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Protest gegen Guttenberg Worte und Torte

Netzaktivisten piesacken mal wieder einen ihrer Lieblingsgegner, Karl-Theodor zu Guttenberg. Der Berater in Sachen Web-Freiheit plauderte bei Kaffee und Bier mit dem Blogger und Piraten-Politiker Stephan Urbach - bis Demonstranten störten und dem Ex-Minister eine Torte ins Gesicht klatschten.

Ein Café im Berliner Stadtteil Friedrichshain, am Donnerstagabend gegen 20 Uhr. Seit bald zweieinhalb Stunden unterhält sich Karl-Theodor zu Guttenberg, der ehemalige Verteidigungsminister und neue Berater der EU-Kommission in Sachen Internet-Freiheit, mit Stephan Urbach, Aktivist der Internet-Truppe Telecomix, Mitglied und Mitarbeiter der Piratenpartei. Erst haben sie Kaffee getrunken, dann sind sie zum Bier übergegangen.

Dann kommt die Torte. Eine Handvoll Leute stürmt das Café, so erzählt es Stephan Urbach später, bewaffnet mit einer Sahnetorte. Einer von ihnen trägt eine Anonymous-Maske, ein anderer filmt. Ohne große Worte landet die Torte im Gesicht von Guttenberg, dann verschwinden die Anhänger der Spaßtruppe "Hedonistische Internationale" auch schon wieder. Keine Personenschützer halten sie auf, Guttenberg ist allein gekommen, in Jeans und Pullover.

"Da muss ich halt durch", sagt der einstige Polit-Star laut Urbach und geht sich das Gesicht waschen.

Seitdem EU-Kommissarin Neelie Kroes Guttenberg im Dezember zu ihrem Berater gemacht hat, müssen beide sich viel Kritik anhören - zumindest aus Deutschland. Dass ausgerechnet einer, der zu seiner Amtszeit als deutscher Minister Gesetze mitgetragen hat, mit denen die digitale Freiheit eingeschränkt wird, zum Freiheitskämpfer für das Netz wird. Ausgerechnet einer, der nicht zuletzt durch die Arbeit vieler Freiwilliger im Internet als Plagiator entlarvt wurde.

"Guttenberg wirkte ernsthaft interessiert"

Das dachten sich auch die Netzaktivisten von Telecomix, einer Gruppe, die den Aufständischen des Arabischen Frühlings mit Internet-Verbindungen beigesprungen ist. In einem offenen Brief kritisierte der 31-jährige Stephan Urbach die Berufung Guttenbergs. Diese sei "nur schwer nachvollziehbar", heißt es in dem Schreiben. Damals fand er harte Worte: "Er hat schon so oft gelogen, der muss das Vertrauen erst einmal wieder herstellen."

Nun, nach dem Gespräch, ist ein Anfang gemacht. "Guttenberg wirkte ernsthaft interessiert an dem, was wir zu sagen haben", so Urbach. In der Szene ist das Treffen der beiden umstritten, zumal bei der "Hedonistischen Internationale", die im März 2011 Demonstrationen für den damals als "Lügenbaron" titulierten Guttenberg kaperte.

Urbach sieht das pragmatisch: "Der ist jetzt nun mal da, das kann man schlecht ignorieren." Er hat dem Abgesandten von Kroes die Sicht der Netzaktivisten erklärt: Man könne sich schlecht für Internet-Freiheit in Afrika einsetzen und gleichzeitig in Europa Sperrstrukturen aufsetzen, etwa im Kampf gegen Raubkopien. "Man kann Netzfreiheit nicht mit zweierlei Maß messen."

Gemeinsam haben sie darüber gesprochen, wie die EU-Kommission mit Hackern und Internet-Bürgerrechtsaktivisten ins Gespräch kommen könnte. Guttenberg will versuchen, beide Gruppen an einen Tisch zu bekommen. "Daraus darf aber nicht bloß ein hübscher Fototermin werden", sagt Urbach. Dass das Treffen zustande kommt, bezweifelt er noch.

Und die Torte? "Bis dahin war es ein angenehmes Gespräch, die hätte wirklich nicht sein müssen."

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