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Geodaten gespeichert: Das iPhone weiß alles

Protokollierte Ortsdaten Apple verstört Nutzer mit Big-Brother-iPhone

Das iPhone weiß, wo du letzten Sommer warst: In einer Datenbank speichert das Gerät ständig den Aufenthaltsort. Juristen und Politiker sind entsetzt - sie fordern einen Stopp der Überwachung, neue Gesetze und eine Rückrufaktion.

Hamburg - Das Telefon als Ortungswanze, ganz ohne staatliche Vorratsdatenspeicherung und ohne Zugriff auf die Positionsdaten der Mobilfunkbetreiber: Apples iPhones zeichnen ständig auf, wo sie sich gerade befinden. Bekannt wurde dies erst jetzt, die ersten Reaktionen aus Politik und Wissenschaft fallen verheerend aus. Von einem schweren Sicherheitsproblem ist die Rede, die Opposition fordert die Regierung zum Eingreifen auf.

Seit 2010 erlaubt sich Apple die Schnüffelei. Grundlage sind die eigenen Datenschutzbestimmungen - dass aber tatsächlich ständig die Position des Handys aufgezeichnet wird, wurde erst jetzt klar. Der Aufenthaltsort wird im Telefon protokolliert, die Daten werden standardmäßig unverschlüsselt auf Computer übertragen, wenn man das Handy mit dem Rechner synchronisiert. Seit Juni 2010 ist das Betriebssystem iOS mit dieser Funktion ausgerüstet. Wer ein Apple-Gerät mit der Software nutzt, kann seine Bewegungen detailliert nachvollziehen - oder jeder andere, der Zugriff auf Handy oder Rechner hat.

Eine Anfrage von SPIEGEL ONLINE, welche Positionsdaten das iPhone in welcher Form speichert und übermittelt, wollte Apple schon im Juni 2010 nicht beantworten, eine erneute Bitte um Stellungnahme am Mittwochnachmittag blieb bisher ebenfalls ohne Antwort.

Forderung nach Rückrufaktion

"Nun kommt heraus, dass Apple das tut, was alle immer befürchtet haben", sagt Thomas Hoeren, Richter und Professor für Informations-, Telekommunikations- und Medienrecht in Münster. "Sensible Daten unverschlüsselt auf Geräten zu speichern, entspricht nicht dem Stand der Technik." Wer sich ein modernes Gerät wie ein iPhone kaufe, gehe davon aus, dass der Hersteller Datensicherheit auf aktuellem Niveau anbiete.

"Das tut Apple hier nicht, deshalb können Kunden das iPhone zurückgeben. Das ist ein Mangel, der klar in die Gewährleistung fällt." Das gelte für jeden, der in den vergangenen zwei Jahren ein iPhone gekauft habe, so Hoeren. "Unabhängig davon, ob hier Daten tatsächlich an Apple übertragen oder nur lokal unverschlüsselt gespeichert werden, ist das ein Sicherheitsrisiko."

Wer sich Zugang zu dem Computer verschaffen kann, hat mit einfachen Mitteln Zugriff auf ein genaues Bewegungsprofil des Nutzers. Hoeren fordert das Unternehmen auf, schnell Abhilfe zu schaffen: "Apple müsste eigentlich eine Informationskampagne und gegebenenfalls eine Rückrufaktion starten, wie jeder Autohersteller, der ein Sicherheitsproblem bei seinen Fahrzeugen feststellt."

"Apple und Partner können präzise Standortdaten erheben"

Auch die Politik ist alarmiert: "Das geht so nicht", sagt Konstantin von Notz von den Grünen. Der netzpolitische Sprecher der Partei fordert Apple auf, das Datensammeln einzustellen. Außerdem müsse die Regierung die Verbraucher besser schützen. Dass das Unternehmen sich die Ortserfassung in den Geschäftsbedingungen erlaubt hat, will er nicht gelten lassen. "Schauen Sie sich den Text doch einmal an. Den Leuten ist eben nicht klar, dass die Wege, auf denen sie stehen und gehen, protokolliert werden."

Die entsprechende Passage in Apples Nutzungsbedingungen lautet:

"Um standortbezogene Dienste auf Apple-Produkten anzubieten, können Apple und unsere Partner und Lizenznehmer präzise Standortdaten erheben, nutzen und weitergeben, einschließlich des geografischen Standorts Ihres Apple-Computers oder Geräts in Echtzeit. Diese Standortdaten werden in anonymisierter Weise erhoben, durch die Sie nicht persönlich identifiziert werden."

Notz betont, es sei technisch sehr einfach, "eine Möglichkeit anzubieten, dass man sich da ausklinken kann".

"Ich habe selbst ein iPhone und natürlich Interesse daran, ein Handy zu nutzen, das meinen Aufenthaltsort nicht speichert", sagt von Notz. Einfach kein iPhone zu kaufen, sei aber keine Lösung. "Die Diskussion, man könne ja verzichten, ist nur eine Entlastung des Gesetzgebers."

Bußgelder bis hin zur Gewinnabschöpfung

Zwei Software-Entwickler hatten die Ortsdatenbank auf dem iPhone entdeckt, am Mittwoch präsentierten sie ihren besorgniserregenden Fund auf einer Konferenz in San Francisco. Auf ihrer Website stellen sie eine kostenlose Software zur Verfügung, mit der jeder die Daten auf einer Karte darstellen kann . Aus Sicherheitsgründen stellt die Software die Daten nicht so genau dar, wie es eigentlich möglich wäre - sondern in einem Raster. In den Rohdaten auf Telefon und Computer sind die Daten genauer.

Apple drohen nun Konsequenzen. "Sollte Apple Teile dieser Daten im Rahmen seiner W-Lan-Positionsdatenerfassung übertragen, verstößt dieses Vorgehen gegen deutsches Recht", sagt Thomas Hoeren. "Die Datenschutzaufsicht muss genau prüfen, welche Daten da wie genutzt wurden. Vielleicht ist das nur ein Verstoß gegen Datenschutzrecht, dann drohen Apple Bußgelder." Diese könnten je nach Schwere des Verstoßes theoretisch bis zur Gewinnabschöpfung gehen.

"Sollte Apple auch Verbindungsdaten übertragen haben, also zum Beispiel Details wie die Gerätenummer", so der Jurist, "könnte das auch strafrechtliche Folgen haben."

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