Sascha Lobo

Trump-Prognosen der Medien Eng und enger

Sascha Lobo
Eine Kolumne von Sascha Lobo
"Es wird eng" - mit dieser Floskel wird seit Jahren der Niedergang Donald Trumps herbeigeschrieben. Bekanntlich regiert er immer noch. Das Wunschdenken schadet ihm nicht. Den Medien aber.
Donald Trump vor einem Auftritt in Phoenix, Arizona

Donald Trump vor einem Auftritt in Phoenix, Arizona

Foto: Saul Loeb / AFP
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Es wird eng für Trump. Ein Satz wie Donnerhall, jedenfalls die ersten zwei, vielleicht drei Male, die man ihn zu hören gezwungen war. Es wird eng für Trump, das lässt sich noch ein wenig steigern, diesmal wird es wirklich eng für Trump. Es wird immer enger für Trump. Noch enger kann es für Trump nur werden, wenn er in das Engadin fährt.

Medial betrachtet ist die Enge irgendwann aufgebraucht. Gut, das Publikum hat im Durchschnitt kein besonders gutes Gedächtnis. Doch zum Glück gibt es Archive. Es war, wenn man deutschen Massenmedien glauben möchte, für Trump schon eng, bevor er überhaupt gewählt wurde.

8. Oktober 2016, "Bild"-Zeitung :
"Es wird eng für Trump" (Grund: "Grab them by the pussy"-Video)

15. Oktober 2016, DER SPIEGEL
"Es wird eng für Trump" (Grund: Fernsehduell missglückt)

17. Oktober 2016, "Tagesspiegel" :
"Es wird eng für Trump" (Grund: Umfragen)

Seit Jahren wird im Netz gescherzt, dass die Medien voll seien von trumpschen Engheitsfeststellungen. Sind sie offensichtlich auch, aber das Problem ist deutlich größer als eine mediale Phrase. Es geht nicht darum, dass Medienschaffende mal eine im Nachhinein nicht mehr ganz treffende Formulierung verwenden. Das passiert allen, die sich öffentlich äußern. Hinterher ist man immer viel klüger.

Aber das Interpretationsmuster "eng für Trump" ist inzwischen so dysfunktional, dass man es als Symptom dafür betrachten kann, was in klassischen Medien grundsätzlich schief zu laufen scheint. Die Behauptung, es werde eng für Trump, hat viele Geschwister: Trump gerät unter Druck, Trump ist am Ende, Trump droht die Amtsenthebung. Allen gemein ist, dass sie beim Publikum eine Erwartung erzeugen, die seit Jahren nicht aufgelöst wird. In keine Richtung. Trump ist immer noch da, und nur sehr selten erscheinen Artikel, die den früheren Standpunkt korrigieren oder unter Bezug auf eigene Aussagen neu bewerten. Die Headline "Für Trump wurde es, anders als wir erwartet haben, doch nicht eng", war bisher nicht zu lesen.

10. Mai 2017, "Neue Westfälische" 
"Wird (der Sonderermittler) eingesetzt, wird es eng für Trump."

18. Mai 2017, "Abendzeitung" 
"Konflikt mit Comey: Es wird eng für Trump"

22. Mai 2017, RTL.de 
"Es wird eng für Trump" (Grund: Sonderermittler Mueller untersucht Russland-Connection)

7. Juni 2017, "Wiener Zeitung" 
"Es könnte eng für Trump werden" (Grund: Senatsanhörung Comey)

Die Produktion von Nachrichten ist eine sehr prozessualisierte Angelegenheit, für alles gibt es festgelegte Abläufe, anders ließe sich der ständige Neuheitenstrom nicht verarbeiten. Die schöpferische Arbeit, immer wieder die richtigen Worte für Vorkommnisse und ihre Interpretation zu finden, hat in netzbeschleunigten Nachrichtentickerzeiten vergleichsweise wenig Raum.

Aber festgezurrte Prozesse drohen leicht zu Gewohnheiten und Ritualen zu gerinnen, erst recht in der Hektik. Dagegen kann man in Qualitätsmedien aktiv anarbeiten. In vielen Redaktionen wird das auch getan. Aber genau hier, wo nachrichtliche, neue Fakten schnell und im Akkord benannt, bewertet und einsortiert werden müssen, schälen sich zwei wesentliche Ursachen für die falsche Trump-Enge heraus:

1. Es ist immer Jetzt

Die heilige Maßgabe der Nachrichten ist naheliegenderweise die Aktualität. Deshalb sticht "Jetzt" immer. Alles andere ist Geschichte oder Prognose. Soziale Medien haben dabei einen interessanten Doppeleffekt auf Nachrichten gehabt. Einerseits bewirken sie mit ihrer Live- und Echtzeitfixierung eine regelrechte Verjetztung der Medien. Andererseits ist in sozialen Medien nicht (nur) aktuell, was gerade geschieht, sondern vor allem, was gerade oft geteilt wird, worüber viel gesprochen wird. Deshalb sind jahrealte Artikel und Geschehnisse plötzlich wieder im Gespräch, als seien sie eben passiert. Beides wirkt auf den zeitgenössischen Journalismus zurück: Es gibt heute so viel mehr Jetzt als früher. Dadurch überschätzt man das Jetzt leichter und empfindet den heutigen Alarm als viel wirkmächtiger als den von vorletzter Woche.

