Verbrechensbekämpfung per Software "Warum ich?"

Verbrechen verhindern, bevor sie geschehen - das verheißt das sogenannte Predictive Policing. Eine Dokumentation zeigt nun, was es für Menschen bedeuten kann, wenn eine Software sie für gefährlich hält.
Szene aus dem Film "Pre-Crime"

Szene aus dem Film "Pre-Crime"

Foto: Pre-Crime

Als "Minority Report" 2002 ins Kino kam, war der Film eine unterhaltsame Dystopie. Der Steven-Spielberg-Film, der auf einer Kurzgeschichte von Philip K. Dick basiert, spielt im Jahr 2054. Über ein System namens "Pre-Crime" versucht sich die Washingtoner Polizei darin, Morde vorherzusagen. Dabei helfen ihr "Precogs", drei Wesen mit hellseherischen Fähigkeiten. Bestes Popcornkino.

15 Jahre später wirkt "Minority Report" gar nicht mehr so realitätsfern. Polizeibehörden versuchen heute vielerorts tatsächlich, vorab herauszufinden, wo demnächst eine Straftat wie ein Einbruch stattfinden könnte. Statt auf die Hilfe von Hellsehern setzen sie auf Softwareprognosen.

"Wir reden nicht über die Zukunft", heißt es daher zu Beginn der Dokumentation "Pre-Crime", die Donnerstag ins Kino kommt . "Die Zukunft ist schon da: die Versicherheitlichung der Gesellschaft."

"Pre-Crime" liefert einen Einblick in die Welt des Predictive Policings (PP), das auch in deutschen Städten getestet wird (siehe Erklärkasten) - wenn auch in einer vergleichsweise harmlosen Form. Es geht um Vorteile und Probleme des Technikeinsatzes, im Kern aber um die eine Frage: Sollte ein Algorithmus entscheiden, wer im Visier der Fahnder landet?

Darum geht es beim Predictive Policing

Monika Hielscher und Matthias Heeder lassen in ihrem Film Fürsprecher wie Mahner zu Wort kommen, Verantwortliche wie Betroffene. Vorgestellt werden dabei Programme mit Namen wie PredPol , Precobs und Beware . Was solche Software tut, variiert stark: Mal erstellt sie digitale Karten mit rot markierten Bereichen, in denen Einbrüche wahrscheinlicher scheinen als anderswo, wie im Film das Beispiel "Precobs" aus München zeigt. Mal geht es aber auch weit darüber hinaus.

Eine Liste, die das Leben schwerer macht

Protagonist Robert McDaniel etwa ist laut dem Film eine von rund 400 Personen, die in Chicago auf der "Strategic Subject List" stehen. Diese Liste hat ein Computer erstellt, McDaniel zählt ihr zufolge sinngemäß zu den gefährlichsten, damit aber auch gefährdetsten Leuten - wohl vor allem wegen seines Bekanntenkreises. Einen Einfluss auf die Liste hat nämlich zum Beispiel, mit wem zusammen man schon festgenommen wurde oder ob kürzlich ein Bekannter ermordet wurde.

Robert McDaniel

Robert McDaniel

Foto: Pre-Crime

Eine Polizeibeamtin und ein Sozialarbeiter seien zu ihm nach Hause gekommen, erzählt McDaniel im Film. "Sie teilten mir mit, dass ich einem Test unterzogen wurde und dass es wahrscheinlich sei, dass ich jemanden erschieße oder selbst erschossen werde."

Die Gewissheit, dass er wegen einer Computerprognose unter Dauerbeobachtung steht, macht McDaniel sein Leben schwerer, als es ohnehin ist. So würde er zum Beispiel immer wieder im Alltag beobachtet, erzählt er. "Würde ich jetzt ein Verbrechen begehen, würden sie sich rühmen. Sie bekämen Auszeichnungen. 'Wir hatten recht'. Darauf hoffen sie."

"Sie müssen Ihre Lebensweise ändern"

Eine Menschenrechtsanwältin aus Chicago sagt zu Fällen wie dem von McDaniel: "Es macht Angst, nicht zu wissen, wie die Liste zustande kommt oder wie man wieder runterkommt."

