"Borat"-Darsteller Sacha Baron Cohen rechnet mit Facebook ab

Sacha Baron Cohen wirft den Tech-Konzernen vor, zu wenig gegen Hass-Postings und Verschwörungstheorien zu tun. Er sieht dadurch die Demokratie in Gefahr.

Monica Almeida/ REUTERS

Sacha Baron Cohen ist unter verschiedenen Namen auf der ganzen Welt bekannt: als "Ali G", "Borat" oder "Brüno". Bei einem Auftritt an diesem Freitag jedoch betonte der britische Comedian, dass er diesmal - nach fast zwei Jahrzehnten in anderen Rollen - als seine "am wenigsten populäre Figur" spreche: nämlich als Sacha Baron Cohen selbst.

Bei einer Veranstaltung der amerikanischen Anti-Defamation League (ADL), die sich gegen Antisemitismus und Diskriminierung engagiert, hielt Cohen in New York eine Rede zur Verantwortung der sozialen Netzwerke. Daraus wurde schnell eine Abrechnung mit den Plattformen, vor allem mit Facebook.

Cohen sagte, er äußere sich jetzt, weil er glaube, dass "unsere pluralistischen Demokratien am Abgrund stehen und dass die nächsten zwölf Monate und die Rolle der sozialen Medien entscheidend sein könnten". Den Chefs der großen Tech-Konzerne gehe es mehr darum, ihren Aktienkurs anzuheben, als die Demokratie zu schützen.

"Größte Propaganda-Maschine der Geschichte"

Der Comedian warf den großen Internetgiganten vor, die "größte Propaganda-Maschine der Geschichte" zu sein und Hass und Gewalt zu fördern. Dienste wie Facebook, YouTube, Google und Twitter würden Milliarden von Menschen erreichen - und mit ihren Algorithmen bewusst jenen Inhalten stärkere Wirkung verleihen, die Nutzer bei der Stange halten: "Geschichten, die an unsere niederen Instinkte appellieren und Empörung und Angst auslösen". Davon würden auch Verschwörungstheorien profitieren, darunter "die Lüge, dass Juden irgendwie gefährlich seien".

Als Ali Gi habe er mal den Astronauten Buzz Aldrin gefragt, wie es gewesen sei, auf der Sonne zu spazieren, erzählte Cohen. "Der Witz funktionierte, weil wir, das Publikum, von denselben Fakten ausgingen." Wenn aber jemand glaube, die Mondlandung sei nur ein Fake gewesen, wäre der Witz nicht lustig gewesen.

Wenn sich Verschwörungen dank sozialer Netzwerke nun besser durchsetzten, erleichtere das die Arbeit von Hassgruppen, sagte Cohen. Ausländische Geheimdienste könnten sich zudem einfacher in Wahlen einmischen. Mit Blick auf eigene Erlebnisse bei den Dreharbeiten für seine Show "Who is America?" sagte Cohen: "Es ist ziemlich schockierend, wie einfach es ist, verschwörerisches Denken in Gewalt zu verwandeln."

"Britische Wähler werden zur Wahl gehen, während Onlineverschwörungstheoretiker die abscheuliche Theorie des 'großen Austausches' propagieren, dass weiße Christen absichtlich durch muslimische Einwanderer ersetzt werden", fasste Cohen seinen Blick auf die kommenden Monate zusammen. "Amerikaner wählen einen Präsidenten, während Trolle und Bots die ekelhafte Lüge einer 'hispanischen Invasion' aufrechterhalten. Und nach Jahren von YouTube-Videos, in denen der Klimawandel als 'Schwindel' bezeichnet wird, sind die Vereinigten Staaten dabei, sich in einem Jahr offiziell aus dem Pariser Abkommen zurückzuziehen."

Mittlerweile hätten die sozialen Netzwerke zwar Schritte gegen Hass und Verschwörungstheorien auf ihren Plattformen eingeleitet, sagte der Comedian. Diese Schritte seien aber größtenteils oberflächlich. Bei Social Media sei es Zeit für ein grundlegendes Umdenken.

"Freedom of speech is not freedom of reach"

Besonders erzürnt zeigte sich Cohen über die Ansichten von Mark Zuckerberg. Der Facebook-Chef hatte im Oktober eine Rede zum Thema Meinungsfreiheit gehalten, an der sich Cohen nun abarbeitete. Unter anderem erwiderte er "Freedom of speech is not freedom of reach", also sinngemäß: Meinungsfreiheit heiße nicht, dass man ein Recht auf Reichweite habe.

"Leider wird es immer Rassisten, Misogynisten, Antisemiten und Kinderschänder geben", erläuterte Cohen. "Aber ich denke, wir sind uns alle einig, dass wir Fanatikern und Pädophilen keine kostenlose Plattform bieten sollten, um ihre Ansichten zu verbreiten und ihre Opfer zu erreichen."