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2. Die alte Brille

"Unpresidented" war ein Versprecher von Trump, es sollte "unprecedented" heißen: "bisher ohne Beispiel". Seit einigen Jahren geschehen in dichter Folge Dinge, die uns vor zehn Jahren kaum vorstellbar schienen, Brexit, Trump-Wahl, Flüchtlingskrise, Corona-Pandemie. Tatsächlich aber ist einem Teil der medialen, politischen und wirtschaftlichen Eliten das Gefühl für Vorstellbarkeit abhandengekommen. Durch Digitalisierung und Globalisierung hat sich die Welt schneller und umfassender verändert als gedacht. Man schaut noch mit einer alten Brille auf die Welt, deren Blick bestimmt war von der Normalität des 20. Jahrhunderts. Die ist aber implodiert. Jede Schlagzeile "Es wird eng für Trump" müsste eigentlich lauten: "Nach den bisherigen Regeln und Gewohnheiten wäre es früher für Trump eng geworden."

Es ist schwer, diese alte Brille abzulegen, erst recht, wenn man sich kollektiv gegenseitig verstärkt: Journalisten orientieren sich oft an den Einschätzungen anderer Journalisten, was prinzipiell nicht verkehrt ist, sondern ein sinnhaftes Kollektivkorrektiv. Aber in unsicheren Zeiten werden so auch kollektive Fehleinschätzungen wahrscheinlicher. Weltweit.

8. Juni 2017, "Blick" 
"US-Medien: Es wird eng für Trump" (Grund: Comey-Anhörung)

4. August 2017, "Westdeutsche Zeitung" 
"Es wird eng für Trump" (Grund: Russlandsanktionen)

1. Dezember 2017, "Kölner Stadtanzeiger" 
"Jetzt wird es eng für Trump" (Grund: Flynn-Aussage)

31. Juli 2018, "Schwäbische Zeitung" 
"Für Trump wird es eng" (Grund: Russlandaffäre)

22. August 2018, "Rheinpfalz" 
"Es wird eng für Donald Trump" (Grund: Bevorstehende Kongresswahlen)

22. August 2018, "Süddeutsche Zeitung" 
"Jetzt wird es eng für Trump" (Grund: Manafort, Cohen)

22. August 2018, Stern.de 
"Wird es nun eng für Donald Trump?" (Grund: Manafort, Cohen)

12. Dezember 2018, OE24.at 
"Warum es nach Cohen-Haftspruch eng für Trump wird"

18. Dezember 2018, "Tagesanzeiger" 
"Es wird eng für Trump" (Cohen-Interview)

Diese Geballtheit wirkt leider nicht nur witzig. Auf diese Weise wird auch das Vertrauen in Massenmedien geschwächt, und zwar stärker, als es von innen scheinen mag. Ankündigungen, die dann nicht eintreten und auch nicht schlüssig aufgelöst werden, sind in Medien wie im persönlichen Leben ein sicheres Mittel, um der künftigen Kommunikation weniger Glauben zu schenken.

Dabei sind sprachliche Feinheiten gar nicht mehr so entscheidend. Ob als Frage formuliert, als Aussage oder als vorsichtige Vermutung, das ist zwar für den einzelnen Text relevant. In der Masse aber verschwimmen solche Details, und das Publikum stöhnt, warum Trump seit vier Jahren in der Enge vor sich hin präsidiert. Und ob die anderen politischen Einschätzungen denn auch so deutlich danebenliegen wie die ständige Engwerdung für Donald Trump.

15. Januar 2019, "Tagesanzeiger" 
"Für Trump wird es langsam eng" (Grund: Treffen mit Putin)

30. Mai 2019, "Yahoo Nachrichten" 
"Es wird eng für Trump" (Grund: Mueller-Untersuchung)

27. September 2019, "Bild" 
"Wie eng wird es für Trump?" (Grund: Ukraineaffäre)

30. September 2019, "FAZ" 
"Als das durch den Whistleblower rauskam, wurde es eng für Trump"

15. Januar 2020, n-tv 
"Wird's jetzt eng für Trump?" (Grund: Impeachment-Verfahren)

19. Juni 2020, "NZZ" 
"Es wird eng für Trump" (Grund: Corona)

Es geht nicht um eine Einzelformulierung, es geht um eine dahinter sichtbar werdende Haltung. Nachrichten dienen auch dazu, Gewissheiten herzustellen, und genau diese Funktion wird in chaotisch scheinenden Zeiten wichtiger. Eine einzelne falsche Gewissheit aber kann über Jahre aufgebautes Vertrauen schwer beschädigen. Erst recht, wenn sie nicht aufgearbeitet wird.

Ohne eine direkte Kausalität behaupten zu wollen, gibt es doch eine Verbindung zwischen dem 100.000-sten, unerfüllten "Jetzt wird es eng für Trump" zu "die Medien haben sich verschworen, um eine Wunschrealität herbeizuschreiben". Der größte gemeinsame Teiler lautet: "Es fällt mir immer schwerer zu glauben, was hier geschrieben steht." Die Extremismusforschung zeigt, dass Misstrauen gegenüber Medien eine der wichtigsten Grundlagen für Radikalisierungen aller Art ist.

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Es ist nicht so, dass eine simple Lösung für die Problematik existiert. Den unterdessen absurden Satz mit Trumps Enge-Crescendo wegzulassen, ist geboten, aber ändert ja nichts am Prinzip. Vielleicht aber könnte der erste Schritt für publizistisch Tätige sein, zuvor gelernte Selbstverständlichkeiten infrage zu stellen und eherne Gewissheiten erst recht. Offener mit den eigenen Unsicherheiten über den Verlauf der Welt zu arbeiten. Eine Fehlerkultur zu entwickeln, die es ermöglicht, transparent über eigene Irrtümer zu sprechen. Expertise nicht als Unfehlbarkeit, sondern als öffentlichen Lernprozess zu begreifen. Man kann aber natürlich auch das genaue Gegenteil tun und zum Superlativ greifen, es ist ein freies Land.

Heute, 1. Juli 2020, "Bild" 
"Es war noch nie so eng für Donald Trump!" (Grund: eigentlich auch schon egal)

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