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Anonymous: Cyber-Protest gegen die Regierung Rudd

Protestkultur Anonymer Angriff aus dem Web

Seit Australien Internetsperren einführte, reißen die Proteste gegen die "Zensur" nicht ab. Mitte der Woche attackierten Hacker die Web-Seite des Premierministers Kevin Rudd. Das Bemerkenswerte: Dahinter steht angeblich eine weltweit aktive Gruppierung.

Der Angriff erfolgte am Mittwoch. Völlig unvermittelt stieg die Zahl der Seitenaufrufe der Web-Seite des australischen Premierministers Kevin Rudd in sonst nie dagewesene Höhen. Bis an die Grenzen der Serverkapazitäten ging das, und für einen Augenblick auch darüber hinaus: Für rund eine Stunde brach die Seite zusammen. Dann erschien sie wieder, und in einem IRC-Kanal begann das große Fluchen: Ein "Fail! Fail! Fail!" (Web-Slang für Versagen, Panne) , sei die Aktion, hieß es da - "einverstanden, dass wir abbrechen?"

Was da abgebrochen wurde, war eine koordinierte Denial-of-Service-Attacke von zahlreichen Rechnern - eine DDoS. Dabei wird versucht, durch massenhafte Datei- und Seitenaufrufe einen Web-Server zu überlasten. Es ist eine seit rund zehn Jahren beliebte Methode von Cyber-Vandalen, Kriminellen, aber auch von politisch motivierten Hacktivisten, ihre jeweiligen Botschaften an den Mann zu bringen.

In diesem Fall ist das die folgende: In einem bei YouTube veröffentlichten Video (siehe unten) werden Premier Kevin Rudd zwei ultimative Forderungen gestellt:

  • Die vor einigen Monaten implementierten Internetsperren, die Rudds Regierung mit dem Kampf gegen Kinderpornografie begründet, sollen wieder abgeschaltet werden;
  • Stephen Conroy, der für Telekommunikation und die ITK-Wirtschaft zuständige Minister, soll umgehend entlassen werden.

Ansonsten, so die Drohung des Videos, werde Australiens Regierung die "entfesselte Wut" der Hacktivisten auf sich ziehen - und das sei etwas, was sich Rudd nicht wünschen solle:

Inzwischen, berichtete der "Sydney Morning Herald"  am 11. September, gebe es Hinweise darauf, dass die Gruppe hinter den Attacken auch plane, in Regierungsrechner einzudringen und dort echte Schäden zu verursachen. Hinter den Attacken, berichtet der "Herald" und folgt damit der Behauptung des Videos, stehe eine Gruppe namens Anonymous.

Das wäre in mehrfacher Hinsicht bemerkenswert, denn in solcher Offenheit hat wohl noch keine Netz-Gruppierung eine Regierung herausgefordert. Es wäre allerdings auch deshalb etwas Besonderes, weil Anonymous genau gesehen alles andere als eine Gruppe ist - es ist eine "Un-Gruppe" ohne jede feste Struktur und mit bisher ganz anderen Zielen und Methoden.

Ad-hoc-Netzwerk von Gleichgesinnten

Am ehesten läßt sich Anonymous als Interessengemeinschaft beschreiben. Die Bewegung ist weltweit tätig: Absolut jeder kann Anonymous sein, wenn er sich dieses Label anhängt, bestimmte Dinge tut und sich dabei in bestimmter Weise verhält. Anonymous ist man, wenn man sich dazu erklärt.

Rund um eine übergreifende Selbstdarstellungsseite  und den Anonymous-Artikel der englischen Wikipedia , der als eine Art FAQ und "offizielle" Chronik genutzt wird, gibt es zahlreiche Foren und Web-Seiten, über die Anonymous-Aktionen koordiniert werden: Die Interessengemeinschaft ohne personelle Struktur hat nur eines - eine perfekte Kommunikationsinfrastruktur. Kein Mensch weiß, wie viele Anonymous-Foren, Web-Seiten und Messageboards es wirklich gibt (eine kleine Auswahl finden Sie im Link-Verzeichnis in der linken Spalte). Wer will, macht einfach eins auf, lädt Gleichgesinnte zu Aktionen ein und schafft damit beispielsweise eine temporär auftretende regionale Struktur. Wenn die Ziele und Aktionen dem Anonymous-Geist entsprechen, ist quasi alles "amtlich".

Klares Ziel: Proteste gegen Scientology

Der Kanon des Anonymous-typischen Verhaltens sowie die Ziele aller Aktionen waren bisher ganz klar definiert: Die Anonymous-Community versteht sich als friedlich-humorige Protestbewegung gegen die Church of Scientology. Begonnen hatte das alles im Januar 2008 mit einer DDoS-Attacke gegen Scientology. Sie wurde in den Foren einiger sogenannter Imageboards (vor allem 4chan, wo alle Teilnehmer Anonymous heißen) verabredet und war als Protest gegen den Versuch der Scientologen gemeint, ein ganz besonders wirres Video, in dem der Schauspieler Tom Cruise über Scientology redet, aus dem Web entfernen zu lassen.

