Russland Ein Blogger enttarnt Putins Schattenarmee

Ruslan Lewijew legt sich mit dem Kreml an: In sozialen Netzwerken trägt sein Team Hinweise für die Präsenz russischer Soldaten in Syrien und der Ukraine zusammen - manchmal mit umstrittenen Methoden.
Blogger Lewijew: Riskante Operationen, um Putins Kriegslügen zu entlarven

Blogger Lewijew: Riskante Operationen, um Putins Kriegslügen zu entlarven

Foto: SPIEGEL ONLINE

Der Mann, der Russlands verdeckten Militäroperationen nachspürt, hat einen besonderen Sinn für Details. Er nennt sich Ruslan Lewijew und legt Wert auf Betonung des "i" im Nachnamen. Dabei ist Lewijew nur ein Pseudonym, das er zu seinem Schutz gewählt hat.

Lewijew, 29, sitzt in einem Café auf dem Arbat, Moskaus Flaniermeile. Das Kreml-treue Staatsfernsehen hat ihn gerade in den Nachrichten erwähnt. Sie haben seinen Blog gezeigt samt Profil-Foto. Es zeigt ein schmales Gesicht, raspelkurze Haare, zahlreiche Piercings. Der TV-Sprecher nannte Lewijew einen "Blogger von zweifelhaftem Ruf". Seine Berichte seien "vom ersten bis zum letzten Wort erfunden".

Den Zorn der Staatsmedien hat sich Lewijew mit einem Blog-Beitrag zugezogen. Er ging darin einer Frage nach, auf die Moskau derzeit nicht gern angesprochen wird: "Sind russische Truppen in Syrien?" .

Lewijews Blogbeitrag war die erste umfangreiche Zusammenstellung von Hinweisen, dass Moskau tatsächlich Militär nach Syrien verlegt hat. Lewijew hat sie gemeinsam mit Mitstreitern zusammengetragen und auf Stichhaltigkeit überprüft. Es geht um neue russische Schützenpanzer, Drohnen und die Frage, ob man auf unscharfen Fotos die Silhouette russischer Kampfjets erkennen kann oder nicht.

Die Netz-Detektive stießen in russischen sozialen Netzwerken auch auf Einträge, die eine Verlegung von Bodentruppen nach Syrien belegen. Männer der 810. Marine-Infanterie-Brigade aus Sewastopol posteten entsprechende Kommentare und Fotos. "Abfahrt nach Syrien", schrieb einer. Ein anderer veröffentlichte eine Aufnahme, die ihn vor einem Doppelporträt der Präsidenten Assad und Putin zeigt.

Die Ehefrau eines Soldaten bestätigte in einem Chat, ihr Mann sei unterwegs nach Syrien, "einen Flughafen bewachen". Die Blogger hatten ihr den Kommentar entlockt, indem sie sich selbst als Angehörige eines Marine-Infanteristen ausgaben. Gegenüber dem Staats-TV behauptet die Frau inzwischen aber, ihr Konto sei gehackt worden.

Riskante Operationen

Der Syrien-Bericht ist nicht die erste Aktion, mit der Lewijew und sein Team Aufmerksamkeit erregen. Im Mai veröffentlichten sie Beweise für Russlands verdeckte Militärintervention in der Ostukraine. Die Gruppe rekonstruierte die Umstände eines Gefechts am 5. Mai 2015, bei dem drei junge Soldaten ums Leben kamen , aktive Mitglieder einer Spezialeinheit des russischen Militärgeheimdienstes GRU. Auf den Gräbern lagen Kränze des russischen Verteidigungsministeriums, Lewijew hat selbst eines davon fotografiert.

Die Methoden, mit denen er Erkenntnisse gewinnt, sind umstritten. Bei der Suche nach den Gräbern kontaktieren Lewijews Team-Mitglieder auch Angehörige. Gegenüber der Mutter eines der getöteten Soldaten gaben sie sich als Mitarbeiter des russischen Parlaments aus. Sie wollten ihr helfen, sagten sie.

Lewijew hat auch Kameras an einer Bahnstrecke in Südrussland installiert. Die Geräte schalteten sich ein, wenn Züge passierten. Lewijew sammelte so Hinweise auf Waffenlieferungen an Rebellen in der Ostukraine.

Solche Operationen sind riskant. Verdeckte Videoaufzeichnungen sind in Russland illegal. Hinzu kommt, dass die Behörden am liebsten jede Truppenbewegung zum Staatsgeheimnis erklären würden. Im Januar steckten sie eine russische Hausfrau in U-Haft. Swetlana Dawydowa hatte in der ukrainischen Botschaft gemeldet, dass sich die Garnison nahe ihrem Haus verdächtig leere. Die Anklage wurde im März fallen gelassen.

Sorge um das "saufende Volk"

Wenn Lewijew über "unseren Gegner" spricht, meint er Russlands Propaganda. Neulich führte ihn seine Arbeit allerdings auch in Konflikt mit einem US-Medium. Das Magazin "Forbes" hatte gemeldet, Russlands Streitkräfte hätten insgesamt 2000 Mann in der Ostukraine verloren. Einzige Quelle war eine Meldung einer obskuren Webseite namens "Business Life". Lewijew enttarnte die Nachricht als Fake . "Forbes" korrigierte mit dem etwas eigenwilligen Hinweis, man brauche eigentlich "gar kein Business Life Leak, um Putins Lügen zu entlarven".

Lewijew hat Jura studiert und einige Jahre für Russlands Ermittlungskomitee in Tjumen gearbeitet, einer Ölstadt in Westsibirien. "Meine Chefs hatten kein Interesse an Gerechtigkeit", sagt er heute. Straftaten seien vertuscht worden, weil die Kriminalstatistik geschönt werden sollte. Kollegen ließen sich bestechen.

Warum riskiert der Jurist Lewijew Anklage und Verhaftung? Der Kampf, den er führt, hat lange vor Moskaus ersten verdeckten Militäroperationen auf ukrainischem Territorium begonnen. Im Winter 2011/2012 ging er auf die Straße, um gegen Wahlfälschungen und Putins Rückkehr in den Kreml zu demonstrieren. Lewijew ist mit dem Oppositionsführer Alexej Nawalny befreundet.

Lewijew bezeichnet seine politischen Ansichten als rechtsliberal, an der Grenze zum Nationalismus. Er findet aber, der Begriff sei in Russland diskreditiert: Es gehe nicht um eine vermeintliche Überlegenheit der Russen. Im Gegenteil, ihn treibe "die Sorge um das eigene Volk, das säuft, sich selbst versklavt und glaubt, immer einen Zaren zu brauchen".

Er hofft, dass es der Opposition gelingen wird, Präsident Putin von der Macht zu vertreiben. "Wenn wir ihn nicht bald loswerden", sagt Lewijew, "könnten nach einigen Jahren Krise bald viel radikalere Kräfte an die Macht kommen".

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