Von den Tech-Konzernen werde nicht erwartet, die Grenzen der Meinungsfreiheit innerhalb der Gesellschaft festzulegen, so Cohen. Sie sollten lediglich Verantwortung für ihre Plattformen übernehmen. "Wenn ein Neonazi im Stechschritt in ein Restaurant kommt und anfängt, andere Kunden zu bedrohen und sagt, dass er Juden töten will, würde der Besitzer des Restaurants dann verpflichtet sein, ihm ein elegantes Acht-Gänge-Menü anzubieten?", fragte Cohen. "Natürlich nicht!"

Kritik an Facebooks Anzeigenpolitik

Es sollte nicht der einzige Nazibezug bleiben. Cohen kritisierte auch, dass über Facebook und Google Webinhalte abrufbar seien, in denen der Holocaust geleugnet wird. Ebenso nahm sich Cohen Facebooks umstrittene Ankündigung vor, Anzeigen mit politischen Inhalten grundsätzlich nicht von den Faktencheck-Partnern des Netzwerks prüfen zu lassen. "Nach dieser verdrehten Logik hätte Facebook - wenn es in den Dreißigerjahren schon existiert hätte - Hitler erlaubt, 30-Sekunden-Werbung für seine 'Lösung' des 'jüdischen Problems' zu schalten", kommentierte Cohen dazu.

In seiner Rede ging Cohen mehrfach auch auf seine eigenen, mitunter umstrittenen Rollenwechsel der vergangen Jahre ein, mit denen er zum Beispiel Politiker hinters Licht führte und öffentlich bloßstellte. Seine Rolle Borat von 2006 nannte Cohen den "ersten Fake-News-Journalist". Rollen wie Borat hätten aber den Zweck gehabt, "Leute dazu zu bringen, ihre Deckung fallen zu lassen", erklärte Cohen, "und zu enthüllen, was sie tatsächlich glauben, einschließlich ihrer eigenen Vorurteile". Er sei sein Leben lang leidenschaftlich daran interessiert, Bigotterie und Intoleranz herauszufordern.

Cohens komplette Rede lässt sich auf der ADL-Website nachlesen.


Update, 24. November: In einer Stellungnahme von Facebook zum Auftritt betont das Unternehmen, Cohen habe die Richtlinien seines Netzwerks "falsch dargestellt". "Hassreden sind auf unserer Plattform verboten", heißt es in der Stellungnahme. Man verbanne Menschen, die sich für Gewalt einsetzen, von der Plattform, genau wie jeden, der solches Verhalten lobe oder unterstütze. "Niemand - das gilt auch für Politiker - darf auf Facebook Hass, Gewalt oder Massenmord bewerben oder dafür eintreten."

mbö



insgesamt 43 Beiträge
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Seite 1
charlybird 23.11.2019
1. Ich bin schon länger dafür,
dass man die Sozialen Netzwerke, wesentlich kritischer unter Beschlag nehmen sollte, als das bisher geschah. Sie sind in der Tat eine Bedrohung für Demokratie und Meinungsfreiheit, denn Manipulation ist hier der nächste gefährliche Schritt und kapitalkräftige Menschen und Institutionen haben da auch schon Gebrauch von gemacht. Die Mündigkeit der Bürger*Innen in allen Ehren, aber schließen wir bitte auch deren Naivität nicht aus. Ich sehe diese Plattformen auch mit dafür verantwortlich, dass die Verrohung der Gesellschaft drastisch zugenommen hat. Leider ist den meisten digitalfremden Politikern und Juristen dieses Sichtweise fremd, schon allein, weil die meisten den Computer nur als Schreibmaschine und das Handy als Nachrichtenticker nutzen.
-su- 23.11.2019
2.
Ist das der, der für Borat Sinti und Roma öffentlicht vorgeführt hat?
panzerknacker 51 23.11.2019
3. der Borat?
Der soll sich erstmal einen anständigen Badeanzug kaufen.
fehlix 23.11.2019
4. Jaja
lieber Spiegel, aber weiterhin diese Platformen propagieren indem überall like buttons platziert werden, mit Facebook login verknüpfen, fleissig Tracker laufen lassen. Und das obwohl zahlender Kunde. Das ändert zwar nix an den Tatsachen, aber man könnte ja mal mit gutem Beispiel vorangehen ("wenn sie zahlen behelligen wir Sie auch nicht mit dem Unfug").
Sensør 23.11.2019
5. Das passt ja!
Ich mag Facefook nicht, und ich mag diesen respektlosen Typen nicht. Muss man sich beides nicht ansehen.
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