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16. Januar 2010, 18:00 Uhr

Politik-Netzwerk Avaaz

Per Mausklick zur besseren Welt

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Das Vorbild ist Obamas Online-Offensive: Das Netzwerk Avaaz.org will die erste wirklich moderne Globalisierungsbewegung sein. Für Klimaschutz, Menschenrechte, eine gerechtere Welt. Doch ohne Symbolfigur und klares Thema bleibt das Engagement unverbindlich und sprunghaft.

Der junge Mann, der Obamas Online-Welt nach Deutschland bringen will, greift in wichtigen Momenten zum Notizbuch. Er zückt keinen Blackberry, keinen Palm, er blättert gemächlich in seinem schwarzen Büchlein. Darin hält Julius van de Laar Punkte fest, die er nachschlagen will, etwa Zahlen zur Demografie seiner Online-Gemeinde. "Ich schreibe mir das mal auf", sagt er gewissenhaft.

Van de Laar, 27, dunkler Anzug, sitzt in einem Berliner Café, er ist Deutschland-Chef von Avaaz.org, einem

Online-Netzwerk

, inspiriert von MoveOn.Org - der amerikanischen Internetbewegung, die

Barack Obama

ins Weiße Haus tragen half. Deren Organisatoren jonglieren meist Blackberrys beidhändig.

Jetzt will Avaaz den Rest der Welt missionieren. Avaaz operiert in 14 Sprachen, von Portugiesisch bis Koreanisch, über drei Millionen Aktive hat es nach eigenen Angaben weltweit, mehr als 200.000 in Deutschland. Sie möchten die erste wirklich moderne Globalisierungsbewegung sein, für

Klimaschutz

, für

Menschenrechte

, für eine gerechtere Erde. Hauptamtliche Mitarbeiter wie van de Laar werden aus Spenden finanziert, bei wichtigen Entscheidungen sind die Vorreiter aus Übersee blitzschnell per Konferenzschaltung erreichbar.

Denen muss ihr deutscher Online-Arm derzeit noch fast so altmodisch vorkommen wie das Notizbuch des Deutschland-Koordinators. Es dauert beinahe eine Woche, bis Reportern deutsche Avaaz-Freiwillige zum Gespräch vermittelt werden können. Der Datenschutz. Und wohl die Personalknappheit. Van de Laar lächelt: "Die Deutschland-Organisation bin derzeit mehr oder weniger ich."

Sein Vorteil aber: Er kennt die so viel schnellere US-Welt gut. Der Hüne war Basketballstipendiat an einer Uni in South Carolina, er träumte wie so viele von einer NBA-Karriere, dann kam ein doppelter Kreuzbandriss - und doch noch die Nähe zum wohl bekanntesten Basketballfan der Welt: Während van de Laars Politikstudium begann das Obama-Fieber in den USA, er ließ sich mitreißen, in Missouri half er 2008 monatelang, als "Youth Vote Director" junge Wähler für Obama zu begeistern. Seine Facebook-Seite ziert ein Foto von dessen Wahlkampfbus, van de Laar steht davor. Ein anderer Schnappschuss zeigt ihn mit dem Präsidentschaftskandidaten im Aufzug vor einem Auftritt, die beiden plaudern munter.

"Wie machen die das, immer Leute da zu haben?"

Jetzt will er seine Begeisterung nach Deutschland tragen. Er kämpft, wie einst auf dem Basketballfeld, er verschickt bis zu 600 E-Mails am Tag: "Ich weigere mich zu glauben, dass Deutsche für diese Art von politischem Engagement nicht zu begeistern sind", beharrt van de Laar.

Im Juli 2009 hat er übernommen, und er kann schon Erfolge vorweisen. Als Bundeskanzlerin Angela Merkel im September per Zug durch Deutschland reiste, erinnerten Avaaz-Aktivisten sie bei jedem Stopp an ihre Klimaversprechen. Beim ersten Stopp fielen die Avaaz-Bewegten, meist in ihren Zwanzigern oder Dreißigern, der Kanzlerin noch kaum auf - obwohl sie strahlend grüne Arbeitshelme auf dem Kopf trugen, als Symbol für eine umweltfreundlichere Energiepolitik. Beim zweiten Stopp schaute Merkel länger, beim vierten fragte die Regierungschefin verblüfft: "Wie machen die das, immer Leute da zu haben?"

