Plappernde Soldaten Facebook-Posting lässt Razzia platzen

An einem Mittwoch, schrieb ein israelischer Soldat auf seiner Facebook-Seite, werde seine Einheit ein Dorf auf der West Bank stürmen. Die Razzia fiel aus, der kommunikationsfreudige Soldat kam vor das Militärgericht - doch das Problem bleibt bestehen: Geheimhaltung ist kaum noch möglich.

Konfliktort West Bank: Vor allem der fortlaufende Bau der Betonbarriere zwischen Palästinensergebiet und Israel sorgt weiter für Unfrieden
AFP

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Deutlicher und ausführlicher hätte man die Sache kaum ankündigen können: Am Mittwoch, schrieb ein israelischer Soldat auf seiner Facebook-Seite, werde seine Einheit ein bestimmtes Dorf auf der palästinensischen West Bank stürmen, am Donnerstag dann werde er, "wenn Gott will", endlich wieder Zuhause sein. Ein schriftlicher Stoßseufzer aus dem soldatischen Berufsalltag, eine gedankenlos dahingeplapperte Statusmeldung mit erheblichen Konsequenzen: Die israelische Armee verzichtete auf die groß geplante Razzia, der Soldat kam vor ein Militärgericht.

Der Fall wirft ein aktuelles Schlaglicht auf ein Dauerproblem, mit dem gerade Militärs weltweit zu kämpfen haben: Kommunikation ist allgegenwärtig, das Gefühl für Geheimes oder das, was man vielleicht nicht sagen sollte, geht verloren. Immer wieder und zunehmend häufig kommt es zu Geheimnisverrat, der gerade in akuten Konflikten lebensbedrohliche Konsequenzen haben kann.

Seid auch Soldaten bloggen, twittern, stets per Handy erreichbar sind und per Social Network vertiefte Informationen verbreiten, haben Armeen ein Problem, sensible Informationen unter Kontrolle zu halten. So wurde schon bald nach dem Beginn der Militäraktionen in Afghanistan und Irak das eigentlich rigide Informationsmanagement der Amerikaner unterlaufen: Während die Presse nicht frei berichten konnte, so genannte eingebettete Berichterstatter nur zu sehen bekamen, was sie sehen sollten, bloggten GIs Geheimnisse oder widersprachen öffentlichen Darstellungen, indem sie selbst wahrhaftigere Statusberichte nach Hause schickten.

Zeitweilig versuchten es Militärs daraufhin mit autorisierten, Armeeeigenen und natürlich zensierten Sozialen Netzen: Vermeintlich freien Soldatenblogs, während zeitgleich ein Verbot ausgesprochen wurde, in anderen Netzwerken aktiv zu sein. Es funktionierte nicht, denn weder waren die Armee-Blogs glaubwürdig, noch hielten sich die Soldaten an ihre Verbote: Auch dem aktuellen Fall in Israel ging eine seit Monaten laufende Armee-interne Informationskampagne voraus, im Internet doch bitte schön die Klappe zu halten über sensible Informationen, Facebook-Freunde nicht als echte Freunde misszuverstehen.

Mehr Nutzen als Schaden

Gewirkt hat sie offenbar nicht, wie auch Strafmaßnahmen das Problem nicht aus der Welt schaffen dürften: Elektronische Kommunikation über alle möglichen Kanäle ist so sehr Teil des Alltagslebens, dass sie sich nicht mehr verbieten lässt. Auch die Israelische Armee verzichtete darauf, an dem plapperfreudigen Soldaten ein Exempel zu statuieren: Er kam mit zehn Tagen Haft davon - und ist künftig von Kampfeinsätzen ausgeschlossen.

Auch die US-Armee hat vor Twitter und Facebook kapituliert. Erst Ende Februar gab sie ihr seit einigen Jahren propagiertes, immer wieder unterlaufenes Nutzungsverbot für Social Networks auf. Nach einer siebenmonatigen internen Prüfung kam das Pentagon zu dem Schluss, dass bloggende, twitternde und Facebook-aktive Soldaten der Armee unter dem Strich mehr Nutzen bringen als Schaden verursachen. Tatsächlich nähmen die O-Töne aus dem Sozialen Netz inzwischen im Rahmen der Armee-PR eine wichtige Rolle ein - klar, denn wenn ein im Irak stationierter Soldat in einer hitzigen Online-Debatte zum Thema das Wort ergreift, ist das glaubwürdiger als jede Pressemitteilung des Verteidigungsministeriums.

Allerdings weiß auch das Pentagon, wo man Grenzen ziehen muss: Wenn geheime oder größere Aktionen anstehen, sollen die Netzwerk-Dienste für Soldaten auch künftig vorübergehend gesperrt werden. Was einmal mehr beweist, dass man nicht nicht kommunizieren kann: Wenn die plappernden Soldaten verstummen, weiß man jetzt, ist wohl wieder was im Busch.

pat



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