Digitale Gewalt gegen Frauen Liebe Leserin, lieber Leser,

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erst wurde sie belästigt, dann verklagt: Die ehemalige österreichische Grünenpolitikerin Sigi Maurer erhielt 2018 obszöne Facebook-Nachrichten. Als sie sich wehrte, indem sie die Posts sowie den mutmaßlichen Absender auf Twitter veröffentlichte, wurde sie wegen übler Nachrede von ihm verklagt. Ein Gericht verurteilte Maurer zur Zahlung von mehreren Tausend Euro - im März wurde das Urteil aber wieder aufgehoben.

Auf der Digitalkonferenz re:publica, die vom heutigen Montag an in Berlin tagt, wird Maurer in ihrem Talk "It's the patriarchy, stupid" von ihren Erfahrungen berichten - und warum es kein Happy End gibt, obwohl sie den Rechtsstreit (vorerst) gewonnen hat, auch mit Hilfe eines Crowdfundings.

Frau mit Smartphone (Symbolbild)
Getty Images

Frau mit Smartphone (Symbolbild)

Frauen, erst recht, wenn sie in der Öffentlichkeit stehen wie Politikerinnen, Gamerinnen und Autorinnen, sind immer wieder Hasskommentaren, Shitstorms und Drohungen ausgesetzt. Die digitalen Faustschläge können ganz unterschiedlich ausfallen: Manchmal enden Meinungsverschiedenheiten in öffentlich geäußerten sexuellen Gewaltfantasien, in anderen Fällen werden private Informationen oder Bilder veröffentlicht.

Auch im Verborgenen können digitale Übergriffe als Form häuslicher Gewalt stattfinden, etwa wenn Ex-Partner Psychoterror über Privatnachrichten ausüben. Der Aufschrei ist groß, wenn Männer ihre Frauen in Saudi-Arabien mit einer staatlich zertifizierten Überwachungsapp tracken. Doch auch hierzulande werden Frauen von ihren Partnern, Ex-Partnern oder Unbekannten etwa mit Spysoftware ausgespäht.

"Die digitale Welt erweitert die Angriffsfläche für Belästigungen und Nachstellungen - der Stalker steht jetzt nicht mehr nur morgens und abends vor der Haustür, sondern er hat das Opfer 24/7 im Visier", sagt Riccarda Theis von der Opferhilfeorganisation Weißer Ring. Und auch in Deutschland kann häusliche Gewalt tödlich enden: An jedem dritten Tag wird durchschnittlich eine Frau von ihrem Partner umgebracht.

Anne Roth, Referentin für Netzpolitik der Linksfraktion, hat sich ausführlich mit dem Thema befasst und schon im Dezember beim Congress des Chaos Computer Clubs mit einem Vortrag auf digitale Gewalt aufmerksam gemacht. "Leider gibt es noch wenige Studien dazu, weil das Thema hierzulande einfach kein Thema ist", sagt sie. "Bei internationalen Menschenrechtsorganisationen, die sich mit IT befassen, steht dieses Thema ganz selbstverständlich auf der Agenda. Da begegnet einem das sofort."

Mit dem Schwerpunktthema "Digitale Gewalt gegen Frauen" wollen wir im Netzwelt-Ressort von SPIEGEL ONLINE in den kommenden Wochen ein Schlaglicht auf verschiedene Formen digitaler Gewalt gegen Frauen werfen - und aufzeigen, was sich dringend ändern muss.

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App der Woche: "Mighty - Self Defense Fitness"
getestet von Tobias Kirchner

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"Mighty - Self Defense Fitness" ist eine Sport-App, die beim Training von Selbstverteidigungsübungen hilft. Sie richtet sich vor allem an Frauen, die sich sicherer fühlen wollen. Es gibt aber auch andere Sport- und Fitnessaufgaben. Die Übungen werden sehr anschaulich in einem Video vorgemacht. So fällt es deutlich leichter, sie nachzumachen, als wenn es nur einen Text oder Fotos gibt, die die Bewegungen beschreiben.

