Sascha Lobo

Zur Netzkonferenz re:publica Warum sich so viele Menschen digital abgehängt fühlen

Sascha Lobo
Eine Kolumne von Sascha Lobo
Zur Internetkonferenz re:publica trifft sich in Berlin wieder die »Digitale Gesellschaft«. Wer bitte soll dazugehören? Und wer nicht?
re:publica in Berlin: Digitalisierung ist immer der digitale Schritt, den die Mehrheit noch nicht gemacht hat

re:publica in Berlin: Digitalisierung ist immer der digitale Schritt, den die Mehrheit noch nicht gemacht hat

Foto: Mauersberger / IMAGO

Die re:publica hat begonnen, also die wichtigste deutsche Konferenz für diejenigen Internetleute, deren Ziel nicht ist, Millionär*in zu werden oder zu bleiben. Die re:publica nennt sich selbst »Festival für die digitale Gesellschaft«, und darunter kann man sich selbst bei allerbestem Willen wenig vorstellen. Das ist aber nicht die Schuld der re:publica und noch weniger die Schuld des Begriffs »Festival«, den die meisten Leute recht treffsicher einschätzen können.

Bei der Bedeutung von »Digitale Gesellschaft« dagegen sind die meisten Menschen auf lustige Weise gleichzeitig ratefreudig und ratlos. Und es stimmt ja, was soll eine digitale Gesellschaft überhaupt sein?

Wikipedia hilft bei diesem Problem wie meist auf sehr informative Weise gar nicht weiter, dort wird man auf »Informationsgesellschaft« verwiesen, und das bezeichnet »eine Gesellschaft, die sich in allen Lebensbereichen auf Informations- und Kommunikationstechnologien (IKT) wesentlich stützt«. Das führt nur wenig weiter, denn nach dieser Definition hätten wir die Schwelle zur Informationsgesellschaft längst unwiderruflich überschritten. Faktisch ist es ja bezogen auf die Digitaldurchdringung des Alltags so, dass drei bis vier Generationen keinen Zitronenkuchen essen können, ohne auf Facebook ein verwackeltes Kuchenfoto einzustellen, auf Instagram eine Zitronenkuchenstory mit animiertem GIF zu veröffentlichen oder auf TikTok leicht bekleidet eine Backanleitung zu tanzen.

Es gibt eine Reihe von Studien, Umfragen und Untersuchungen zum Themenkomplex Digitale Gesellschaft, zum Beispiel einen vom Digitalverband Initiative D21* erhobenen »Digital Index«, der Deutschland einen Digitalisierungsgrad von 63 von 100 Punkten zuschreibt . Die Interessengemeinschaft der Techunternehmen, Bitkom, erklärt, die Deutschen gäben ihrer eigenen Digitalkompetenz im Schnitt die Schulnote 3,1 ; über die Hälfte würde gern mehr digital machen, aber weiß nicht genau wie. Diese Werte geben dem verbreiteten Bauchgefühl, Deutschland sei digital irgendwie abgehängt, etwas Futter, sind aber darüber hinaus nur eingeschränkt aussagekräftig. Überhaupt liegt die enorme Wackelpuddinghaftigkeit daran, dass der Begriff Digitale Gesellschaft die gleiche Problematik mit sich herumschleppt wie der größere Begriff dahinter: Digitalisierung.

Digitalisierung ist immer. Das hört sich nach einem schalen Bonmot vom Stammtisch der EDV-Leiter (gendern unnötig) an. Tatsächlich nehmen noch immer viele Leute implizit an, dass man irgendwas digitalisiert und dann ist es fertig und damit eben irgendwie digital. Das ist ein Trugschluss, dem man leicht auf die Spur kommt, wenn man sich den Bedeutungsinhalt des Wortes Digitalisierung bei ganz gewöhnlichen Unternehmen über den Zeitverlauf anschaut: In den Siebzigerjahren war Digitalisierung, im Firmenkeller Daten auf Magnetbändern zu archivieren, in den Achtzigern die Einführung von elektrischen Schreibmaschinen, die bis zu den Neunzigern durch PCs ersetzt wurden, dann war Digitalisierung die Vernetzung ebendieser PCs, dann die Einführung von spezieller Unternehmenssoftware, dann die Verschiebung dieser Software in die Cloud, dann die Anbindung an mobile Geräte mit der nagelneuen Firmen-App und so weiter und so fort.

Immer neue digitale Selbstverständlichkeiten

Im Moment ist Digitalisierung weiter aufgespreizt und taumelt in den verschiedenen Unternehmen irgendwo zwischen halb automatisiertem, digitalem Marketing und der Frage, wo, wie und vor allem warum man künstliche Intelligenz einsetzen wollen sollte. In fünf Jahren ist Digitalisierung irgendwas mit Quantencomputern und dem dritten Blockchain-Aufguss, denn natürlich kommen die neuesten Entwicklungen immer wieder, und zwar in Wellen. Und damit ist noch nicht einmal die nebenher laufende digitale Transformation beschrieben, also die Veränderung von Geschäftsmodellen durch die verschiedenen Schritte der Digitalisierung.

