Manipulation der US-Öffentlichkeit Das verraten zwei neue Studien über Russlands Propaganda

Zwei neue Berichte zeichnen das bislang detaillierteste Bild davon, wie sich Russland übers Netz in die US-Politik eingemischt hat. Was steht drin? Was ist neu? Die sechs wichtigsten Punkte.
Russische Facebook- und Instagram-Postings, dokumentiert in der New-Knowledge-Studie

Russische Facebook- und Instagram-Postings, dokumentiert in der New-Knowledge-Studie

Foto: New Knowledge

1. Warum sind Russlands Versuche, die politische Stimmung in den USA zu beeinflussen, genau jetzt wieder Thema?

Diesen Montag sind zwei unabhängig voneinander entstandene Studien veröffentlicht worden. Sie drehen sich beide vor allem um die Online-Aktivitäten der Internet Research Agency (IRA) im Zeitraum rund um die US-Präsidentenwahl 2016. Diese Agentur eines Putin-Vertrauten mit Sitz in Sankt Petersburg wird im Ausland gern als russische "Trollfabrik" beschrieben. Als Trolle werden Internetnutzer bezeichnet, die bewusst Unsicherheit schaffen oder Onlinedebatten stören und manipulieren.

2. Wer hat die Studien verfasst und wo kann ich sie lesen?

Angefertigt wurden beide Studien für den Geheimdienstausschuss des US-Senats. Für die beiden Untersuchungen wurden Millionen Internetbotschaften ausgewertet - einerseits vom Unternehmen New Knowledge , andererseits von der britischen University of Oxford in Zusammenarbeit mit der auf die Analyse von Onlinenetzwerken spezialisierten Firma Graphika . Den größten Anteil an den untersuchten Onlinebotschaften hatten Twitter-Postings.

Beide Berichte stehen frei zugänglich im Netz. Die New-Knowledge-Veröffentlichung hat 101 PDF-Seiten und steht hier online . Die 47 PDF-Seiten der Oxford/Graphika-Studie lassen sich hier abrufen .

3. Welche Erkenntnisse liefern die Studien?

Vieles, was in den Studien vorkommt, überrascht nicht. So war schon zuvor bekannt, dass Teile der IRA-Kampagnen darauf abzielten, tendenziell linksgerichtete Wähler durch demotivierende Botschaften von der Wahlteilnahme abzuhalten und konservative weiße Wähler zu mobilisieren.

In der Oxford/Graphika-Studie heißt es dazu, die IRA habe mit ihren Botschaften unter verdeckter Identität auf Tausenden von ihr eingerichteten Onlinekonten eindeutig "den Republikanern und insbesondere Donald Trump nutzen wollen". Allgemein heben die Macher der Studie hervor, dass die IRA oftmals genau dann besonders aktiv gewesen sei, wenn in den USA oder auf internationaler Ebene politisch wichtige Ereignisse anstanden.

Obwohl solche Erkenntnisse kaum überraschen, bieten die Studien trotzdem viele interessante und in Teilen neue Erkenntnisse:

  • So wird aus den Auswertungen etwa klar, wie intensiv neben dem eigentlichen Facebook-Netzwerk auch der zum selben Konzern gehörende Foto- und Videodienst Instagram von der IRA mit Inhalten bespielt wurde. New Knowledge zufolge gehörten zum ausgewerteten Datenmaterial 61.500 unterschiedliche Facebook-Postings aus den Jahren 2015 bis 2017, die von 81 IRA-Seiten stammten und die ungefähr 77 Millionen Interaktionen wie Likes nach sich zogen. In einem ähnlichen Zeitraum veröffentlichte die IRA über 133 Accounts aber auch 116.000 Instagram-Posts - mit rund 187 Millionen Interaktionen.

    Die Instagram-Accounts der IRA mit nicht auf Russland hindeutenden Namen wie "blackstagram_", "american.veterans" und "rainbow_nation_us" hatten teils mehrere Hunderttausend Follower.
Übersicht der IRA-Instagram-Accounts laut einer Folie von New Knowledge

