re:publica 2016 "Das ist nicht das Netz, das wir wollen"

Die re:publica, Europas wichtigste Internetkonferenz, ist zum Mainstream-Event geworden. Doch zwei Redner haben keine Lust auf Heile-Welt-Spiele: Sie verbreiten düstere Visionen vom Netz der Zukunft.
re:publica 2016: Edward Snowden im Livestream

re:publica 2016: Edward Snowden im Livestream

Foto: Sophia Kembowski/ dpa

Als Eben Moglen zum letzten Mal hier auf der Bühne stand, im Jahr 2012 , trat er ähnlich apokalyptisch auf und hatte die gleiche Botschaft. Seitdem aber hat sich etwas verändert: Edward Snowden hat der Welt vorgeführt, dass Moglen recht hatte. Auf diesen Umstand nimmt der Juraprofessor und Aktivist für freie Software in seiner Eröffnungsrede bei der re:publica 2016 direkt Bezug. Genugtuung ist dabei aber keine zu erkennen.

"Das Netz, das wir machen, ist nicht das Netz, das wir wollen", sagt Moglen. "Es ist ein Netz der Überwachung, des Data-Minings und des Despotismus." Der korpulente Mann mit dem weißen Bart wirkt mit seiner rhetorischen Wucht wie ein Prophet - doch mittlerweile klingt er über weite Strecken, als würde er den Untergang prophezeien.

"Das Netz, das wir bauen, beobachtet uns mehr, als wir es beobachten", sagt er - und dass es im Jahr 2025 schon zu spät sein werde, um noch irgendetwas zu verändern. Das Netz ganz anders zu bauen, habe man schon versäumt: "Jetzt können wir nur noch versuchen, gegen das Netz zu kämpfen, das wir nicht wollen."

Wer für dieses Netz verantwortlich ist, daran lassen Moglen und seine Co-Rednerin Mishi Choudhary keinen Zweifel. Die Juristin gehörte zu den Bürgerrechtlern, die in Indien - erfolgreich - gegen etwas kämpfen, was auf den ersten Blick doch wie ein Segen aussieht: Facebooks Initiative Free Basics, die Menschen in Indien kostenlose Internetzugänge zur Verfügung stellen wollte.

"Keine Aufrichtigkeit erwarten"

Zugang bekommen sollten die Nutzer allerdings nur zu bestimmten Inhalten, Wikipedia gehört dazu, natürlich auch Facebook. Der Konzern wollte sicherstellen, dass auch die Ärmsten der Armen im Zweifel im eigenen Netzwerk unterwegs sein können. In Indien betrachtete man das als Verstoß gegen die Netzneutralität und verbot das Projekt.

"Es wird viel über Altruismus geredet", sagt Choudhary in Berlin, "aber es gibt da ein Ehrlichkeitsproblem." Man könne von Internetkonzernen "keine Aufrichtigkeit erwarten". Stellen Internetzugänge wirklich sicher, dass Fischer mehr Geld verdienen oder sich die Gesundheitsvorsorge verbessert? Das sei noch zu beweisen und keineswegs garantiert. "Was aber garantiert würde, ist Werbung auf Smartphones."

Facebook und das Internet als Ganzes seien heute ein "Überwachungsorganismus", da waren sich die beiden einig. "Wollen wir wirklich noch 3,5 Milliarden weitere Menschen an diesen Überwachungsorganismus anschließen?", fragt Choudhary.

Aber kann man den Internetriesen überhaupt übelnehmen, dass sie Geld verdienen? Schon der Gedanke führe in die falsche Richtung, sagt Moglen: "Wir bauen die perfekte Tyrannei, und wir glauben, dass wir nur die Effizienz von Werbung steigern."

"Totalitäre Systeme ganz billig einrichten"

"Was Snowden uns gesagt hat, war das, was wir alle befürchtet hatten", so Moglen weiter. Edward Snowden selbst war am Montag auch zu Gast in Berlin, bei der im Rahmen der re:publica stattfindenden Media Convention, aber wie gewohnt nur virtuell: Ein paar Stunden nach der Eröffnung wurde er in einem anderen Saal per Livestream zugeschaltet.

Moglen selbst wiederholte einen Gedanken, den er schon 2012, in der Prä-Snowden-Ära, vorgetragen hatte: Die Macht der Netzwerke gebe Staaten die Möglichkeit, "totalitäre Systeme ganz billig einzurichten". Totalitarismus im 20. Jahrhundert sei eine teure Angelegenheit gewesen: Man habe viele Menschen gebraucht, Stichwort Stasi, viele Menschen einschüchtern und Druck ausüben müssen. "Heute braucht man nicht mehr so viele Leute, weil die Plattformen einem die Arbeit abnehmen. Und man braucht nicht mehr so viel Angst, weil Neid so viel besser funktioniert. Jeder bespitzelt jeden."

Sponsoren: IBM und Microsoft

Die Antworten auf die Frage "Was tun?" fielen nach all der Düsternis eher knapp und ein wenig verhalten aus: Verschlüsselung für alle, und ein neues Netz, das sich die Menschen selbst bauen - mit "Freedom Boxes", die den Internetverkehr jedes Einzelnen so mit dem aller anderen Nutzer verrühren, dass die Überwacher nichts mehr herausfiltern können.

Es klang nicht so, als seien die beiden optimistisch, dass dabei viele Menschen mitmachen werden. Denn ob vor oder nach Snowden: Die Bereitschaft der Menschen, aufgrund einer noch abstrakten Bedrohung der Freiheit auf Komfort zu verzichten, scheint doch ziemlich gering.

Draußen, auf dem Außengelände der re:publica, ist vom revolutionären Furor der Eröffnungsredner denn auch wenig zu spüren. Dort präsentieren sich große Unternehmen, es wird für Start-ups geworben und über Geschäfte geredet. Das real existierende Überwachungsnetz führt nicht dazu, dass man hier ganz ablassen will von der Digitalisierung als Kraft des Positiven.

Bei der Eröffnung der re:publica wurde Wachstum verkündet: Kommendes Jahr soll es auch noch eine Konferenz in Dublin geben. Zu den Hauptsponsoren dieses Jahr gehören übrigens zwei Unternehmen, die für die Free-Software-Aktivisten Moglen und Choudhary wohl eher zu den Architekten des "Netzes, das wir nicht wollen" gehören: IBM und Microsoft.

Alle Panels und Vorträge auf der Hauptbühne der re:publica können Sie sich auch hier bei SPIEGEL ONLINE ansehen:

Im Livestream.

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