Politik-Netzwerk Avaaz Per Mausklick zur besseren Welt

2. Teil: Ein neues Aufregerthema muss her: Vielleicht Burma? Oder Tibet?


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Online-Bewegungen: Politik-Netzwerk Avaaz

"Das war ein viraler Moment", sagt van de Laar begeistert. Er doziert, wann er am liebsten Massenmails verschickt (vormittags), welche Überschriften es in Betreffzeilen zu meiden gilt, um nicht im SPAM-Filter zu landen. 80.000 neue Mitglieder hätten allein in den letzten zwei Tagen vor Kopenhagen von Deutschland aus bei Avaaz mitgemacht.

Doch als Mitglied gilt schon, wer Petitionen oder E-Mails per Klick unterstützt oder weiterleitet. Leute wie David Postelt. Der 22-jährige Hamburger studiert Sport, was ganz genau in Kopenhagen verhandelt wurde, weiß er nicht. Aber der

Klimawandel

ist ihm wichtig: "Dessen Folgen treffen so viele Unschuldige."

Postelt klickt auf die Avaaz-Petitionen, er hat sogar mal ein paar Euro gespendet, um Aktionen zu unterstützen. Die freiberufliche Grafikdesignerin Katja Ulbert, 33, gibt ihre Arbeitskraft, sie gestaltet Logos für Avaaz. Ulbert war früher mit Autonomen befreundet, die Berlinerin begeistert der Elan der jungen Online-Macher wie van de Laar, aber ein wenig fremd bleibt er ihr auch: "Sie sind so dynamisch, ich könnte mir vorstellen, dass sie auch noch mal was anderes aufbauen."

"Die Bindung an die Organisation ist bei solchen

Netzwerken

oft gering", weiß Malte Spitz aus dem Bundesvorstand von Bündnis 90/Die Grünen. Der Onlineexperte zählt Zehntausende Besucher auf grünen Webseiten. Doch davon sind nur wenige für Aktionen zu begeistern, so Spitz. "Die Hemmschwelle ist hoch. Amerika ist uns bei der Mobilisierung weit voraus." Daher seien die gigantischen Avaaz-Mitgliederzahlen wenig aussagekräftig.

"So etwas geht in Deutschland nicht"

Auch van de Laar hat sich kurz an Wahlkampfhilfe für die SPD versucht. Die wollte ihren Online-Auftritt nach Obama-Vorbild aufmöbeln. Doch rasch schmiss er hin: "Im Willy Brandt-Haus habe ich immer nur gehört: So etwas geht in Deutschland nicht."

Aber geht dauerhaftes Online-Engagement? "Avaaz ist für deutsche Verhältnisse hochprofessionell, doch in erster Linie 'campaigning', daher bleibt die Bindung sprunghaft und lose", sagt Leonard Novy, Fellow bei der Berliner Stiftung Neue Verantwortung und Herausgeber eines Buches über Lehren aus dem US-Wahlkampf. Selbst Obama habe Schwierigkeiten, Unterstützer aus dem Wahlkampf dauerhaft im Netz für Regierungsanliegen zu mobilisieren.

Denn ohne Wahlkampfmagie oder Aufregerthema bleiben die Klicks aus. Auch für Avaaz muss nach

Kopenhagen

ein neues her. Nur welches? Atomkraft oder der deutsche Afghanistan-Einsatz sind zu kontrovers. "Burma oder Tibet interessieren viele", sagt van de Laar.

Genug, um nicht nur die Computermaus zu bewegen - sondern wirklich aktiv zu werden? Klimaschützer Postelt wollte vor der

Kopenhagen-Konferenz

zu einer Avaaz-Mahnwache in Hamburg gehen. Aber dann war am Vormittag eine Protestaktion in der Uni, nachmittags eine Verabredung zum Klettern, seinem Hobby. "Am Ende hat es wieder nicht geklappt", sagt er. "Ich glaube, das geht vielen so. Ein Mausklick ist halt einfacher."

Postelts Mutter, eine Lehrerin, hat ihm aber von der Mahnwache berichtet. Die 46-Jährige ist ebenfalls Online-Mitglied bei Avaaz - doch sie ging auch zur Mahnwache.



insgesamt 29 Beiträge
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Seite 1
Mars05 16.01.2010
1. Vielleicht..
Vielleicht liegt es nicht nur an der fehlenden Symbolfigur, sondern an den undurchdachten, radikalpazifistischen Forderungen.
systemfeind 16.01.2010
2. supa
Zitat von sysopDas Vorbild ist Obamas Online-Offensive: Das Netzwerk Avaaz.org will die erste wirklich moderne Globalisierungsbewegung sein. Für Klimaschutz, Menschenrechte, eine gerechtere Welt. Doch ohne Symbolfigur und klares Thema bleibt das Engagement unverbindlich und sprunghaft. http://www.spiegel.de/netzwelt/netzpolitik/0,1518,672017,00.html
wirklich trendy . Sicherlich eine tolle Plattform um süße Oberschichtschnecken kennenzulernen oder mal wieder ein exotisches Land zu besuchen .Macht sich im Lebenslauf eines angehenden Soziologen ganz gut , sone Politaktivität . ( ich dachte attac ist für die heile Welt zuständig oder sind die nicht mehr en vogue ? )
kofler, 16.01.2010
3. Ich würde die Weltherrschaft
dem SPIEGEL und dessen Lesern übertragen. Die wissen schliesslich wirklich ALLES besser.
llothar 16.01.2010
4. Ohne Ismus keine Revolution.
Zitat von sysopDas Vorbild ist Obamas Online-Offensive: Das Netzwerk Avaaz.org will die erste wirklich moderne Globalisierungsbewegung sein. Für Klimaschutz, Menschenrechte, eine gerechtere Welt. Doch ohne Symbolfigur und klares Thema bleibt das Engagement unverbindlich und sprunghaft. http://www.spiegel.de/netzwelt/netzpolitik/0,1518,672017,00.html
Ohne -ismus also ohne theoretischen Unterbau wird das nicht. Das ist die Politikversagungspest der letzten 20 Jahre ausserparlamentarische Opposition. Hier wird nichts weiter als hipper Aktionismus gepredigt aber keine Veränderung der Welt egal ob "Hope" oder "Change". Ein bisschen weniger CO2 aber alles weiter so wie bisher ist halt nicht wirklich was kämpferisches. Aber warten wir mal ab wie sich die Soziale Frage entwickelt. Und wie Avaaz regiert wenn aus ihrer Demo raus die Mollis auf die Arbeitsagenturen fliegen.
julia38 16.01.2010
5. impact
Die Aktionen von AVAAZ.org sind sehr erfolgreich. Eine Klimaschutzmahnwache am 12. Dezember in Berlin war gut organisiert, gut besucht und hat viele "Parteiverdrossene" auf die Straße gebracht. Selbst PM Brown hat AVAAZ vor der Klimakonferenz in Kopenhagen ausdrücklich aufgefordert, nicht locker zu lassen. AVAAZ macht es möglich, dass auch mal die Stimme des Volkes gehört wird. Statt nur alle paar Jahre zu wählen, kann der Wähler über Online-Kampagnen direkt und zum richtigen Zeitpunkt Druck auf die Politiker ausüben.
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