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Internetkonferenz re:publica Es wird Zeit, sich zu fürchten

Das Klassentreffen des deutschen Netzvolks, die re:publica in Berlin, ist größer, voller und vor allem wichtiger als je zuvor. Plötzlich sind die Themen der Konferenz jedermanns Sache: Urheberrecht, Internetfreiheit, Bürgerbeteiligung. Eröffnet aber wurde die Tagung mit einer apokalyptischen Warnung.

Die Stühle sind eine gute Idee, aber sie ist noch nicht so richtig angekommen. Die Stühle sind bunt und aus Plastik, Stapelware wie man sie aus dem Baumarkt kennt, nur ein bisschen hübscher gestaltet. Sie stehen im Foyer der Station Berlin, dem neuen Veranstaltungsort der re:publica, Europas mittlerweile wohl wichtigster Internetkonferenz. Die Stühle stehen da, damit niemand auf dem Boden sitzen muss - wer zu einem Vortrag, einer Diskussion auf einer der acht Bühnen kommt und keinen Platz mehr findet, kann sich selbst einen mitbringen.

Am Mittwochnachmittag aber stehen noch immer viele Stühle gestapelt im Foyer herum, in den Vortragssälen sitzen doch wieder Besucher auf dem Boden. So ist das mit der Freiheit: Nicht immer wird sie sinnvoll genutzt. Und, das ist das heimliche Oberthema dieser Konferenz: manchmal leichtfertig verspielt.

Plötzlich diskutiert über diese Fragen die ganze Welt

Mindestens 4000 Besucher sind diesmal angemeldet für die re:publica, von denen etwa tausend auch irgendwie beteiligt sind an der Veranstaltung. Als Moderator, Vortragender, Organisationshelfer. Noch immer ist das hier ein Community-Event, ein Familientreffen. Doch auf einmal interessieren die Gesprächsthemen der Familie alle Welt. Hier wurde schon immer über die ganz großen Fragen diskutiert, die das Internet, die digitale Revolution aufwirft, man hat der re:publica deshalb in der Vergangenheit öfter mal Selbstbezüglichkeit vorgeworfen. Plötzlich aber diskutiert über diese Fragen die ganze Welt.

Es ist wie bei einer Indie-Band, die es in den Mainstream schafft: Natürlich sollte man sich hier darüber freuen, dass Themen wie der Urheberrechtspakt Acta, digitale Demokratie, Netz-Überwachung und vernetzte Bürgerrechtsbewegungen plötzlich mainstreamtauglich sind, nicht nur dank der Erfolge der Piratenpartei. Andererseits ist es, für die Alteingesessenen zumindest, doch ein bisschen komisch, dass die eigene Lieblingsband plötzlich in den Charts ist.

Man merkt diesen Zwiespalt schon bei der Eröffnung. Da spricht nach dem Konferenz-Mitorganisator und Netz-Aktivisten Markus Beckedahl ein Wirtschaftsstaatssekretär aus der Berliner Senatsverwaltung. Sagt Worte wie "Standortpolitik" und "Cluster" und wird dafür, das ist deutlich zu spüren und bei Twitter selbstverständlich auch nachzulesen, nur deshalb nicht ausgebuht, weil das den Veranstaltern gegenüber, die man ja schätzt, unhöflich wäre. Als der Staatsekretär Christoph von Knobelsdorff dann auch noch von Berlin als Start-up-Hochburg schwärmt, ruft hinten im Saal jemand "Bingo" und erntet einen Lacher. Bullshitbingo spielen heißt: Eine Liste mit themenspezifischen Klischeewörtern machen und die dann abhaken. Jeder im Saal weiß das, der Staatssekretär augenscheinlich nicht.

Hier prallen Welten aufeinander

Als danach Elmar Giglinger vom Medienbord Berlin-Brandenburg, ein Mann mit einer klassischen, vor-digitalen Medienbiografie (Radio, Viva, MTV, Musikbranche) ein weiteres Grußwort spricht und den Anwesenden im Ton eines weisen Großvaters mal kurz in Sachen Urheberrecht ins Gewissen redet, wird es schon langsam unruhig. Noch immer prallen hier Welten aufeinander. Auf den Fluren kann man das sogar sehen: Da stehen Seitenscheitel neben grünen Haarschöpfen, Sakkos neben Hipster-T-Shirts. Geldverdiener neben Weltverbesserern.

