Sascha Lobo

Soziale Medien Das Arschlochproblem der sozialen Medien

Belästigung, Hass, Fake News: Der Zustand der sozialen Medien ist katastrophal. Die Probleme sitzen tief - die Unternehmer haben sich mehr um ihre Geschäftsmodelle, die Politiker um Digitalesoterik gekümmert.
Twitter-Chef Jack Dorsey

Twitter-Chef Jack Dorsey

Foto: Anushree Fadnavis/ REUTERS

2019 wird ein Jahr der Häutung für soziale Medien. Es ist nur noch unklar, ob sie sich häuten oder ob sie gehäutet werden. Politische Manipulation  via Social Media ist zur Normalität geworden, Belästigung von Frauen  und Hass insgesamt ist in sozialen Medien Alltag. Der Stand sozialer Medien im Jahr 2018 ist, vorsichtig gesagt, unschön - ach Quatsch: katastrophal. Immerhin: Die Probleme sind inzwischen so groß, so unleugbar und vor allem so öffentlich geworden, dass Konsequenzen gezogen werden. Deshalb versuche ich hier, drei Dimensionen sozialer Medien für 2019 zu erörtern.

Das Arschlochproblem von Social Media

Damit ist weniger gemeint, dass es Arschlöcher in sozialen Medien gibt - sondern dass eine erstaunlich hohe Zahl von ihnen soziale Medien führt. Twitter-Chef Jack Dorsey trägt das Krönchen derzeit, er hat es sich ehrlich erkämpft. Anfang Dezember machte er einen Meditiationsurlaub in Myanmar, hob die großartige Schönheit des Landes hervor und erklärte sein großes Ziel dabei: "Wie schaffe ich es, nicht mehr zu leiden?" In Myanmar  findet nach Ansicht von Uno-Ermittlern ein Völkermord statt, besonders befeuert durch Hetze und Fake News in sozialen Medien. An einem solchen Ort die Frage nach dem eigenen Leiden zu stellen, das ist selbst für Silicon-Valley-Verhältnisse eine Spur zynisch.

Und Sheryl Sandberg, Chief Operating Officer von Facebook, hat im Skandal um die Diffamierung von Facebook-Kritikern erst nach wochenlangem Lügen eingestanden, von einem Auftrag  an eine berüchtigte PR-Firma gewusst zu haben.

Aber natürlich taugen diese Episoden nur als Symbole eines tief sitzenden Problems: Die führenden Figuren sozialer Medien haben sich über Jahre vor allem um die Optimierung des Geschäftsmodells gekümmert. Ungünstige Wirkungen und Nebenwirkungen wurden entweder als kosmetische Probleme betrachtet oder verschwiegen, ignoriert, schöngelogen. Und zwar auch dann noch, als öffentlich längst Fehler eingestanden wurden, Besserung gelobt wurde.

Immer wieder werden Beweise für die Skrupellosigkeit der Geschäftsführungen von Facebook über Twitter bis Snapchat bekannt. Von den russischen und chinesischen Social Networks ganz zu schweigen, die ohnehin als Handlanger ihrer jeweiligen autoritären Staatsführungen betrachtet werden müssen. Der Kapitalismus hat zwar traditionell kaum Probleme mit Arschlöchern - aber wenn deren Handeln den Börsenwert schmälert, dann erhöht sich der Druck massiv. Leider folgt diesem ökonomischen Druck nicht automatisch eine gesellschaftlich sinnvolle Lösung der Probleme, weshalb die Politik gefragt ist. Aber ach.

Die digitalesoterische Fehlregulierungsmaschine

Die europäische und die deutsche Politik haben bisher nur wenige sinnvolle Perspektiven auf die digitale Sphäre entwickeln können. Das Prinzip Plattform samt ökonomischer und sozialer Folgen wurde politisch kaum durchdrungen. Tech-Nationalismus gilt nicht nur als akzeptabel, sondern oft als wünschenswert. Und wie man Digitalkonzerne richtig regulieren könnte, ist nach wie vor unklar. Keine guten Voraussetzungen, um die gesellschaftlichen Probleme mit sozialen Medien politisch in den Griff zu bekommen.

Wenn man von der Qualität der politischen Debatte ausgeht, dann bewies die Diskussion über Social Bots , dass die Politik sich zur Fehlregulierungsmaschine zu entwickeln droht. Quer durch die Parteien waren die meisten politischen Äußerungen zu Social Bots schiere Digitalesoterik: Unbelastet von Fachwissen werden Probleme anhand von Stichworten herbeivermutet. Aberglauben mischt sich mit Bauchgefühl und wird ergänzt um den trumphaften Lösungsklassiker "Ist doch alles ganz einfach!!!" Anschließend fordern mächtige Laienmünder, was ohnmächtige Laienohren hören wollen könnten. Im ungünstigen Fall kommt am Ende ein schlechter Kompromiss für eine nicht funktionierende Lösung eines nicht existierenden Problems heraus. Und dann wird ein Grenzwert für die Schwermetallbelastung im Zaumzeug minderjähriger Einhörner als politischer Durchbruch gefeiert.

