"The Snowden Files" von Luke Harding Die belagerte Redaktion

Spione drangen in die Redaktion ein, zwangen die Journalisten, ihre Computer zu zerstören: Als der "Guardian" dank Edward Snowden die weltweite Geheimdienstschnüffelei aufdeckte, schlug der Staat hart zurück. Jetzt beschreibt ein Buch die Entstehungsgeschichte der Enthüllung - und die Folgen.
Unter Geheimdienstaufsicht zerstörtes Notebook: Der Journalist Luke Harding schreibt in seinem Buch über die Snowden-Enthüllungen

Unter Geheimdienstaufsicht zerstörtes Notebook: Der Journalist Luke Harding schreibt in seinem Buch über die Snowden-Enthüllungen

Foto: Roger Tooth/ Guardian News & Media

Die beiden Spione stellten sich als "Ian" und "Chris" vor, aber die Leute vom "Guardian" hatten bald griffigere Namen: die Hobbits.

Ian und Chris waren nicht dumm, aber unerfahren im Umgang mit der Presse. Im vergangenen Sommer wurden sie vom britischen Geheimdienst zum "Guardian" kommandiert, um die Zerstörung von Computern zu überwachen. Auf den Rechnern lagerten Tausende Dokumente von Edward Snowden. Die beiden Geheimdienstmänner hatten die undankbare Aufgabe, im Keller der Redaktion sicherzustellen, dass die Journalisten Festplatten, Mikrochips und Platinen mit Bohrern und Winkelschleifern unbrauchbar machten.

Es war ein bizarrer Moment. "Die britische Regierung zwang eine Zeitung dazu, ihre Computer zu zerstören", schreibt der Journalist Luke Harding in seinem Buch "The Snowden Files", das soeben erschienen ist. Harding zufolge blieb der Redaktion keine Wahl, als dem Druck der Regierung nachzugeben. Andernfalls, so die Befürchtung, hätten Polizisten oder Richter den "Guardian" lahmgelegt. Nach drei Stunden waren die Festplatten kaputt. Die Hobbits stiegen erleichtert aus dem Keller. Dabei lagerten Kopien der Snowden-Dokumente längst anderswo, außerhalb der Reichweite des britischen Geheimdienstes.

Die Überwachungsaffäre, die seit Juni die Welt in Atem hält, ist nicht arm an solchen wahnwitzigen Episoden. Luke Harding, Auslandsreporter beim "Guardian", erzählt die Geschichte nun erstmals von Anfang an. Sein Buch ist die Innenaufnahme einer Redaktion, die den größten Scoop der vergangenen Jahrzehnte durchlebt und sich dabei in der Heimat und darüber hinaus mächtige Feinde macht. Aus dem Stoff sind Joseph-Conrad-Romane gebaut.

Kein Gespräch mit Snowden

Hardings Protagonisten sind Edward Snowden, der damalige "Guardian"-Kolumnist Glenn Greenwald, die Filmemacherin Laura Poitras sowie Journalisten der Zeitung in London, New York und Washington. Auf der Gegenseite stehen die Geheimdienste der USA und Großbritanniens sowie die gesamte britische Regierung. Man erfährt auch etwas über den jungen Snowden, der früher unbedingt zur Army wollte und ein größerer Patriot ist, als viele seiner linken Anhänger in Europa wahrhaben wollen. Allerdings konnte Harding mit Snowden nicht sprechen und musste sich auf alte Blog-Einträge, Interviews und Gespräche mit Vertrauten stützen. Der Mann auf dem Buchcover bleibt leider blass.

Dafür erfährt man, wie groß der Schock auf der Gegenseite war. Die Geheimdienste wussten lange Zeit überraschend wenig über ihr Leck. Noch Wochen nach den ersten Enthüllungen erklärte der britische Kabinettssekretär gegenüber dem "Guardian"-Chef Alan Rusbridger, man vermute, die Zeitung sei im Besitz von "30 bis 40 Dokumenten". Tatsächlich waren es mehrere zehntausend.

Rusbridger machte seinen Leuten klar, dass sie in den Dokumenten nur nach dem suchen sollten, was die Massenüberwachung durch Geheimdienste belege. Alles andere müsse geheim bleiben, das war Snowdens Bedingung. "Wir befinden uns hier nicht auf einem großen Fischzug", schrieb der Chefredakteur seinen Redakteuren.

Monate im Ausnahmezustand

Es war ein Berg von Informationen, den sie durchwühlen mussten. Mehr als 50.000 Seiten stammten allein vom britischen Abhördienst GCHQ. Der Großteil des Snowden-Materials sei schwer verdaulich gewesen, schreibt Luke Harding. Zwar enthielten einige Dokumente sensible Details, die Mehrzahl bestand aber aus Powerpoint-Folien, Diagrammen und Sachstandsberichten voller Akronyme, mit denen ein Laie wenig anfangen konnte. Buchstabensuppe. Später teilte der "Guardian" das Material unter anderem mit der "New York Times", auch der SPIEGEL berichtet aus dem Fundus Edward Snowdens.

Für die "Guardian"-Redaktion waren es Monate im Ausnahmezustand. Hektische Anrufe aus dem Weißen Haus, Unmengen Kaffee, wenig Schlaf, Journalisten zwischen Euphorie und Wahnsinn. Hollywood interessiert sich brennend für den Stoff.

Luke Harding recherchierte in Rio, New York, Hawaii, Berlin und halb Europa. Er vermutet, dass die Geheimdienste ihn ebenfalls im Visier hatten. In Rio quatschte ihn ein Amerikaner an, womöglich CIA. Später, bei der Arbeit am Manuskript zu Hause in England, fing Hardings Rechner plötzlich an, den geschriebenen Text zu löschen. Natürlich kann er nichts beweisen. Es ist trotzdem schwer, nicht paranoid zu werden, auch das gehört zu dieser irrsinnigen Geschichte.

Luke Harding: "The Snowden Files. The Inside Story of the World's Most Wanted Man", Faber & Faber, 346 Seiten, 13 Euro.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.