Als sich Scientology erfolgreich gegen die Cyber-Attacke wehrte, verabredeten erste Forenteilnehmer andere Protestformen: Maskiert mit den aus dem Comic und Film "V wie Vendetta" bekannten Guy-Fawkes-Masken demonstrieren seitdem weltweit Anonymous-Sympathisanten gegen Scientology. Und natürlich finden sich die Masken auch auf zahlreichen anderen Demonstrationen, auf denen es um Themen wie Zensur geht - zuletzt am Samstag in Berlin auf der "Freiheit statt Angst"-Demonstration (siehe Bildergalerie).

Da scheint es plausibel, dass sich Teile der Bewegung auch wieder mit Hack-Methoden gegen andere Ziele richten könnten. Das Selbstverständnis der australischen Gruppe geht jedenfalls über den bisherigen Fokus der Bewegung hinaus: "Wir ruinieren das Leben von Tiermisshandlern und führen Pädophile der Gerechtigkeit zu. Wir zerstören den Ruf von politischen wie religiösen Führern. Unsere Soldaten bekämpfen zurzeit den Kult der Scientologen und die iranische Regierung."

Kapert da wer den guten Namen?

Das sind ganz schön steile Ziele, vorgebracht mit Vocoder-verzerrter Automatenstimme, sehr viel Pathos und noch mehr Hybris - eine Form der aufgeblasenen Selbstironie, die szenetypisch ist. Die Frage, die sich nun stellt, ist diese: Kapert hier jemand den Namen Anonymous? Oder kündigt sich hier das Entstehen einer Art militanten Armes der keimenden Internetbewegung rund um Bürgerrechte, Kampf gegen Überwachung und Zensur an?

Radikalisiert sich jetzt der Web-Protest?

Für Anonymous, die auch in Deutschland mehrere Demonstrationen im Monat durchführen, wäre beides nicht ohne Risiko - denn Anonymous kann eben jeder sein, der sich so nennt: Die Anti-Scientology-Demonstranten in Düsseldorf, Berlin oder Hamburg sind nicht verantwortlich für die Attacken auf Australiens Regierung. Von denen gibt es angeblich eine ganze Flut, die nun öffentlich Anonymous zugerechnet werden.

Das ist mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit falsch: Abgesehen von der Attacke auf die Rudd-Web-Seite gehen wohl alle Angriffe auf das Konto von Defacern - Cyber-Vandalen, die aus der Übernahme und Veränderung vor allem von Regierungsseiten einen Sport gemacht haben. Das klingt politischer, als es ist.

Ein Blick ins Defacement-Archiv von Zone-H  dokumentiert die Attacken. Die richten sich aber weder spezifisch gegen australische Regierungsseiten, noch gehen sie von Gruppen aus, die es besonders auf Australien abgesehen hätten. Von den 100 (Stand 13.9.2009, 13 Uhr) dokumentierten und erfolgreichen Attacken seit Freitag, dem 10. September, richteten sich 91 Prozent gegen Regierungsseiten in aller Welt.

Web-Vandalismus produziert immer wieder Schlagzeilen über "Cyberwars"

Mit Vorliebe attackiert werden Polizeiseiten sowie Selbstdarstellungsseiten von Regierungen und Ministerien. Immer wieder gelingen auch Hacks gegen australische Regierungs- oder Amtsseiten, meist erwischt es eher kleine. Am Samstag etwa fegte die "linuXploit_crew" die Web-Seite des Gesundheitsamtes von Cobaw im Bundesstaat Victoria aus dem Netz, sie ist noch immer unerreichbar.

Mit der Anonymous-Bewegung, der auch solche Attacken nun zugerechnet werden, hat all das nichts zu tun - aber es birgt Gefahren für die Bewegung, die sich mit dem Rudd-Hack und den angekündigten Netzwerk-Einbrüchen angeblich in ähnliches Fahrwasser begeben hat. Es gibt genügend Chaoten, die das Potential dazu hätten, zum Cyber-Äquivalent des schwarzen Blocks zu werden, der am Rand legitimer Demonstrationen Randale sucht. Was Anonymous bisher davor schützte, von jedem Hack und Crack für jedes Ziel gekapert zu werden, war das klar definierte Ziel der Bewegung.

Wie Anonymous zu alldem steht, ist schwer herauszufinden: Wo eine formelle Struktur fehlt, ist ein Ansprechpartner schwer auszumachen. Wir haben mehrere Gruppierungen angeschrieben. Wir wollten wissen, ob sich die ja aus einer Anti-Zensur-Aktion entstandene Bewegung mit den Aktionen in Australien solidarisiert? Ob man sie als Aktionen von Anonymous sehen kann? Ob sich der Fokus der Bewegung verschiebt, hin zu Protestaktionen, die über das Ziel Scientology hinausgehen? Bisher blieb eine Antwort aus.

Anzeichen dafür gibt es aber.

Zusammen mit der Pirate Bay protestierte Anonymous im Sommer 2009 gegen angebliche Manipulationen bei der iranischen Präsidentschaftswahl. Seit diesem Wochenende listet Wikipedia den Rudd-Hack als "Operation Didgeridie" Anonymous zu - Widerspruch dagegen gibt es bisher nicht. Sollte der dort und in den Anonymous-Foren ausbleiben, wären Tatsachen geschaffen. Egal, wer den Rudd-Hack tatsächlich durchgeführt hat, ob so etwas als Anonymous-Aktion akzeptiert wird, entscheidet sich in einem gruppendynamischen Prozess - durch Zustimmung, Ablehnung, am Ende aber vor allem durch Mitmachen.