Plastikgeld-Betrug Banken trödeln bei Magnetstreifen-Abschaffung

Der Diebstahl von Kundendaten am Geldautomaten sorgt jährlich für hohe Millionenschäden. Nun will der Sparkassen- und Giroverband den betrugsträchtigen Magnetstreifen auf EC-Karten nach und nach überflüssig machen. Doch die Umstellung erfolgt viel zu langsam.

dpa

Berlin - Der Magnetstreifen ist die Achillesferse allen Plastikgeldes. Auf ihm sind Daten gespeichert, die völlig ausreichen, um eine Kopie der Karte herzustellen und damit, in Verbindung mit einer beispielsweise am Geldautomaten ausgespähten PIN-Nummer, betrügerisch Geld abzuheben. Eigentlich ist der schwarze Streifen auf den Karten inzwischen obsolet - denn jede Karte enthält heute auch einen Chip, der sich nicht so leicht kopieren lässt wie der Magnetstreifen. Seit dem 1. Januar sind alle 93 Millionen EC-Karten hierzulande mit dem fälschungssicheren Chip ausgerüstet, so der Zentrale Kreditausschuss (ZKA).

Dieser Chip hat nicht zuletzt den Zweck, Bankkunden vor dem "Skimming" genannten Datenklau am Geldautomaten zu schützen; er bringt aber nichts, solange auf den unsicheren Magnetstreifen weiterhin alles zu finden ist, was Kriminelle zum Kartenklonen brauchen. Nun kündigt der Deutsche Sparkassen- und Giroverband (DSGV) an, man wolle den Magnetstreifen nach und nach verbannen. Ein konkretes Datum, zu dem der schwarze Streifen endlich verschwinden soll, wird aber nicht genannt. Die Branche hängt am schwarzen Streifen - weil der vor allem im Ausland immer noch häufig eingesetzt wird. Und wohl auch, weil ein erneuter Komplettaustausch aller Karten und Lesegeräte eine äußerst kostspielige Angelegenheit wäre.

Die Zahl der Skimming-Angriffe war im ersten Halbjahr 2010 massiv gestiegen. Das Bundeskriminalamt (BKA) zählte von Januar bis Juni 1927 Fälle an 1073 Geldautomaten - fast so viele wie im Gesamtjahr 2009. Der Schaden wurde schon 2009 auf 40 Millionen Euro geschätzt. Vertreter des BKA schlugen deshalb Alarm: Nur wenn der Magnetstreifen an den Karten wegfalle, könne das Ausspähen von Kundendaten an Geldautomaten verhindert werden.

Abschaffung in fünf Jahren? Oder noch später?

Hierzulande sollen laut DSGV nun für die eigenen Kunden ab dem 1. Juli 2011 alle EC-Zahlungen (die Banken nennen die Karten inzwischen "Girocard") etwa im Handel nur noch über den Chip mit Eingabe der persönlichen Geheimzahl abgewickelt werden. Ab 2012 sollen dann alle Abhebungen am Geldautomaten ausschließlich per Chip und PIN gemacht werden. Erst danach sollen auch Geschäfte wie etwa der Ausdruck des Kontoauszugs umgestellt werden.

Doch eine echte Abschaffung des Magnetstreifens auf EC- und Kreditkarten, wie das BKA sie fordert, wird es so schnell nicht geben. Der Magnetstreifen werde eben weiterhin für Zahlungen außerhalb Europas, beim Bezahlen mit Karte und Unterschrift im Handel und für den Kontoauszugsdrucker gebraucht, erklärte eine Sprecherin des DSGV. Experten zufolge dürften die ersten Karten ohne Magnetstreifen erst innerhalb der nächsten fünf Jahre ausgegeben werden.

Lösungsweg Doppelkarte?

Die Geschäftsbanken legen sich auf einen Zeitplan für das Ende der Magnetstreifen erst einmal gar nicht fest: Das sei die Entscheidung der einzelnen Institute, sagte ein Sprecher des Bundesverbands deutscher Banken (BdB). Bei betrügerischen Manipulationen erstatte die Kreditwirtschaft den Kunden die Schäden.

