Sascha Lobo

Donald Trumps Monstrositäten Die Hornhaut auf unserem Demokratieempfinden

Sascha Lobo
Eine Kolumne von Sascha Lobo
US-Präsident Donald Trump überschreitet ständig Grenzen; Medien und Gesellschaft sind überfordert. Und so gewöhnen wir uns zunehmend an das, woran man sich nicht gewöhnen darf.
Donald Trump: Verlagerung in die Wunschwirklichkeit des Präsidenten

Donald Trump: Verlagerung in die Wunschwirklichkeit des Präsidenten

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Win McNamee/ Getty Images

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Mir wird - noch immer - regelmäßig übel, wenn ich eine bestimmte Sorte Schlagzeilen über Donald Trump lese. Weil ich in vielen Gesprächen erfahren habe, dass ich mit dieser Empfindung nicht allein bin, möchte ich der Übelkeit hinterherforschen. Ein aktuelles Beispiel: "Donald Trump lässt offen, ob er Wahlniederlage akzeptieren würde."

Der Satz basiert auf einem aufsehenerregenden Interview  mit Trumps "Haussender" Fox News, der mit wenigen Ausnahmen sendet, was der Präsident hören und sehen will. Erbärmlich erscheint mir übrigens schon, dass eine radikalisierte Lügen- und Propagandamaschine wie Rupert Murdochs Nachrichtensimulation standardmäßig in vielen seriösen Medien mit einem Euphemismus wie "Haussender" beschrieben wird . Aber bereits das ist ein Anzeichen, dass ein Teil der Medienlandschaft auch nach fast vier Jahren Trump-Präsidentschaft nicht die richtigen Worte findet.

Die obige Schlagzeile findet sich Hunderte Male im Netz , weil sie aus dem Medienangebot der größten deutschen Nachrichtenagentur stammt und deshalb halbautomatisch auf vielen Newsseiten und in Zeitungen ausgespielt beziehungsweise gedruckt wird. Millionen Menschen haben diesen Satz gesehen und ihn mutmaßlich so verarbeitet, wie man sich nachrichtlichen Überschriften nähert: mit einem Grundvertrauen, dass ein tatsächlicher Sachverhalt beschrieben wird.

Eine gewisse Skepsis bringen die meisten Leute mit, im Durchschnitt erscheinen mir viel mehr Menschen deutlich medienkompetenter, als oft von Abiturientendeutschland gespottet wird. Aber diese Skepsis ist - auch bei mir - eine ganz basale: Stimmt das? Oder eher nicht? Das greift leider zu kurz.

Es ist ein Trugsatz - und zwar ein besonders schlimmer

Das Problem und der Grund für meine Übelkeit liegt darin, dass der Satz zwar faktisch stimmt, aber in seiner Wirkung katastrophal ist. Es handelt sich also nicht um simple Fake News, sondern etwas anderes: "Donald Trump lässt offen, ob er Wahlniederlage akzeptieren würde" ist eine Sorte Schlagzeile, der ich den Namen "Trugsatz" geben möchte, analog zu Trugbild.

Trugsätze sind überprüfbar sachlich korrekt, aber stellen einen falschen, irreführenden oder irrelevanten Zusammenhang her. Dieser Trugsatz ist so schlimm, weil er eine Selbstverständlichkeit herstellt, die keine ist und auch keine sein darf: In einer Demokratie muss egal sein, ob eine Machtfigur eine Wahlniederlage akzeptiert oder nicht.

Das ist noch nicht einmal etwas, was man ernsthaft diskutieren kann, wenn man die liberale Demokratie als alternativlos betrachtet. "Michael Jordan lässt offen, ob er im Fall eines Sturzes die Schwerkraft akzeptieren würde", taugt bestenfalls als Witz.

Dass die Schlagzeile über Trump aber von ernsthaften Medienleuten als akzeptabel betrachtet wird, sagt viel über die Gewöhnung an Trumps antidemokratische, ich-fixierte Monstrositäten. Nicht bloß bei denen, die an den Nachrichtenschaltstellen sitzen, sondern auch über unsere gesamtgesellschaftliche Gewöhnung an das, woran man sich nicht gewöhnen darf: die ständige, zielgerichtete Grenzüberschreitung, die jedes Mal mit einer kleinen Verletzung einhergeht.

