Cyberwar-Gefahr Unsere verwundbare Gesellschaft

Ohne Computer geht nichts mehr - doch was passiert, wenn sie plötzlich ausfallen? Auf den digitalen Ernstfall sind wir kaum vorbereitet, im Gegenteil: Unsere IT-Systeme stecken voller fehlerhafter Codes. Hacker und militärische Angreifer haben es damit leicht, die Gefahr eines Cyberwar ist real.
Von Sandro Gaycken
Stormtrooper-Helm aus "Star Wars": Bedrohung durch Versagen

Stormtrooper-Helm aus "Star Wars": Bedrohung durch Versagen

Foto: Graeme Robertson/ Getty Images

Wir sind der IT ins Netz gegangen: Auf der ganzen Welt haben sich Gesellschaften in die Abhängigkeit von einer zutiefst unsicheren Technologie treiben lassen. Ein fulminanter Nachteil, der jedoch erst jetzt langsam bemerkt wird: eine überaus ernstzunehmende Bedrohung, die aus der ungünstigen Verquickung von Abhängigkeit und Angreifbarkeit erwächst. Das Opfer ist nicht nur enorm verwundbar, sondern darüber hinaus auch noch gefesselt. Diese Kombination ist für Angreifer aller Art so richtig interessant. Ein besonders besorgniserregender Angreifer ist dabei feindliches Militär.

Denn die Militärs verfügen in der Regel über sehr viele Ressourcen, sehr gutes Know-how und sehr breitgefächerte wie tiefgreifende Interessen. Oder genauer gesagt, tun dies die Staaten, denen die Militärs unterstehen. Hat man also seine gesamte Gesellschaft auf einer vollkommen angreifbaren Technologie erbaut und zudem einen Staat als potentiellen Gegner, ergibt das in Summe ein großes wie naheliegendes Problem: den Cyberwar. Dabei attackieren sich Staaten nicht mehr auf den traditionellen Schlachtfeldern, sondern greifen die IT des Gegners an. Ein solcher Angriff kann eine "informatisierte" Gesellschaft bis ins Mark treffen.

Für alle ermöglichten individuellen, wirtschaftlichen oder gesellschaftlichen Prozesse ist die IT längst eine notwendige Bedingung geworden. Die Angriffsfläche bei einem Cyberwar ist also groß - und ein Angriff ist (wie für IT typisch) auch sehr effektiv. Nicht nur im Moment des Angriffs, sondern auch lange darüber hinaus. Hier kommt die freiwillige Abhängigkeit von IT ins Spiel. Es steht nämlich fast keine Ersatztechnik mehr zur Verfügung, und die Fähigkeiten zur Bearbeitung der Prozesse ohne IT sind ebenfalls verloren gegangen, da sie nicht mehr benötigt werden.

Wie sollen in einer gehackten und lahmgelegten Produktionsstraße noch Autos gebaut werden? Und an den Ausfall der IT an der Börse möchte man gar nicht erst denken. Wir befinden uns zwar noch nicht lange im Informationszeitalter, aber es wäre bereits jetzt sehr teuer und umständlich, sich wieder von all der bereits verbauten und vernetzten IT zu befreien. Von Versuch kann hier leider nicht mehr die Rede sein. Sie ist inzwischen - danke, Fortschrittswahn - einfach schon zu tief in unsere gesellschaftlichen, politischen und wirtschaftlichen Strukturen eingedrungen.

Manipulierbare Maschinen für kritische Prozesse

Die Technikforschung nennt dies eine "Pfadabhängigkeit". Man müsste nämlich nicht nur die IT zurückbauen, sondern auch fast alles drumherum. Denn eine sichere IT wäre eine grundlegend andere IT - weniger komplex und weniger vernetzt. Maschinen wie Produktionsstraßen, die auf die Steuerung durch die unsichere IT hin gestaltet wurden, müssten von Grund auf neu entwickelt werden. Prozesse wie der automatisierte Börsenhandel, die auf die unsichere hohe Geschwindigkeit und die Omnifunktionalität der IT vertrauten, müssten "entschleunigt" und neu organisiert werden. Vielerorts müsste wieder Personal eingestellt werden, weil besonders kritische Prozesse grundsätzlich nicht in die Hände manipulierbarer Maschinen gehören.

