Netzkonferenz re:publica Steinmeier fordert sachlichere Debatte im Internet

Ein Nischentreffen für Blogger ist diese Veranstaltung lange nicht mehr: Die Digitalkonferenz re:publica wurde in Berlin erstmals vom Bundespräsidenten eröffnet. Und es wird noch mehr Prominenz erwartet.

Markus Beckedahl (links), Mitgründer der re:publica, und die Forscherin Nanjira Sambuli begrüßen Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier
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Markus Beckedahl (links), Mitgründer der re:publica, und die Forscherin Nanjira Sambuli begrüßen Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier


Frank-Walter Steinmeier wünscht sich eine zivilisiertere Debattenkultur im Internet. "Demokratie kann in Zukunft nur gelingen, wenn sie auch digital gelingt", sagte der Bundespräsident am Montagvormittag - passenderweise auf einer Digitalkonferenz. Steinmeier eröffnete mit einer Rede die diesjährige re:publica in der Station in Berlin.

Vor Bloggern, Netzaktivisten, Journalisten und Social-Media-Experten sagte Steinmeier, man müsse sich gemeinsam um die politische Diskussionskultur im Netz kümmern. Er frage sich, warum gerade politische Debatten im Netz so oft dazu neigten, toxisch zu werden, so Steinmeier: "Warum findet der Appell an unsere niedrigsten, nicht an unsere besten Instinkte so viel Gehör?" Es sei wichtig, "Vernunft und Zivilität" zu stützen.

Die großen sozialen Netzwerke und Internetkonzerne forderte der Bundespräsident auf, ihren Teil zur Sicherung der Debattenqualität im Internet beizutragen. "Wer mit einer Plattform einen politischen Diskursraum schafft, der trägt Verantwortung für die Demokratie - ob er es will oder nicht", so Steinmeier.

Netzkonferenz re:publica in der Berliner Station
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Netzkonferenz re:publica in der Berliner Station

"Dieses Motto ist ein Weckruf"

Die dreitägige Konferenz hat diesmal das Motto "tl;dr" - das steht im Internet-Slang für "too long; didn't read" (übersetzt: zu lang, habe ich nicht gelesen). Damit sei die re:publica 2019 dem Kleingedruckten gewidmet, erklärten die Veranstalter. "Den Fußnoten. Der Kraft der Recherche, dem Wissen und der Kontroverse. Der Notwendigkeit und Dringlichkeit, die Themen kritisch zu hinterfragen, die polarisieren, uns spalten - oder auch vereinen."

Steinmeier interpretierte das Motto in seiner Eröffnungsrede unter anderem als "Lob des langen Arguments". Er sagte: "Dieses Motto ist ein Weckruf an die politische Debattenkultur - eben nicht nur im Netz, sondern ganz allgemein. Ein notwendiger Weckruf, wie ich finde, gegen den Zeitgeist von Verkürzung und Vereinfachung."

Mit Steinmeier, der nach der Eröffnungsrede noch einen Rundgang über das Gelände machte, kam erstmals ein Bundespräsident auf die re:publica.

Auch Alexander Gerst wird erwartet

Die 13. Ausgabe der Netzkonferenz dreht sich um alle Facetten des Digitalen: Es geht zum Beispiel um künstliche Intelligenz, um Plattformregulierung, um die Urheberrechtsreform und um die Zukunft der Arbeit. Viele Vorträge werden hier im Livestream übertragen.

Am Dienstag wird EU-Wettbewerbskommissarin Margrethe Vestager in Berlin erwartet, die sich leidenschaftlich gegen die aus ihrer Sicht bedenklich große Marktmacht der Internetriesen und für offene Märkte einsetzt.

Ein besonderer Schwerpunkt der diesjährigen re:publica und ihrer Nebenveranstaltungen ist das Thema Nachhaltigkeit. Dabei berichten die Sprecher aus ganz unterschiedlichen Perspektiven. Johan Rockström, Direktor des Potsdamer Institute for Climate Impact Research, wird ebenso auf der Bühne stehen, wie Umweltministerin Svenja Schulze (SPD). Auch "Fridays for Future"-Aktivistin Luisa Neubauer wird erwartet.

