Chef des Rechtschreibrates Zehetmair Twitter bitte erst ab Vierzehn

Es ist nicht bekannt, aus welchen Quellen der Chef des deutschen Rechtschreibrates Hans Zehetmair seine Informationen hat. Sein Urteil jedenfalls ist klar: Die Jugend von heute spricht nicht mehr ordentlich, schuld ist das Internet. Er empfiehlt Altersgrenzen für Kommunikationsdienste.
Sprachpfleger Zehetmair: Mangel an "Gefühl und Herzlichkeit"

Sprachpfleger Zehetmair: Mangel an "Gefühl und Herzlichkeit"

Foto: Andreas Gebert/ picture alliance / dpa

Es sind nur einige wenige Zeilen, mit denen Hans Zehetmair, einst bayerischer Bildungsminister, heute Vorsitzender des Deutschen Rechtschreibrates und der Hanns-Seidel-Stiftung, im Netz für Unmut und Erheiterung sorgt. "Ich will die moderne Technik nicht verurteilen, aber die Jugend darf sich von der schwindelerregenden Entwicklung nicht vereinnahmen lassen", sagte Zehetmair der Nachrichtenagentur dpa. Heute sei "alles" immer nur "super, top, geil, aber nicht mehr authentisch".

Zehetmair fürchtet den Verfall der Sprache. Für den macht er die zwei gängigsten Ursachen verantwortlich: die Jugend von heute und digitale Technologie. Einer SMS etwa, so der ehemalige Minister und Träger diverser Doktortitel, mangele es "an Gefühl und Herzlichkeit".

Das dürfte so mancher Teenager, dem per Kurzmitteilung die ersehnte Verabredung zum Kino gewährt oder womöglich sogar die erste Liebe erklärt wurde, anders sehen. Aber solche Erlebnisse sind in der Lebenswirklichkeit von Zehetmair, Jahrgang 1936, vermutlich eher selten. Einen Twitter-Account scheint er nicht zu betreiben, und auch aus dem Leben der Teenager von heute möchte er die Kommunikationsmittel der Gegenwart vorsichtshalber fernhalten: Kinder sollten iPad, Twitter und WhatsApp erst benutzen, wenn sie schon gefestigte Deutschkenntnisse hätten, mit frühestens 14 Jahren, so seine Empfehlung. Noch ein schönes Zitat aus dem Gespräch: "Wenn man stundenlang vor dem iPad sitzt, färbt das eben ab."

Nun ist das iPad dank Hülle aus Glas und Alu absolut farbecht. Man kann vermuten, dass das also zweifellos metaphorisch gemeinte Abfärben aus Zehetmairs Sicht irgendetwas mit zu kurzen Wörtern und sprachlicher Verkümmerung zu tun hat, nicht etwa mit Bildung, Erkenntnisgewinn, oder aktueller Information über das Weltgeschehen dank Zugriff auf das Internet.

Zusammenfassen lässt sich Zehetmairs Klage in einem einzigen Satz, den Sprachschützer Gerüchten zufolge seit mehreren Hundert Jahren auf einer an einem geheimen Ort aufbewahrten Steintafel von Generation zu Generation weiterreichen: "Die deutsche Sprache wird immer weniger gepflegt." Die Formulierungen "immer mehr" und "immer weniger", so wird das beispielsweise an Journalistenschulen gelehrt, deuten übrigens häufig auf eine mangelhafte Faktenbasis für eine Behauptung hin.

Feinen Humor beweist Zehetmair dadurch, dass er selbst diskrete Beispiele für die von ihm selbst diagnostizierte sprachliche Verarmung einstreut. So mahnte er, es habe "nichts mit einem höheren Bildungsgrad zu tun, wenn man Wörter auf Englisch sagt, die man ebenso auch auf Deutsch formulieren könnte", obwohl man doch Wörter gar nicht formulieren kann, nur Sätze. An anderer Stelle in dem Gespräch bemängelte er dann die "Recycling-Sprache" der Jugend von heute.

Ist eben doch ein lebendiges Gebilde, die Sprache, das sich fortwährend fortentwickelt, allen Konservierungsversuchen zum Trotz.

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