Trump piekst uns eine Hornhaut auf unser Demokratieempfinden, und ich halte das für Absicht. Deutschland spielt dabei natürlich keine wesentliche Rolle, aber wir nehmen hierzulande einen Abglanz der Trump-Strategie wahr, denn die präsidentschaftsentscheidende Öffentlichkeit in den USA funktioniert ähnlich. Das Prinzip Nachrichten ist in einigen Bereichen dysfunktional - und die Überschrift, von der mir übel wird, kündet davon. Der Trugsatz "Donald Trump lässt offen, ob er Wahlniederlage akzeptieren würde" stellt eine Scheinrealität her, in der es vermeintlich für die Wirksamkeit des Wahlergebnisses auf Trumps Zustimmung ankommt.

Es ist ein Satz aus genau der Welt, die sich Trump als selbstgefühlter König der USA zurechtlegt. Aber es gibt keine richtige Schlagzeile in der falschen Wirklichkeit. Wenn man sich in Trumps faschistoide Fantasiewelt begibt, kann man pausenlos rein faktisch korrekte, nachrichtliche, sogar leicht kritisch klingende Überschriften herstellen, die trotzdem das antidemokratische, lügenbasierte Propagandasystem Trump stützen. Sie funktionieren dann etwa über direkte oder indirekte Zitate.

Es sind also keine Einzelfälle, und auch wenn im Fließtext der Meldungen oft der gesamte Kontext beschrieben wird, entfalten die Überschriften eine Wirkung. Soziale Medien und ihre Verbreitungsmechanismen verstärken die Wirkmacht der Schlagzeile noch. Die menschliche Wahrnehmung stellt aus der Überschrift eine Art Linse her , mit der man auf den Rest des Textes oder des Videos schaut. Wenn man den überhaupt beachtet.

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Im Fall des aktuellen Trugsatzes wird das Publikum darauf fokussiert herauszufinden, warum Trump die Niederlage nicht akzeptieren würde oder wie es zu dieser Aussage gekommen ist. Dass die ganze Kategorie komplett falsch ist, ist nicht leicht zu bemerken, wenn man kein Sensorium dafür entwickelt. Und das wiederum ist nicht selbstverständlich, denn die Attacken der Marke Trump auf die Demokratie selbst sind nicht nur strukturell neu. Sie bedienen sich auch der neuen, sozialmedialen Öffentlichkeit, mit der Trump sogar ohne Fox News ein eigenes, von der Realität abgelöstes Wirklichkeitsangebot für seine Anhängerschaft herstellen kann.

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Die Übelkeit, die ich bei solchen Schlagzeilen verspüre, rührt aus einer Sorge: Dass die demokratierelevante Kontrolle der Mächtigen durch die Medien versagt. Noch deutlicher versagt als bereits erkennbar, der Umgang deutscher Medien mit Trump ähnelt in vielen Dimensionen dem der amerikanischen. Redaktionelle Medien funktionieren als Vermittler für einen eigentlich ziemlich diffusen, aber systemrelevanten Druck der Öffentlichkeit. Trump hat herausgefunden, wie man diesen Druck durch Ablenkung, Lügen, Schocknachrichten und Gegenangriffe so weit reduzieren kann, dass er zumindest zeitweise unwirksam wird.

Ein Teil dieser Strategie - die von den Trump-hörigen Republikanern und einigen Medien wie Fox News gestützt wird - ist aber, alle Diskussionen dorthin zu verlagern, wo sie für Trump am wenigsten Schaden haben: in die Wunschwirklichkeit des Präsidenten, in der er gar nicht verlieren kann. In der mit Worten normalisiert wird, was eigentlich das Ende der liberalen Demokratie bedeuten würde.

Die mediale Öffentlichkeit ist jetzt allesentscheidend

Dieser Mechanismus betrifft eben nicht nur die Vereinigten Staaten oder nur Trumps politische Richtung, sondern eben das Prinzip Nachrichten, auch in Deutschland. Es handelt sich um ein Fanal der Hilflosigkeit, die viel beschworene Kontrolle der Medien lässt sich offenbar leichter aushebeln als erhofft.

Anfang Juli 2020 haben der ehemalige US-Senator Timothy Wirth und der MSNBC-Gründer Tom Rogers in "Newsweek" skizziert , wie Donald Trump selbst im Fall einer Wahlniederlage Präsident bleiben könnte. Die Zutaten für diesen scheinlegalen Umsturz liegen bereits seit Monaten für alle erkennbar auf dem Tisch (vgl. Mensch-Maschine vom 3. Juni 2020). Die mediale Öffentlichkeit und ihr Druck sind dabei allesentscheidend.

Vor diesem Hintergrund sind Schlagzeilen, die Trumps Welt schlicht spiegeln und so jeden Druck vermeiden, ein sehr schlechtes Omen. Redaktionelle Medien sind das Immunsystem der Demokratie, und mir wird übel, weil ich sehe, wie sie mit solchen Attacken überfordert sind.

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