Digitalisierung ist immer genau der digitale Schritt, den die große Mehrheit noch nicht gemacht hat. Digitalisierung ist deshalb nie fertig, was einerseits eine schöne Jobgarantie für mich als Digitalisierungserklärer ist und andererseits eben erklärt, warum auch die digitale Gesellschaft schon längst da ist und gleichzeitig noch auf sich warten lässt. Digitale Gesellschaft beschreibt eigentlich die Entwicklung immer neuer digitaler Selbstverständlichkeiten. Plötzlich muss man mit einer dauernd eskalierenden digitalen Normalität Schritt halten. Das ist zugleich das größte Problem der digitalen Gesellschaft und der Grund, warum sich so viele Menschen mit Recht ausgeschlossen und abgehängt fühlen (dafür taugen die obigen Zahlen dann doch ganz gut).

Es gab in den letzten zehn Jahren irgendwann einen Bruch oder eine, wie Olaf Scholz sagen würde, Zeitenwende. Es handelte sich um den Übergang von der Informationsgesellschaft zur Informationsflussgesellschaft. Der ist zwar nicht überall gleichmäßig und gleichzeitig vonstattengegangen und in manchen Bereichen sogar noch gar nicht, aber trotzdem hat die Zeitenwende etwas verändert. Eben noch waren Informationen oder eben Daten relevanter. Dann verschob sich die Balance in Richtung von Datenströmen. Das ist eine beinahe zwingende Folge der digitalen Vernetzung und für Laien vielleicht am besten an der heutigen Allgegenwart der sozialen Medien zu erkennen. Deren Siegeszug hat sich durch den Nachrichtenstrom oder die Timeline manifestiert, also das Prinzip der ständigen Erneuerung der Daten.

Internetplattformen sind nie fertig

Schon 2005 gab es Fotoplattformen wie Flickr oder soziale Netzwerke wie MySpace und Friendster, die aber kaum mehr waren als große Digitalregister von Profilseiten. Die Erfindung der Timeline als wichtigste Seite wird oft Twitter zugeschrieben. Von Facebook kurzerhand kopiert, führte dieses Prinzip zur wichtigsten Verhaltensänderung der Internetnutzenden: ständig online sein, ständig nach Neuigkeiten schauen, weil immer etwas passiert. Dass es sich um eine logische Folge der digitalen Vernetzung handelt, erkennt man daran, dass sich grob zeitgleich auf der Rückseite des Internets das Prinzip Perpetual Beta durchsetzte: Internetplattformen sind nie fertig, sie werden immer weiterentwickelt, teilweise im Halbstundentakt.

Die große Neuerung der digitalen Vernetzung ist – neben dem Rückkanal – die ständige Weiterentwicklung. Durch die Gesetze sowohl der Gesellschaft wie auch des Marktes hat sich aus der Möglichkeit die Pflicht zur Weiterentwicklung ergeben. Nichts sieht toter aus als eine App, die vor drei Jahren zuletzt upgedatet wurde. Oder ein Social-Media-Profil, das zuletzt vor fünf Monaten etwas gepostet hat.

Diese Beispiele mögen anekdotisch wirken, aber in ihrer Summe – von den häufigen lernintensiven Updates der Unternehmenssoftware bis zur Macht von Social Media in der Öffentlichkeit und im persönlichen sozialen Umfeld – ist die Umstellung von Informationsgesellschaft zur Informationsflussgesellschaft mit massiven Konsequenzen verbunden.

Man wird nie wieder das Gefühl haben, ausgelernt zu haben

Gesellschaftliche Teilhabe unterhalb eines bestimmten Alters ist heute kaum mehr möglich, ohne sich selbst ständig upzudaten. Und damit ist weniger die Technologie gemeint als die Beherrschung einer Reihe von Technologien und der dazugehörigen Gepflogenheiten. Bis die Informationsflussgesellschaft die Oberhand gewann, war Lifelong Learning kaum mehr als eine Phrase. Inzwischen ist es die Voraussetzung, überhaupt noch teilhaben zu können, zum Beispiel in immer mehr Berufen. Eines der vielen Schlagworte, das um diese Problematik kreist, ist Digital Divide, die deutsche Übersetzung ist die auf der nach unten offenen Onkeligkeitsskala bisher ungeschlagene »Digitale Kluft«.

Man kann das – wenn man von Friedenszeiten im reichen Mitteleuropa ausgeht – als großes gesellschaftliches Drama unserer Zeit betrachten, als kaum überbrückbare Ungerechtigkeit, dass es in einer Ära der ständigen Weiterentwicklung nie wieder das Gefühl des Fertigseins geben wird, des Ausgelernthabens, des jahrelangen Verschnaufens, ohne sich abgehängt zu fühlen. Für diejenigen, die es nie anders kennengelernt haben, eine digitale Selbstverständlichkeit. Für diejenigen, die eine andere Welt kannten und vielleicht liebten – eine kaum heilbare Kränkung. Vielleicht braucht es nicht nur die re:publica als Ort der supervornigen Avantgarde der Digitalen Gesellschaft, sondern auch eine Präpublica. Für diejenigen, die in Würde nachkommen wollen.

* Etwa zwischen 2008 und 2010 war ich als Einzelperson in der Initiative D21 Mitglied

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