Übersicht der IRA-Instagram-Accounts laut einer Folie von New Knowledge

Foto: New Knowledge

  • US-Medien wie die "New York Times"  heben hervor, dass der New-Knowledge-Bericht auch noch einmal aufzeigt, dass die IRA-Aktivität in beachtlichem Maße auf Afroamerikaner abzielte. Die mediale Aufmerksamkeit habe sich auf Facebook-Seiten konzentriert, die die politische Rechte ansprachen, konstatiert die Zeitung. Laut der Studie hätten sich aber zumindest auf Facebook 30 der 81 IRA-Seiten an Afroamerikaner gerichtet und nur 25 an die politische Rechte.
  • Aus beiden Studien geht hervor, wie facettenreich die russischen Versuche der Einflussnahme waren, was Inhalt, Format und Plattform angeht. Wie bei klassischen Werbekampagnen habe die IRA mitunter verschiedene Wege genutzt, um dieselben Botschaften an verschiedene Nutzergruppen auszusteuern, heißt es im New-Knowledge-Bericht. Die IRA war demnach auf Plattformen wie Google+, YouTube und Reddit tätig, aber auch auf Pinterest, Vine und Tumblr. Zudem veröffentlichte sie unter anderem einen (mittlerweile nicht mehr abrufbaren ) Podcast auf Soundcloud und konzipierte Telefon-Hotlines: Eine davon sollte zum Beispiel Hinweisen zum Thema Wahlbetrug dienen, eine andere richtete sich an Menschen, die das Gefühl haben, sie masturbieren zu oft.
  • Überhaupt ist dies eine Kernerkenntnis aus dem New-Knowledge-Bericht: Den russischen Online-Manipulatoren ging es nicht darum, mit jedem Posting zu polarisieren. Mitunter war es offenbar auch das Ziel, mit Accounts über die Zeit Follower zu gewinnen und ihnen so Glaubwürdigkeit und Bedeutung zu geben. Die große Mehrheit der russischen Propaganda-Posts sei keine "Hassrede" gewesen, heißt es: "Vieles davon war nicht einmal besonders anstößig." Im Ganzen sei es Russland aber klar darum gegangen, die US-Gesellschaft zu spalten und etwa politische Standpunkte zu normalisieren, die für die russische Regierung von Vorteil sind, heißt es im Bericht.
  • Die Macher der Oxford/Graphika-Studie betonen auch noch einmal, dass die IRA über klassische, von Menschen verfasste Postings insgesamt wohl mehr Nutzer erreicht hat als mit Werbeanzeigen.

4. Endeten die russischen Versuche der Einflussnahme mit der Wahl Donald Trumps?

Nein. Beide Studien heben hervor, dass Russlands Onlinekampagnen seit 2016 weitergelaufen sind und weiterlaufen - wenn auch zum Teil in anderer Form als bisher, weil Medien und auch die sozialen Netzwerke das Thema stärker im Blick haben. "2017, als die Medien über ihre Facebook- und Twitter-Operationen berichteten, verlagerte die IRA einen Großteil ihrer Tätigkeiten auf Instagram", heißt es etwa in der New-Knowledge-Studie.

Ihre Macher betonen zudem explizit, dass sich die USA wahrscheinlich auch in der absehbaren Zukunft weiter mit dem Versuch russischer Einflussnahme konfrontiert sehen werden.

5. Welche Konsequenzen zieht die US-Politik?

Zunächst einmal werden die Beeinflussungsversuche Russlands klar als Problem benannt. Der republikanische Ausschussvorsitzende Richard Burr erklärte am Montag, die Studien zeigten, wie "aggressiv" Russland versucht habe, die US-Gesellschaft entlang von Rasse, Religion und Weltanschauung zu spalten und das Vertrauen in die demokratischen Institutionen zu untergraben. Der Obmann der oppositionellen Demokraten im Geheimdienstausschuss, Mark Warner, bezeichnete die Kampagnen als "Angriff auf unsere Demokratie".

Seit 2017 hatte es diverse, aber nicht immer überzeugende Versuche der US-Politik gegeben, Konsequenzen aus den Ereignissen rund um die Wahl 2016 zu ziehen. So gab es beispielsweise Kongress-Anhörungen mit Vertretern großer Tech-Konzerne wie Twitter und Facebook.

Aufgrund der Untersuchungen des Russland-Sonderermittlers Robert Mueller hatte die US-Justiz zudem bereits im Februar Anklage gegen die IRA erhoben. Der Kreml streitet indes jegliche Vorwürfe ab, er habe sich in die US-Wahl eingemischt.

US-Präsident Donald Trump hatte im September eine Anordnung erlassen, nach der Staaten automatisch mit Wirtschaftssanktionen belegt werden, wenn sie beim Versuch, US-Wahlen zu beeinflussen, erwischt werden.

New-Knowledge-Forscherin Renée DiResta forderte , dass soziale Netzwerke, unabhängige Wissenschaftler und die US-Regierung künftig mehr gemeinsam gegen Desinformationskampagnen tun sollten. "Weder können wir uns allein auf die Social-Media-Plattformen verlassen", schrieb DiResta in einem Zeitungbeitrag, "noch sollten wir ihnen die volle Last aufladen".

6. Was sagen Facebook, Google und Twitter?

Auf Nachfrage der Nachrichtenagentur AP wollte man sich weder bei Facebook oder Google, noch bei Twitter zu den Studien äußern. Tatsächlich war die Rolle der Tech-Konzerne beim Thema Wahlbeeinflussung und seiner Aufklärung keine rühmliche, wie die "New York Times" hier zusammenfasst .

Dem Artikel zufolge weigerten sich alle drei Unternehmen, bestimmte Daten herauszugeben. Facebook hielt demnach die Kommentare von Nutzern zu Inhalten zurück, die von der IRA generiert wurden. YouTube gab nicht bekannt, wie viele Menschen von der IRA hochgeladene Videos gesehen haben.

Im New-Knowledge-Bericht heißt es, in jedem Datensatz, der dem Geheimdienstausschuss des Senats (und damit auch den Wissenschaftlern) zur Verfügung gestellt wurde, hätten "Kernkomponenten gefehlt, die ein vollständigeres und besser verwertbares Bild" geliefert hätten.

mit Material von AFP und AP
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