Entstehung eines modernen Gefühls Weltschmerz 2.1

Woche für Woche kommentiert unser Kolumnist Sascha Lobo das Weltgeschehen aus digitaler Perspektive. Je länger er schreibt, desto größer wird sein Gefühl, die Welt sei aus den Fugen geraten. Nun möchte er wissen: Kennen Sie das auch?

Anti-Brexit-Demonstrant beim Aufblasen von Ballons in London
AFP

Anti-Brexit-Demonstrant beim Aufblasen von Ballons in London


Brexit, Klimakatastrophe, Trump ja sowieso - immerhin wissen wir jetzt, was es mit diesem alten chinesischen Fluch auf sich hat: "Mögest Du in interessanten Zeiten leben". Ein altes deutsches Wort dagegen ist "Weltschmerz", präzise definiert im Wörterbuch der Brüder Grimm, es handelt sich um eine tiefe Traurigkeit über die Unzulänglichkeit der Welt.

Hier meine deutsch-chinesische Kombination: Wir leben in Zeiten des höchst interessanten Weltschmerzes. Diesem Phänomen habe ich einen eigenen Namen gegeben, Realitätsschock, und ein Buch darüber geschrieben. Es handelt sich um eine fast zwingende Folge meiner seit fast neun Jahren erscheinenden Kolumne hier auf SPIEGEL ONLINE, in der ich über die Welt aus digitaler Perspektive schreibe.

Ich verfüge über den Luxus, vergleichsweise viel Zeit in einen einzelnen Text investieren zu können. Das ist zugleich ein Fluch. Denn je tiefer und genauer man in Weltzusammenhänge hineinschaut, desto größer die Chance, dass man Verstörendes, Beängstigendes, Erschütterndes entdeckt. Es gibt die Ansicht, dass die Angst abnimmt, wenn man sich intensiver mit einem Thema beschäftigt. Beim Thema Gegenwart scheint mir das eher andersherum zu sein. Ein Realitätsschock ist die plötzliche, oft schmerzhafte Erkenntnis, dass die Welt anders ist als gedacht oder erhofft.

Wenn Sie das wussten, warum haben Sie nichts getan oder gesagt?

Natürlich springen jetzt wieder Männer (ja, fast immer Männer) aus dem digitalen Gebüsch, diese Leute, die hinterher schon alles vorher wussten. Meine Frage an solche Menschen wäre simpel: Wenn Sie schon vorher wussten, dass Fake News auf Facebook in Myanmar mitverantwortlich sind für einen Völkermord, warum haben Sie nichts gesagt oder getan? Denn das ist die Preisklasse, von der wir sprechen müssen. Oder generell darüber, dass soziale Medien die Welt in einer Weise verändert haben, die bisher kaum jemand durchdringt.

Wenn der Weg zu meinem Buch meine SPIEGEL-ONLINE-Kolumnen waren, dann war der Ausgangspunkt irgendwann zwischen Herbst 2014 und Sommer 2015. Ende 2014 entstand das Online-Offline-Phänomen Pegida, das in Deutschland den Rechtsruck maßgeblich mitgeprägt hat. Dann der mörderische, islamistische Anschlag in Paris im Januar. Mitte 2015 war bekanntlich die Zeit der größten Flüchtlingsbewegung, die Deutschland und Europa in diesem Jahrtausend gesehen haben. Bisher.

Wie ein Stakkato der tiefgreifenden Weltgeschehnisse folgten weitere islamistische Mordattentate in Paris, Brüssel und Berlin, dazwischen Brexit und Trump-Wahl, umrahmt von weiteren Schritten eines gewalttätigen Rechtsrucks, einem Erstarken des Antisemitismus. Jede und jeder kann diese Aufzählungen persönlich ergänzen, die deutlich spürbaren Erschütterungen haben ganz zweifellos zugenommen.

In vielen Gesprächen hat sich bestätigt, dass ich nicht allein bin mit dem Gefühl, die Welt sei irgendwie aus den Fugen geraten oder gar "verrückt" geworden. Auch meine sehr intensive Beschäftigung mit den übrigens recht oft klugen, interessanten und differenzierten Kommentaren auf SPIEGEL ONLINE hat diesen Eindruck verfestigt.

Preisabfragezeitpunkt:
12.09.2019, 11:24 Uhr
Ohne Gewähr

ANZEIGE

Sascha Lobo
Realitätsschock: Zehn Lehren aus der Gegenwart

Verlag:
Kiepenheuer&Witsch
Seiten:
400
Preis:
EUR 22,00

Wir haben oft ein veraltetes Bild der Welt

Schließlich habe ich ein Muster gefunden: Viele heutige Probleme lassen sich darauf zurückführen, dass wir in den westlichen Industrieländern ein falsches, oft veraltetes Bild der Welt haben, ob naive Wunschbilder oder groteske Horrorszenarien, es bleiben doch Trugbilder. Wir versuchen immer und immer wieder, mit den Instrumenten des 20. Jahrhunderts die Krisen des 21. Jahrhunderts zu meistern.