Vor der

Weltklimakonferenz

setzte Avaaz - in vielen Sprachen das Wort für "Stimme" - eine Online-Petition an die Staats- und Regierungschefs auf: "Wir fordern jeden Einzelnen von Ihnen auf, die notwendigen Zusagen zu machen, um Ihrer historischen Verantwortung in dieser Krise gerecht zu werden." 15 Millionen Menschen unterschrieben angeblich weltweit per Mausklick, die Namen lasen Avaaz-Aktivisten im Konferenzzentrum in Kopenhagen laut vor. Als es schien, Union und FDP wollten sich vor mehr Geldzusagen für internationalen

Klimaschutz

drücken, bombardierte der deutsche Avaaz-Ableger die Büros der Fraktionsvorsitzenden mit Protestmails.

Ein neues Aufregerthema muss her: Vielleicht Burma? Oder Tibet?

"Das war ein viraler Moment", sagt van de Laar begeistert. Er doziert, wann er am liebsten Massenmails verschickt (vormittags), welche Überschriften es in Betreffzeilen zu meiden gilt, um nicht im SPAM-Filter zu landen. 80.000 neue Mitglieder hätten allein in den letzten zwei Tagen vor Kopenhagen von Deutschland aus bei Avaaz mitgemacht.

Doch als Mitglied gilt schon, wer Petitionen oder E-Mails per Klick unterstützt oder weiterleitet. Leute wie David Postelt. Der 22-jährige Hamburger studiert Sport, was ganz genau in Kopenhagen verhandelt wurde, weiß er nicht. Aber der

Klimawandel

ist ihm wichtig: "Dessen Folgen treffen so viele Unschuldige."

Postelt klickt auf die Avaaz-Petitionen, er hat sogar mal ein paar Euro gespendet, um Aktionen zu unterstützen. Die freiberufliche Grafikdesignerin Katja Ulbert, 33, gibt ihre Arbeitskraft, sie gestaltet Logos für Avaaz. Ulbert war früher mit Autonomen befreundet, die Berlinerin begeistert der Elan der jungen Online-Macher wie van de Laar, aber ein wenig fremd bleibt er ihr auch: "Sie sind so dynamisch, ich könnte mir vorstellen, dass sie auch noch mal was anderes aufbauen."

"Die Bindung an die Organisation ist bei solchen

Netzwerken

oft gering", weiß Malte Spitz aus dem Bundesvorstand von Bündnis 90/Die Grünen. Der Onlineexperte zählt Zehntausende Besucher auf grünen Webseiten. Doch davon sind nur wenige für Aktionen zu begeistern, so Spitz. "Die Hemmschwelle ist hoch. Amerika ist uns bei der Mobilisierung weit voraus." Daher seien die gigantischen Avaaz-Mitgliederzahlen wenig aussagekräftig.

"So etwas geht in Deutschland nicht"

Auch van de Laar hat sich kurz an Wahlkampfhilfe für die SPD versucht. Die wollte ihren Online-Auftritt nach Obama-Vorbild aufmöbeln. Doch rasch schmiss er hin: "Im Willy Brandt-Haus habe ich immer nur gehört: So etwas geht in Deutschland nicht."

Aber geht dauerhaftes Online-Engagement? "Avaaz ist für deutsche Verhältnisse hochprofessionell, doch in erster Linie 'campaigning', daher bleibt die Bindung sprunghaft und lose", sagt Leonard Novy, Fellow bei der Berliner Stiftung Neue Verantwortung und Herausgeber eines Buches über Lehren aus dem US-Wahlkampf. Selbst Obama habe Schwierigkeiten, Unterstützer aus dem Wahlkampf dauerhaft im Netz für Regierungsanliegen zu mobilisieren.

Denn ohne Wahlkampfmagie oder Aufregerthema bleiben die Klicks aus. Auch für Avaaz muss nach

Kopenhagen

ein neues her. Nur welches? Atomkraft oder der deutsche Afghanistan-Einsatz sind zu kontrovers. "Burma oder Tibet interessieren viele", sagt van de Laar.

Genug, um nicht nur die Computermaus zu bewegen - sondern wirklich aktiv zu werden? Klimaschützer Postelt wollte vor der

Kopenhagen-Konferenz

zu einer Avaaz-Mahnwache in Hamburg gehen. Aber dann war am Vormittag eine Protestaktion in der Uni, nachmittags eine Verabredung zum Klettern, seinem Hobby. "Am Ende hat es wieder nicht geklappt", sagt er. "Ich glaube, das geht vielen so. Ein Mausklick ist halt einfacher."

Postelts Mutter, eine Lehrerin, hat ihm aber von der Mahnwache berichtet. Die 46-Jährige ist ebenfalls Online-Mitglied bei Avaaz - doch sie ging auch zur Mahnwache.

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