Szene aus "Watch Dogs": Das Videospiel von 2014, das in Chicago spielt und eine Gesellschaft unter Dauerüberwachung simuliert, hat im Film einen Gastauftritt

Szene aus "Watch Dogs": Das Videospiel von 2014, das in Chicago spielt und eine Gesellschaft unter Dauerüberwachung simuliert, hat im Film einen Gastauftritt

Foto: Ubisoft

Ähnliches wie in Chicago passiert auch in London - am Rand der Gesellschaft, wo es fast nur die Betroffenen selbst wahrnehmen. In Tottenham hat ein Mann namens Smurfz einen Brief von der Polizei bekommen, die Gangs mit einer Datenbank namens Matrix entgegentritt. "Nach unseren Informationen stehen Sie in Verbindung mit einer kriminellen Bande", liest er daraus vor. Weiter heißt es: "Sie müssen Ihre Lebensweise ändern."

"So ein Quatsch", sagt Smurfz dazu. "Niemand kann dir verbieten, mit wem du rumhängst, wo hingehst, was du machst." Aber er sagt auch: "Sie wissen, mit wem wir abhängen, was wir machen." Man könne "dem" nicht entkommen, die Polizei sei die größte Gang der Welt. Später berichtet Smurfz vor der Kamera von einer Auseinandersetzung mit der Polizei, dazu fragt er: "Warum ich?"

Vorsicht, falscher Tweet

Warum es mitunter fatal sein kann, sich zu sehr auf Technik zu verlassen, erklären im Film Bürgerrechtler und Anwälte. So wird etwa im kalifornischen Fresno eine Software namens Beware genutzt, die auf verschiedene Datenbanken und Social-Media-Dienste zugreift . Beamten soll sie helfen abzuschätzen, wie viel Ärger ihnen bei einem Einsatz an einer bestimmten Adresse drohen könnte.

Doch ein System wie Beware läuft offenbar nicht problemlos. Ein Anwalt führt dafür das Beispiel einer Frau an, die auf Twitter das Wort "Rage" (Wut) benutzt haben soll. Sie sei daraufhin von der Software als potenzielles Problem markiert worden, obwohl sich ihre Tweets nur um ein Kartenspiel namens "Rage" gedreht hätten.

In einer perfekten Welt und mit einer perfekten Software wären Polizeibeamte durch das System unter Umständen geschützter, sagt der Anwalt. "Das Problem ist nur, dass nichts perfekt ist."

Fragen am Meer

"Pre-Crime" ist ein düsterer Film, auch ganz praktisch, wegen vieler Nachtaufnahmen. Gebrochen wird der Doku-Teil gelegentlich mit Reflektionen des Regisseurs Heeder, die es in dieser Form nicht gebraucht hätte. Heeder sitzt zeichnend auf Klippen am Meer und wirft dazu Fragen auf, etwa "Wen schützt der Algorithmus - und wen nicht?" und "Was, wenn Freiheit nichts als eine Illusion gewesen wäre?" Antworten darauf muss sich der Zuschauer selbst geben.

Regie-Team Heeder und Hielscher: "Wir halten die Predictive-Crime Systeme, die auf Personen abzielen, für problematisch."

Regie-Team Heeder und Hielscher: "Wir halten die Predictive-Crime Systeme, die auf Personen abzielen, für problematisch."

Foto: Pre-Crime

Zu Aktionismus oder Aktivismus ruft die Dokumentation nicht auf, sie ist keine "Making a Murderer"-Variante, in der versucht wird, jemanden von einer Beobachtungsliste herunterzubekommen.

Manchmal würde man sich vom Film aber doch ein wenig mehr Position wünschen, ein wenig mehr Einordnung: Am Ende liefert er vor allem schlaglichtartige Einblicke in teils grundverschiedene PP-Ansätze aus unterschiedlichen Ländern.

Zumindest eines macht der Film aber vor allem anhand von Smurfz und McDaniel klar: Dass man, egal wohin sich die Technik entwickelt, nicht vergessen sollte, dass Wahrscheinlichkeiten keine Gewissheiten sind. Menschen können sich ändern, wie es übrigens auch "Minority Report" zum Teil der Handlung machte, wenn die Hauptfigur einen Mord, den sie angeblich begehen wird, nicht begeht.

Robert McDaniel sagt zum Schluss des Films, dass seine Geschichte vielleicht niemanden interessiere, "weil es nur um mich geht". Doch er fragt auch: "Aber was, wenn es Ihren Sohn, Ihre Tochter, Ihr Kind betrifft? Oder Sie selbst?"

"Pre-Crime"

Deutschland, 2017

Regie: Monika Hielscher, Matthias Heeder

Drehbuch: Monika Hielscher, Matthias Heeder

Produktion: Stefan Kloos

Redaktion: Sabine Rollberg (WDR/ARTE)

Verleih: Rise And Shine Cinema

Länge: 88 Minuten

Start: 12. Oktober 2017, als Original mit deutschen Untertiteln