche Gewöhnung steht dahinter, das Akzeptieren des vermeintlich nicht Änderbaren, und sei es auch illegal. "Wer für den Geheimdienst einer fremden Macht eine geheimdienstliche Tätigkeit gegen die Bundesrepublik Deutschland ausübt,… wird mit Freiheitsstrafe bis zu fünf Jahren oder mit Geldstrafe bestraft." So lautet Paragraf 99 des Strafgesetzbuchs. Vorschlag zur Güte: eine Gesetzesänderung, die "fremde Macht" durch "nicht allgemein als befreundet bezeichnete Macht" ersetzt. So ließe sich mit einem Handgriff die leidige Spähaffäre beenden.

Alternativ empfiehlt sich die wöchentliche Investition von 19 Milliarden Dollar, damit sich nichts am flächendeckenden Ausspähen ändert und trotzdem kaum jemand mehr darüber diskutiert.

tl;dr

Die Piraten implodieren, Apple hat keine Fehlerkultur und zunehmend findet eine gefährliche Abstumpfung gegen illegales Ausspähen statt.

Offenlegung
Mit Gabriel Yoran, Urheber des Tweets und des Blogbeitrags zu Apple, bin ich befreundet.

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Foto: SPIEGEL ONLINE
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