Hinter vielen stecken letztlich Digitalisierung und Globalisierung, die mit ihrer ungeheuren Beschleunigung, aber auch völlig neuen Effekten die Welt verwandelt haben, ohne dass wir diesen Umstand ausreichend berücksichtigen. Es hat sich irgendetwas sogar sehr, sehr stark verändert. Selbst Friedrich Merz, ein Mann, der aus purem 20. Jahrhundert besteht, sagt: "Soziale Medien tragen zur politischen Meinungsbildung mehr bei als Parlamentsdebatten." Er sagt nicht dazu, dass und wie sich naheliegenderweise dann auch Politik ändern muss.

Was mir leider auch nicht selten begegnet ist, war Coolness. Coolness halte ich für eine zutiefst reaktionäre Pose, so zu tun, als sei man maximal abgeklärt im Angesicht einer Bedrohung. Das ist aus meiner Sicht meist ein Abwehr-Reflex von denjenigen, die nicht stark genug sind, sich mit ihren Ängsten und Unsicherheiten auseinanderzusetzen und Fehleinschätzungen oder Überraschtheit einzugestehen.

Es ist nicht alles rechts - auch linke Debatten haben blinde Flecken

Ja, ich - ich ganz persönlich - bin in den letzten vier, fünf Jahren öfter überrascht worden. Von der Intensität und Geschwindigkeit des Klimawandels und dass er hier in Deutschland bereits so deutlich spürbar wird. Davon, wie fragil liberale Demokratien offenbar sind. Wie leicht große Menschenmassen auch mit digitalen Instrumenten radikalisierbar sind - über 40.000 meist junge Menschen aus aller Welt sind zum "Islamischen Staat" gefahren.

Natürlich werden nicht alle Lesenden von allen Aspekten gleichermaßen überrascht sein, viele Profis und manche informierte Laien werden sich eher bestätigt fühlen in den Dingen, die sie schon lange wissen. Aber ich glaube nicht, dass sehr viele Leute den unfassbaren digitalen Aufstieg Chinas ebenso spielend durchdrungen haben wie den kommenden Wandel der Gesundheit. Oder die zu selten diskutierte Tatsache, dass Migration heute ein zutiefst digitales Phänomen ist, das auch als Spätfolge des ebenso zu selten diskutierten Kolonialismus betrachtet werden muss.

Meine Position, daran lasse ich selten Zweifel, ist eine linksliberaldemokratische - aber es ist keinesfalls so, dass Realitätsschocks sämtlich rechtsdrehend sind. Es gibt auch eine ganze Reihe von blinden Flecken in linken Debatten und Politiken, wo man sich mit dem Unangenehmen einfach lieber nicht beschäftigen will und irgendwann vor einem Scherbenhaufen steht.

Es fehlt eine nichtrassistische Islamkritik

Rund um die Integration in Deutschland und Europa zum Beispiel, die ich für bisher gescheitert halte. Was angesichts von rund einer Million Menschen, die hierzulande neu integriert werden müssen, zu einem noch größeren Problem werden kann als ohnehin schon. Ebenso vermisse ich schmerzlich eine nichtrassistische Islamismus-, aber auch Islamkritik. Während von rechts die Generalabwertung der simple und menschenfeindliche Standard ist, weichen Linke gern den Fragen aus, die bei ihnen innere Konflikte auslösen. Welchen Wert der liberalen Demokratie setzen wir höher an: Respekt vor der Lebenspraxis anderer Kulturen oder Durchsetzung von Frauen- oder LGBTIQ-Rechten?

Wenn ich auf die komplexe Gegenwart schaue, wünsche ich mir eine Neubewertung der Lage in vielen Bereichen. Ich versuche, meinen interessanten Weltschmerz zu bewältigen - leider ohne nebenberuflich ein paar Generallösungen für Weltprobleme erarbeitet zu haben.

Vielmehr beobachte ich auch in der Politik eine verstörend große Hilflosigkeit im Angesicht des massiven Weltenwandels. Hier wird vielleicht auch mit am deutlichsten, wie die Konfliktlinien zwischen 20. und 21. Jahrhundert verlaufen. Ein Beispiel: Die Kanzlerinnenpartei CDU hätte im Mai dieses Jahres auf einen vielgelesenen und -besprochenen, kritischen Leitartikel in einer Zeitung wahrscheinlich souverän reagiert. Bekanntes Terrain. Ein vielgesehenes und -besprochenes YouTube-Video von Rezo dagegen hat zu einer maximal hilflosen und unsicheren Reaktion geführt. Die CDU war ganz offensichtlich überrascht. Sie sah sich plötzlich einem neuen, unerwartet machtvollen Phänomen gegenüber, auf das sie nicht nicht reagieren konnte. Sie erlebte gewissermaßen ihren eigenen Realitätsschock.