Das BKA schlug der Kreditwirtschaft eine "Zwei-Karten-Strategie" vor: Kunden, die ihre Karten nur im Euro-Zahlungsraum einsetzen - das seien etwa 95 Prozent aller Karteninhaber -, sollen Karten nur mit Chip bekommen. Wer die Karte auch außerhalb Europas einsetzen wolle, könne eine zweite mit Magnetstreifen beantragen. Ein Sprecher des ZKA wies dies als wenig praktikabel zurück. Die Banken und Sparkassen würden die Entwicklung beim Thema Skimming aber "genau beobachten".

Eine Sprecherin des BKA sagte am Montag, man fordere die Kreditinstitute auf, nur noch Karten mit einem deaktivierten Magnetstreifen auszugeben. Dieser könne auf den ausdrücklichen Wunsch einzelner Kunden im Ausnahmefall für Auslandseinsätze aktiviert werden.

Doch ob sich die Banken flächendeckend auf diese Lösung einlassen werden, scheint mindestens fraglich. Besorgten Kunden kann man weiterhin nur raten, ab und zu ruhig mal beherzt an der Verkleidung eines verdächtig wirkenden Automaten zu rütteln, um zu prüfen, ob sich da nicht doch eine Kamera verbirgt. Und die PIN-Eingabe stets mit Hand oder Geldbeutel zu verdecken.

cis/dpa/AFP

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unente, 03.01.2011
1. Gauner helfen Gaunern
Die zahlen lieber Geld an Betrüger und Gauner, als dass sie das Kartensystem betrugssicher machen wollen.
Chargeback 03.01.2011
2. schlecht recherchiert?
Schon mal im Handel nachgefragt, warum man dort noch lieber mit dem unsicheren Magnetstreifen abwickelt? Die Karten haben den EMV-Chip doch alle schon drauf. Wenn der Handel mitzieht kann man die Magnetstreifenverarbeitung auch in 2011 abschalten. Ansonsten stehen die Kunden da und können nicht bezahlen - und dann sind natürlich auch wieder die Banken schuld, gell?
the_flying_horse, 03.01.2011
3. Es muss sich rechnen
Banken rechnen das ganz kühl durch, es muss sich rechnen. Ist die Umstellung teurer als der Schaden, warum sollen die dann umstellen? So lange die Kunden keinen Schaden haben (meist wird das gestohlene Geld ja von den Banken erstattet), ist es mir als Kunde auch ehrlich gesagt egal.
codemonk, 03.01.2011
4. Der 'Rat' des BKA ist merkbefreit ...
Die verwendeten Geldautomaten sind offensichtlich unsicher, wie sonst sollten die 'Skimming' genannten Datenabgreifaufsätze sonst so erfolgreich ihren Dienst erweisen? Statt den Herstellern der unsicheren Automaten deren Unfähigkeit um die Ohren zu hauen und diese für offensichtlich mögliche Manipulationen haftbar zu machen, werden die Bankster-Schäfchen wie üblich für die Unfähigkeit einer ganzen Branche haftbar gemacht. Denn die Kosten gleich welcher Reaktion auf das Skimming werden den Schäfchen auferlegt - über höhere Gebühren. Nicht jedoch den Herstellern der so lächerlich leicht zu manipulierenden Geräte. Warum? Warum stellt die Redaktion des Spiegels diese Frage nicht? Statt dessen wird uns Bankster-Schäfchen über politische Beamte und staatstreue Medien verkauft, wir bräuchten nur neue Karten, und alles wird gut. Hat der Spiegel den letzten CCC-Congress verpasst? Der 'Vorschlag' des BKA kommt bestenfalls 5 Jahre zu spät, der Angriff auf Chip-Karten ist über man-in-the-middle und andere Angriffsarten derzeit kurz vor der Serienreife - und brisanter als gleich welches Skimming. Ich persönlich empfinde derartige Berichterstattung mittlerweile als interlektuelle Beleidigung.
MünchenerKommentar 03.01.2011
5. 40 Mio
40 Mio (oder evtl. inzwischen das doppelte für 2010) sind doch peanuts, verglichen mit dem Aufwand, in allen Banken, im Handel und sonstwo neue Technik einzuführen. Ein eher einfaches, nicht komplexes IT-Projekt bei einer Bank ist nicht für unter 1 Mio Aufwand (inkl. internem Personal) zu haben, ein Austausch einer Kreditkarte kostet auch schon einige Euro, also sind Kosten von 1 EUR pro Bürger und Jahr (plus dem Verwaltungsaufwand für die Schadensermittlung) so ziemlich zu vernachlässigen.
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