Das mag alles ein wenig nach fortschrittsfeindlichen Unkenrufen klingen, und natürlich sind IT-gestützte Prozesse dahingehend stabil und ausgereift, dass ein rein technisches Versagen nahezu ausgeschlossen werden kann - die "Unfallsicherheit" ist also durchaus gegeben. Daneben gibt es aber immer auch die "Angriffssicherheit". Dies ist eine ganz andere Sicherheit, denn hier geht es nicht um eine Bedrohung durch Versagen, sondern durch einen Angreifer.

Diese Art der Unsicherheit sollte uns Kopfzerbrechen bereiten und muss abgebaut werden, und von dieser Unsicherheit geht die große Gefahr für die Informationsgesellschaft aus. Hier versagt unsere etablierte, hochvernetzte Informationstechnik nämlich gänzlich: Sie ist nicht "angriffssicher".

Doch wie kann das sein? Wenn die Ingenieure und Computerwissenschaftler in der Lage sind, so komplexe und hochentwickelte Systeme zu schaffen, dann müssten sie doch auch in der Lage sein, einen entsprechenden Sicherungsmechanismus zu entwickeln? Doch genau in der Komplexität und in der hohen Entwicklung liegen die Probleme. Denn gerade bei komplexer, hoher Entwicklung können die Ingenieure Fehler machen, bieten sich unbekannte Nutzungsvarianten, und häufig sind solche Programmierfehler beziehungsweise Sicherheitslücken ein Einfallstor für Hacker.

Es geht um schnellen Profit, nicht um Sicherheit

Es gibt viele dieser Einfallstore, die man zu schließen hätte. Und dabei kommen nun noch einige Zusatzschwierigkeiten ins Spiel. Es ist nämlich gar nicht so umfassend bekannt, was eine Sicherheitslücke ist. Mit schöner Regelmäßigkeit tauchen immer neue, vollkommen unbekannte Angriffsvarianten auf, die vor allem eine Überprüfung nach vorgefassten Schemata gar nicht erfassen kann - und wie sollte man solch gigantische Software anders prüfen als "schematisch"? Jede Zeile einzeln "von Hand"? Bestimmt nicht. Doch tendieren solche Schemata-basierten Prüfungen zu falschen Einschätzungen, und es werden dabei nicht selten sogar Angriffsoptionen in einer Software hineininterpretiert, wo eigentlich nur ganz normale und unproblematische Funktionen sitzen.

Neben den unzähligen Möglichkeiten, einen Programmierfehler zu machen, und der gleichzeitigen Unmöglichkeit, diese gigantischen Mengen an Code vollständig zu überprüfen, kommt schließlich sogar noch ein drittes Problem dazu - ein regelrechtes Killerproblem: Da der Bedarf nach neuen Features, neuen Funktionen und Spielzeugen am Markt wesentlich größer ist als der Bedarf nach Sicherheit, werden mit wesentlich größeren Geschwindigkeiten neue Programme und Gadgets entwickelt, als jemals überprüft werden können.

Während also an einer Stelle 100 Zeilen Code auf Fehler und Sicherheit überprüft werden, werden an einer anderen Stelle 10.000 Zeilen ungeprüfter Code neu geschrieben. Ein Produkt bringt mehr Profit, wenn es seine Basisfunktionen erfüllt und schnell am Markt ist. Sicherheit war bislang immer ein zeitaufwendiges, ungewolltes und zu vernachlässigendes Feature. Gerade dieser Umstand führt auch dazu, dass die IT-Sicherheit (trotz deutlich verstärkten Bemühungen in Wissenschaft und Industrie) seit Jahren kontinuierlich sinkt statt steigt.

Das ist unsere Ausgangslage: Wir haben eine IT, von der wir bis in die kleinste Verästelung unserer Gesellschaft abhängig sind und die zudem grundsätzlich unsicher und unbeherrschbar ist. Wir wollen die IT sogar in genau dieser unbeherrschbaren Form. Denn bei unserem aktuellen, verschwenderischen Gebrauch von Features, Apps und Add-ons können wir nicht einfach umschalten auf eine sichere IT, die geprüft ist und laufend überwacht werden kann, dafür aber eben nur aus einigen tausend Zeilen Code besteht statt aus einigen Millionen.

Gekürzter Auszug aus dem neu erschienenen Buch "Cyberwar. Das Wettrüsten hat längst begonnen ", erschienen bei Goldmann.