Anhand konkreter Äußerungen mächtiger Figuren steht zu befürchten, dass sowohl Anonymität und Pseudonymität in sozialen Medien politisch angegriffen werden wie auch das unverstandene Halb-Problem der Social Bots Gesetzesfolgen haben dürfte. Es gibt zwar Social Bots, aber die medienwirksam oft unterstellte Wirkung  existiert so nicht. Die digitalesoterische Fehlregulierungsmaschine aber wird vermutlich nicht ruhen, bis deutsche Bots vorschriftsmäßig beleuchtet, mit Nummernschildern sowie Versicherungsplakette herumbotten dürfen. Ich wünschte, es wäre ein Scherz.

Und leider liegt es nicht nur an fehlendem Know-how, denn in allen demokratischen Parteien in Deutschland ist inzwischen teilweise exzellente Expertise vorhanden. Sie kann sich bloß zu selten durchsetzen, weil bis zum heutigen Tag in den höchsten Entscheidungsebenen der deutschen Politik die digitale Realität als Verhandlungsmasse gilt. Wo man glaubt, mit der messbaren Wirklichkeit über ihre Existenz streiten zu können. Ich warte auf den Tag, wo politisch gefordert wird, es dürfe - wider Schwarz-Weiß-Denken! - in der digitalen Welt nicht länger nur Null und Eins geben, man müsse endlich auch über die Pflicht zu Grauwerten wie 0,5 nachdenken.

Dabei gibt es auch ohne Digitalesoterik enormen Handlungsbedarf - denn die Politik bleibt die wichtigste Instanz für die dringend notwendige, wirksame Regulierung sozialer Medien. Stärker als je zuvor ist der Einfluss des Internets auf die Gesellschaften weltweit. Nur geschieht das meist anders als gedacht.

Die falsche Filterblasen-Frage

Denn regelmäßig zerschellen bisherige, auch unter Experten verbreitete Annahmen über das Wesen der digitalen Gesellschaft. Warnungen vor der schädlichen Wirkung der "Filterblase" zum Beispiel sind allgegenwärtig und werden von Privatpersonen, Medien und der Politik nachgeplappert.

Das Konzept stammt ursprünglich aus einem Buch von 2011, aber inzwischen haben sich Begriff und Debatte bis ins Absurde hinein verselbstständigt und zeichnen "Algorithmen" als Grundübel der digitalen Gesellschaft, weil: Filterblase. Dabei, wird mit bedrohlichem Unterton geraunt, "sieht man nur noch die eigene Meinung". Wer das sagt, ist entweder wahrnehmungsavers oder nicht in sozialen Medien unterwegs.

Mir ist kein soziales Medium bekannt, das bei normaler, politisch interessierter Nutzung zu wenig Kontroverse hervorbringt. Im Gegenteil ist es schwierig geworden, auch nur entfernt politisch verstehbare Äußerungen zu treffen, ohne teilweise heftigen Widerspruch zu ernten. Es erscheint schwer glaubhaft, dass riesige Menschenmengen das Jahr 2018 in einer zu harmonischen Social-Media-Umgebung verbracht haben sollen.

Es gibt zwar das Phänomen Filterblase, aber es ist komplexer und uneindeutiger als meist beschworen, es muss zum Beispiel auch als Schutzraum und produktiver Diskussionsraum verstanden werden. Und gleichzeitig transportiert man mit der herkömmlichen Warnung vor der Filterblase die Annahme, dass die Konfrontation mit gegnerischen Meinungen in sozialen Medien zu einer besseren, weniger polarisierten Gesellschaft führe. Irgendwie.

Ein amerikanisches Forscherteam hat dieser impliziten Überzeugung der Filterblasen-Mahner einen empfindlichen Dämpfer versetzt. Im August 2018 veröffentlichten sie eine Studie, nach der die Polarisierung  deutlich zuzunehmen scheint, wenn man in sozialen Medien gegnerischen Meinungen ausgesetzt ist. Bei Konservativen und Rechten scheint der Effekt stärker als bei Linken und Liberalen. Woher auch immer die Annahme einer fruchtvollen Debatte über die politischen Lager hinweg stammt - in sozialen Medien ist sie die Ausnahme. Die Filterblase zum Platzen zu bringen! Das hört sich an wie eine tolle Lösung der Probleme mit sozialen Medien - aber ist letztlich magisches Denken abseits der Social-Media-Realität.

Und so schliddern wir ins Jahr 2019, soziale Medien beherrschen die digitale Öffentlichkeit. Um die vielen schönen, jeden Tag erfahrbaren Social-Media-Inseln liegt ein Meer an Dysfunktionalität, Manipulierbarkeit und Unverstandenheit.