Und was ist Ihr Realitätsschock? Diskutieren Sie dazu unter diesem Text im Forum, Sascha Lobo wird sich an der Diskussion beteiligen.



insgesamt 85 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
felisconcolor 12.09.2019
1. Ganz so
pessimistisch möchte ich es nicht sehen. Die Welt an sich dreht sich einfach weiter. Nur die Knallköpfe (die es eigentlich schon immer gab) sind etwas lauter und heftiger geworden und treten dadurch und durch die digitale Welt schneller und öffentlichkeitswirksamer in Erscheinung. Was allerdings fehlt ist der Ausgleich. Und gerade Europa hätte hier gute Chancen mal Kante zu zeigen. und da sollte es egal sein ob ein Herr Trump rum spinnt, ein Herr Putin mit einem Großrussland liebäugelt oder ein brasilianischer Präsident seinen Urwald abfackelt. Wir machen uns damit kleiner als wir sind. Ein klares Nein mit entsprechenden Folgen holt manchen Deppen auch wieder zurück auf den Teppich. Da sollten wir keine Tabus haben. Ansonsten halte ich es mit meinem Lieblingsglückskeksspruch: Sei lieber ein Optimist und ein Trottel als ein Pessimist der Recht hat. Also Kopf hoch Sascha alles halb so wild.
Margaretefan 12.09.2019
2. Echt jetzt?
Ein ganzer Artikel, bei dem es unterm Strich nur um Werbung für ein Buch geht, wow...
langowicz 12.09.2019
3. Hysterie
Ich störe mich sehr daran, dass jedes Thema mit einer gewissen Hysterie und Ideologie behandelt wird. Auch hier im Spon Forum. Und da bin ich anderer Meinung als Sascha Lobo. Ich denke etwas Coolness und Gelassenheit bei gleichzeitiger Arbeit an den Themen täte uns allen und insbesondere der Politik sehr gut. Bsp.: Zeitarbeit. Nächstes Jahr soll das Arbeitnehmerüberlassungsgesetz (betrifft rund 1. Mio. Beschäftigte) vom Bundestag neu bewertet werden. Mit Linken, Grünen, AfD und Teilen der SPD gäbe es eine knappe Mehrheit gegen Zeitarbeit. Aber durch besagte Hysterie ist die AfD mehr oder weniger isoliert, gleichzeitig legt die AfD keinen Wert darauf mit anderen Fraktionen zusammenzuarbeiten und so ist die besagte Mehrheit gegen Zeitarbeit unmöglich. Ich persönlich lehne das Weltbild der AfD ab. ABER es muss einen gemeinsamen Gesprächskanal geben, um bei gemeinsamen Zielen, Arbeits- und Mehrheitsfähig zu sein. Das ist wichtig für unsere Demokratie und unsere Gesellschaft. Denn wenn linke und rechte Gemeinsamkeiten bei einzelnen Themen erkennen, die es absolut gibt, schüttet das auch etwas die Gräben zu und wirkt einer Spaltung der Gesellschaft entgegen.
rocklobster68 12.09.2019
4. Weltschmerz 4.0
Angesichts des omnipräsenten Wahnsinns und der grenzenlosen Gier, Dummheit und Ignoranz der Menschheit bin ich schon bei Weltschmerz 4.0 angekommen. Spätestens seit der Regenwald in Brasilien nun wohl komplett abgefackelt wird, habe ich keine Hoffnung mehr. Keine Illusionen. Nicht einmal mehr Träume. Nur noch Albträume. Dennoch werde ich heute noch ein Apfelbäumchen pflanzen...
Sascha Lobo 12.09.2019
5. Pessimismus
Zitat von felisconcolorpessimistisch möchte ich es nicht sehen. Die Welt an sich dreht sich einfach weiter. Nur die Knallköpfe (die es eigentlich schon immer gab) sind etwas lauter und heftiger geworden und treten dadurch und durch die digitale Welt schneller und öffentlichkeitswirksamer in Erscheinung. Was allerdings fehlt ist der Ausgleich. Und gerade Europa hätte hier gute Chancen mal Kante zu zeigen. und da sollte es egal sein ob ein Herr Trump rum spinnt, ein Herr Putin mit einem Großrussland liebäugelt oder ein brasilianischer Präsident seinen Urwald abfackelt. Wir machen uns damit kleiner als wir sind. Ein klares Nein mit entsprechenden Folgen holt manchen Deppen auch wieder zurück auf den Teppich. Da sollten wir keine Tabus haben. Ansonsten halte ich es mit meinem Lieblingsglückskeksspruch: Sei lieber ein Optimist und ein Trottel als ein Pessimist der Recht hat. Also Kopf hoch Sascha alles halb so wild.
Also, als pessimistisch empfinde ich mich nicht. Im Gegenteil ist "Realitätsschock" auch ein Konzept, um Optimist zu bleiben –obwohl eine ganze Reihe von schwierig begreifbaren und bedrohlichen Dingen geschehen. Und "alles halb so wild", das ist mir ehrlich gesagt nicht ehrlich genug mit dem gegenwärtigen Zustand der Welt, Stichwort: Klimawandel. Greta sagt ja sogar, dass wir gefälligst Panik haben sollten, so weit würde ich nicht gehen, aber wenn man sich zu sehr selbst beruhigt, dann ist das nur ein Schrittchen entfernt vom Nichtstun. Und das wiederum finde ich inakzeptabel.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.