Ein Highlight zum Abschluss soll der Auftritt von Astronaut Alexander Gerst am Mittwoch werden. Insgesamt umfassen die re:publica und die begleitende Media Convention Berlin (MCB) Hunderte Programmpunkte. Mehr als 10.000 Besucher werden erwartet.

juh/mbö/dpa

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insgesamt 6 Beiträge
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Seite 1
stern69 06.05.2019
1. "tl;dr" - "too long; didn't read" ist wie Volkabstimmungen
Die Aufmerksamkeitsschwelle liegt bei wenigen Sekunden in der komplexe Sachverhlte vermittelt, erklärt und entschieden werden wollen. Das funktioniert, abgesehen von der oft schiefen Tonlage, eben nicht. Man mag sich zwar ganz schön cool fühlen mit diesen Umgangsformen, etwas erreichen wird man so aber nicht.
kochra8 06.05.2019
2. Blind zum Realismus
Die digitale Welt ist zum Instrumentalisieren extrem geeignet; praktisch fortgesetzt - nach Radio und TV. Die Blasen, mit denen es zum Einlullen einlädt, paaren sich mit der Vereinsamung Einzelner und Dank allgemeinwirtschaftlichen Unabhängigkeit - dem voneinander trennenden Individualismus'.
hauro2005 06.05.2019
3.
Ganz wichtig ist hier erstmal die Frage: Sollen sich alle an Diskussionen beteiligen dürfen? Und wenn nicht, wer entscheidet nach welchem Kriterien, dass jemand ausgeschlossen wird. Das, was der Bundenspräsident als "toxisch" bezeichnet, ist nämlich höchst subjektiv. Tatsächlich wird nämlich sehr oft nicht die Art und Weise ausgeschlossen, sondern der Inhalt. Und der, weil einfach nicht gewünscht ist. Dann man man sich gerne lustig über die Floskel "man wird doch wohl sagen dürfen, dass...", doch tatsächlich geht es genau darum. Lässt man jeden offen seine Meinung unkommentiert und vor allem kritiklos äußern, würde aus einer Diskussion sehr schnell die Explosivität genommen. Da aber Berichterstattung sehr oft mehr aus Meinungen als aus Fakten besteht, diese Meinungen aber als Fakten verkauft werden und jegliche Kritik an dieser Darstellung entweder verbal angegriffen oder direkt blockiert wird, führt das zu einer Eskalation. Und schon beginnt das, was man gerne als "Hass" bezeichnet. Doch in Wirklichkeit sind viele diese "Hasskommentare" und "Hassmails" nichts anderes als der Produkt der Unterdrückung der freien Rede. Und hier ist der Kern: Das, was da ungefiltert im Netz unterwegs ist, ist ein Spiegelbild unserer Gesellschaft. So sieht unsere Gesellschaft aus, so denken die Menschen. Und wer ständig aufgefordert wird, seine Meinung zu einer neuen Nuss-Nougat-Creme zu schreiben oder einen Facebook-Artikel zu liken, der fühlt sich auch dazu berufen, seine politische Meinung ungeschönt ins Netz zu stellen. So funktioniert nunmal dieses Spiel.
anonlegion 07.05.2019
4. Zustimmung, aber...
Das eine Aufforderung zu sachlicheren Debatten von einem Berufpolitiker ausgesprochen wird wirkt doch bizarr. Im politischen Dissens sind Diffamierungen, Lügen und persönliche Anfeindungen dermassen etabliert, das ein guter Teil der zivilgesellschaftlichen Mängel an Anstand, gegenseitigem Respekt und Sachlichkeit darauf zurück geführt werden kann, das die Bürger dies jahrzehntelang in zahlreichen Medien beobachtet haben. Wer oben Verhalten vorlebt, sollte sich nicht wundern wenn unten das Verhalten kopiert wird. Aber Hey...wir freuen uns über den positiven Beitrag Herr Steinmeier. Haben wir unsere Ansprüche an Politprotagonisten in der Bundesrepublik doch bereits signifikant herabgesetzt.
martin58. 07.05.2019
5. Werter Herr Steinmeier,
gehen sie doch einfach, beispielgebend, voran! Menschen wegen ihrer politischen Einstellung zu diskreditieren, gesellschaftlich verächtlich zu machen, oder sie wegen ihrer Parteizugehörigkeit von Ämtern auszuschliessen ... ist genau das Gegenteil, aber leider auch genau das Beispiel, das führende Politiker Tag für Tag abliefern. "Spiel nicht mit den Schmuddelkindern" ist eines Demokraten unwürdig.
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