Parallel zu den Übungen läuft ein Timer, der dafür sorgt, dass man die Trainingszeit und Wiederholungen gut einschätzen kann. Einsteigerübungen können kostenlos ausprobiert werden. Wer die mehr als 200 Übungen - von einfachen Grundlagen bis hin zu komplexen Work-Outs - von Mighty nachmachen möchte, muss sich für ein Abo-Modell entscheiden.

Kostenlose Probeversion, Abos ab 5 Euro im Monat möglich: iOS.


Fremdlink: Drei Tipps für die re:publica

  • "Too long; did not realize? - Der Umgang mit Cyber Stalking" (30 Minuten): Riccarda Theis von der Opferhilfeorgansation Weißer Ring erklärt am Montag auf der re:publica, warum es oft lange dauert, bis Betroffene gegen Cyberstalking aktiv werden - und was helfen kann.
  • "Dick Pics & Death Threats: Handling Web Harassment" (Englisch, 30 Minuten): Öffentlichkeit macht verletzlich. In ihrem Workshop will die Journalistin Courtney Tenz am Dienstag mit den Teilnehmern diskutieren, wie man sich gegen Attacken behauptet und auch trotz Angriffen weiterhin im Internet präsent sein kann.
  • "The new abnormal: Hate, Fakes, Mobbing. Wie machen wir das Netz zu einem besseren Ort?" (60 Minuten): Fakes, Hetze und Mobbing gehen viral - nicht nur gegen Frauen. Alexandra Borchardt, Teresa Bücker, Markus Heidmeier, Marco Holtz und Nadine Kreutzer analysieren am Mittwoch, wie digitaler Hass zum Alltag wurde - und was das Netzwerkdurchsetzungsgesetz (NetzDG) bisher gebracht hat.

Ich wünsche Ihnen eine spannende re:publica-Woche!

Sonja Peteranderl

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insgesamt 4 Beiträge
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Alfred +1 07.05.2019
1. Wie weit verbreitet ist denn die benannte Gewalt?
Und das möchte ich nachweislich wissen. Ansonsten bleibt nur ein weiterer Hype für ein neues Thema übrig. Ich bestreite nicht, dass es dieses Problem gibt. Aber ich befürchte, dass einmal mehr für ein kleines Fass ein großer Boden geöffnet wird. So langsam bedaure ich, keiner irgendwie benachteiligten Minderheit anzugehören. Ich bin einfach nur da und lebe mit allem, was um mich herum passiert, na so was...
Mehrleser 07.05.2019
2.
Oh je, "digitale Faustschläge", ein neues Frauenthema entdeckt, hurra! Schon im Usenet waren "digitale Eskalationen" an der Tagesordnung, mindestens genauso gegen Männer wie gegen Frauen. Daraus ein Geschlechtsthema zu machen, geht an der Realität vorbei. Vermutlich sind wieder die alten weißen Männer schuld, die haben ja schließlich das Internet gemacht.
radioactiveman80 07.05.2019
3. Wieso nur Frauen?
Männer werden genauso Opfer von Cybermobbing. Und Frauen geben ebenfalls Hasskommentare, vor allem ggü anderen Frauen ab. Man muss nicht jedes Thema in punkto Gendering kapern.
libily 08.05.2019
4. Immer auf der Suche?
Was ist das für ein Lebensgefühl, wenn man permanent auf der Suche nach neuen geschlechtsspezifischen Benachteiligungen ist? Ich wüsste gerne mal gesichert, wie viel Gewalt im Internet und auch im häuslichen Bereich von Frauen ausgeht. Das gerade im Netz digitale Gewalt und Mobbing nur immer von Männern ausgeht, glaub ich einfach nicht. Frauen langen da auch ganz schön hin. Das Thema muss für mich einfach nur heissen: Digitale Gewalt.
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