Was die re:publica vielleicht am besten kann ist: Aufzeigen, wie die großen Themen dieser Tage eigentlich zusammengehören. Giglingers Warnung vor einer Aufweichung des Urheberrechts, die Analyse des Journalisten Glyn Moody der rechtsstaatlich fragwürdigen Textpassagen des Acta-Abkommens, die Hoffnungen der Piraten auf mehr Bürger-Partizipation mit digitalen Mitteln und die apokalyptisch anmutenden Warnungen des eigentlichen Eröffnungsredners, des Juraprofessors und Free-Software-Aktivisten Eben Moglen.

Wird anonym zu lesen bald unmöglich sein?

Letzterer buchstabierte wortgewaltig und mit dem strengen Blick des Untergangspropheten das totalitäre Potential der digitalen Zukunft aus. Bald werde "jedes menschliche Gehirn von Anfang an in Verbindung mit dem Netzwerk geformt", sagte Moglen, "die Medien konsumieren jetzt uns". Ungebremste Netz-Euphorie klingt anders. Eine zentrale Frage für die kommenden Dekaden sei etwa, ob es weiterhin möglich sein werde "anonym zu lesen".

Im 21. Jahrhundert seien Apparate wie der des KGB oder die Stasi gar nicht mehr nötig, um die Menschen zu überwachen, das täten die Menschen mit Hilfe von Google, Facebook und Co. schon selbst: "Es gibt da einen Suchschlitz und wir geben da unsere Träume ein, und die essen sie auf. Dann sagen sie uns, wer wir sind." Wenn die Stasi jetzt zurückkäme, so Moglen, "dann käme sie billig weg, weil (Facebook-Gründer Mark) Zuckerberg ihr die ganze Arbeit abnimmt".

Die Menschen dürften sich nicht in die Hände von Konzernen begeben, die "uns überwachte Bücher, überwachte Musik, überwachte Filme verkaufen". Das Potential der digitalen Technologie, nahezu jeden Aspekt des persönlichen Lebens zu erfassen, sei im Zeitalter der totalen Vernetzung unbegrenzt: "Das Ziel ist, die menschliche Bevölkerung lesbar zu machen."

"Freie Medien brauchen freie Technologie"

Der einzige Ausweg aus dem Dilemma bestehe im freien Zugang zu freier, quelloffener Software und in freien, neutralen Netzen, die nicht der inhaltlichen Kontrolle durch Regierungen und Konzerne unterlägen, mahnte Moglen: "Freies Denken braucht freie Medien. Freie Medien brauchen freie Technologie." Dafür, die Entwicklung in die richtigen Bahnen zu lenken, um das totalitäre Potential der digitalen Welt einzudämmen, werde es schon bald zu spät sein: "Die Generation, die außerhalb des Netzes aufgewachsen ist, ist die letzte, die es ohne Gewaltanwendung wird richten können." Sie sei die einzige Generation die "die Veränderung begreifen kann, weil wir auf beiden Seiten gelebt haben". Es wird, so könnte man den Vortrag zusammenfassen, Zeit, Angst zu haben vor dem Netz.

Teilweise schlug Moglen wüst über die Stränge, doch sein flammender Appell für eine fundamentale Opposition gegen die Umwandlung des Internets in ein Herrschaftsinstrument schien dann doch ein höchst passender Einstieg in eine Konferenz, bei der es dann einmal mehr überwiegend um digitale Befreiung, Mitwirkung, um Aufbruch und Veränderung zum Guten gehen wird.

Neu ist vor allem eins: Dass das Internet, die Netzkultur, die Frage nach der Freiheit und nach der Verantwortung 2012 plötzlich in den Charts sind. Es wird höchste Zeit.

SPIEGEL ONLINE ist Partner der re:publica. Die Veranstaltungen der Hauptbühne können Sie bei uns auch im Livestream verfolgen.

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