Sascha Lobo

Dolchstoßlegende und Märtyrermythen Der Selbstopferkult der »Querdenker«

Sascha Lobo
Eine Kolumne von Sascha Lobo
Eine Kolumne von Sascha Lobo
Anhänger der »Querdenken«-Bewegung radikalisieren sich, indem sie sich in allen erdenklichen Lagen zum Opfer erklären. Auch der Tod eines »Querdenken«-Demonstranten wird auf diese Weise instrumentalisiert.
»Querdenker«-Kundgebung in Berlin

»Querdenker«-Kundgebung in Berlin

Foto: Jörg Carstensen / dpa

Jede Bewegung braucht eine große und attraktive, aber simple Erzählung, der man sich anschließen kann. Das kann ein ideologischer Kern sein, eine emotionale Weltsicht oder eine historische Verkürzung. Die Funktion dieser Idee muss man sich auch als eine Art Filter oder Brille vorstellen, mit der alles Geschehen betrachtet und bewertet wird. Die Bewegung, zu der »Querdenken« geronnen ist, hat die Essenz ihrer Erzählung inzwischen gefunden: Wir sind die Opfer!

Es geht dabei nicht mehr nur um die klassische Opferpose, die viele radikale Bewegungen als Instrument verwenden. Sondern um einen umfassenden Kult des Opferseins. Mit allen dazugehörenden Kultelementen wie Märtyrern (»Er hat sich für uns geopfert!«), Dolchstoßlegenden (»Wir wurden von denen verraten, die uns beschützen sollten!«), Endzeit-Verschwörungen (»Die Pandemie ist nur der Anfang!«) und Erlösungsfantasien hinsichtlich des Opferdaseins (»Bald stürzen wir das Merkel-Regime und werden endlich frei und glücklich sein!«).

»Querdenken« ist zum Selbstopferkult geworden. Der ständige Tanz um das eigene Opferdasein ist das wichtigste Ritual dieses Kults. Deshalb dürfen dem Kult auch niemals die Möglichkeiten zur Selbstviktimisierung ausgehen, die Teilnehmenden müssen stets die Möglichkeit haben, das starke, verbindende, antreibende Opfergefühl zu entwickeln. Das funktioniert hauptsächlich über drei verschiedene Mechanismen:

  1. Die ständige Suche nach übernehmbaren Opfersituationen: Dieser Ansatz dient der Selbstvergewisserung des Opferdaseins und umfasst die absurde Konstruktion von vermeintlichen historischen Parallelen oder die merkwürdigen Aktionen von »Querdenken« zur Flutkatastrophe.

  2. Die absichtliche Herstellung, Provokation und Dokumentation von Situationen, in denen der Kult tatsächlich Opfer ist oder sich so inszenieren kann: Dieser Mechanismus lässt sich auf den Demonstrationen gut beobachten, wo unter dem Deckmantel der Berichterstattung massenaktivierende Bilder hergestellt werden sollen. »Querdenken« als Opfer der Medien, der Politik, der Polizei.

  3. Die Umdeutung sämtlichen Geschehens als Angriff auf den Kult, seine Ziele und Werte

Diese ideologische Selbstmanipulation ermöglicht, im Alltag weiter Opfermythen aller Art zu verbreiten, indem zum Beispiel jede auch nur entfernt mit der Pandemie zu tun habende Aktivität der Bundesregierung auf den Kult bezogen wird.

Beispiele zu diesen Mechanismen finden sich bei »Querdenken« von Anfang an, haben sich aber in den letzten Monaten verstärkt. Nach der verbotenen Demonstration in Berlin am 1. August haben sie sich noch einmal intensiviert. Führende Figuren der Bewegung bezeichnen sich als »Zeitzeugen«, um eine wenig subtile Parallele zur Nazizeit herzustellen. Als sei etwa die Impfkampagne vergleichbar mit dem industriellen Massenmord der Nazis.

Ein bekannter Aufkleber der Ökobewegung der Siebziger und Achtziger – die angebliche »Weissagung der Cree«  – wird umformuliert, damit er intensiver nach Opfer im Sinne des »Querdenken«-Kults klingt: »Erst wenn die letzte Demo verboten, das letzte Video gelöscht, das letzte Bankkonto gekündigt, die letzte Wohnung durchsucht, der letzte Kritiker mundtot gemacht wurde… Erst dann werdet ihr merken, dass es doch kein freies Land mehr war.« In sozialen Medien werden Veranstaltungen beworben, in denen zum »Gedenken der Opfer von Staatsgewalt am 1.8.21 in Berlin!« aufgerufen wird. Eine angeblich bevorstehende Impfpflicht wird als ständig drohende Damokles-Spritze inszeniert, im gleichen Atemzug werden die Impfstoffe als Gift bezeichnet, woran Zehntausende Menschen gestorben seien.

Die bizarre Idee der »künstlichen Flut«

Auch die merkwürdige Haltung der »Querdenken«-Bewegung zur Flutkatastrophe  deutet auf den Selbstopferkult hin. Die bizarre Umdeutung der Flut zu einer von der Bundesregierung absichtlich herbeigeführten Katastrophe ermöglicht »Querdenken«, sich selbst auch als Opfer zu sehen. Bei einer schlichten Naturkatastrophe wäre das unmöglich, aber mit einer »künstlichen Flut« heißt es plötzlich: Wir sind schließlich alle betrogen und belogen worden, nicht nur die unmittelbar von der Flut Betroffenen.

Über eine halbe Million Euro konnte eine der wichtigsten Referenzpersonen von »Querdenken« auch mithilfe dieser Opfererzählung an Spendengeldern einsammeln. Ohnehin ist das »Geldopfer« des Publikums längst ein wichtiger Faktor geworden. Von dem zufällig – sei es direkt oder indirekt – auch die Hohepriester von »Querdenken« selbst profitieren.

In den Ruin durch »Querdenken«

Eine führende Figur der Szene, bekanntes Mitglied der »Querdenken«-nahen Partei »Die Basis«, musste nach der Demonstration in einem Moment der Klarheit  erkennen, dass sie durch ihre eigenen Aktivitäten ihr bis dahin geordnetes Leben ruiniert hat. Sie kann ihre Miete nach eigenen Angaben nicht mehr bezahlen, inszeniert sich als Opfer, das wegen seiner Haltung diskriminiert werde und ruft zu Spenden auf. Paypal-Links sind das Amen in den Stoßgebeten der Szene, das Publikum soll sich mit einer monetären Opfergabe am Vorzeigeopfer der Führungsfiguren beteiligen.

Das querdenkige Opfergefühl dreht unterdessen völlig frei. Auf verschiedenen, teilweise über hunderttausend Abonnenten starken Telegram-Kanälen, wo sich »Querdenken« informiert, vernetzt und organisiert, wurde ernsthaft gepostet:

»Querdenker Live Matters«.

Natürlich ist das eine Anspielung nicht nur auf »Black Lives Matter«, sondern auch auf den mutmaßlichen Herztod des »Querdenkers« auf der Demonstration, daher die sperrige, orthografisch herausgeforderte Umformulierung als Singular. Während »Querdenker« suggerierten, dass der 48-Jährige durch Polizeigewalt gestorben sei, zeigt die vorläufige Obduktion ein anderes Bild: Demnach starb der Mann an einem Herzinfarkt, Spuren schwerer Gewalteinwirkung konnten nicht festgestellt werden.

Die absurde Gleichsetzung des Todesfalls in Berlin mit dem Tod, der die großen »Black Lives Matter«-Proteste im vergangenen Jahr auslöste, zeigt erneut, wie ernst es »Querdenken« mit seiner psychologischen Strategie der Selbstviktimisierung meint: Endlich Opfer! Bereits die antisemitische Holocaust-Verharmlosung in Form eines Davidsterns  mit der Aufschrift »ungeimpft« gehörte fast von Anfang an zu den Insignien vieler Teilnehmer der Bewegung.

Es ist eine sehr deutsche Strategie. Und es handelt sich um das Fundament einer weiteren Radikalisierung der Bewegung in Richtung einer rechtsesoterischen Verschwörungs- und Weltuntergangssekte.

Eine deutsche Opfersehnsucht

Meine Mutmaßung ist, dass die – historisch notwendige – Allgegenwart der Täter-Opfer-Positionierung in Deutschland insbesondere bei den Nachfahren der Täter eine Art von Opfersehnsucht ausgelöst haben könnte. Endlich einmal nicht zu denen zu zählen, die eine historische Verantwortung mit sich herumtragen müssen, sondern denen Unrecht angetan wurde.

Das würde auch die große Attraktivität des »Querdenken«-Kults für Antisemiten, QAnon-Jünger, Rechte und Rechtsextreme erklären, denn die offensive Betonung des eigenen Opferdaseins relativiert leicht die eigene Verantwortung und den Opferstatus anderer. Das Gefährliche: Die Opferpose erlaubt nicht nur eine einfache Täter-Opfer-Umkehr – sie dient auch der Legitimation von Gewalt. Denn die gesellschaftlich meistakzeptierte Form der Gewalt ist die (vermeintliche) Selbstverteidigung eines Opfers.

Wie die Distanzierung von rechts wertlos wird

Ein bekannter Rechtsextremist aus Halle an der Saale hat »Querdenken« nach der Berliner Demonstration nahegelegt, in dem Toten einen »Märtyrer« zu sehen  und für ihn weiter auf die Straße zu gehen, damit sein Tod nicht sinnlos sei. Längst hat »Querdenken« seine anfangs manchmal hervorgehobene Distanz zu Rechtsextremen und Nazis aufgegeben.

In einem Manifest , das auf verschiedenen »Querdenken«-Seiten veröffentlicht wurde, heißt es: »Wir sind überparteilich und schließen keine Meinung aus – nach Wiederherstellung des Grundgesetzes sind dafür wieder alle demokratischen Mittel vorhanden.« Auf der wichtigsten Website von »Querdenken« steht eine Variante des Manifests  mit dem Satz: »Wir reden mit allen, die friedlich und gewaltfrei agieren, egal wie sie von Dritten bezeichnet werden.«

Das bedeutet übersetzt: Nazis sind willkommen, solange sie unserer Sache dienen, denn nach der großen, erlösenden Revolution werden wir sie schon noch mit demokratischen Mitteln in den Griff bekommen. Falls es sich überhaupt um Nazis handelt, was bedeutet schon das Gerede der Merkelfaschisten, nicht wahr? Mit einer solchen Grundhaltung – alle Meinungen sind gleichwertig – hilft dann auch keine noch so prominente Distanzierung von »menschenverachtendem Gedankengut« oder »Antisemitismus« im selben Text. Der aggressive Pseudo-Opfer-Stolz ist der »Querdenken«-Turbo in den gewalttätigen Extremismus.