Sascha Lobo

Judenhass bei der Documenta Willkommen auf der Antisemita 15

Sascha Lobo
Eine Kolumne von Sascha Lobo
Es gibt eine breite Antisemitismusakzeptanz in Deutschland. Ob man sich für konservativ, liberal oder links hält: Ein bisschen Judenhass ist offenbar okay.
Das Werk des Künstlerkollektivs Taring Padi in Kassel wurde am Dienstag abgebaut

Das Werk des Künstlerkollektivs Taring Padi in Kassel wurde am Dienstag abgebaut

Foto: Peter Hartenfelser / IMAGO

In Kassel findet seit ein paar Tagen die bedeutendste deutsche Kunstschau »antisemita fifteen« statt, Verzeihung, die »documenta fifteen« natürlich. Aber die Kunst ist in den Hintergrund getreten, weil um die Documenta eine Antisemitismusdebatte tobt. Die Art, wie diese Diskussion geführt wird, ist bezeichnend. Denn hier offenbart sich eines der größten, wenn nicht das größte der derzeitigen Probleme mit Antisemitismus in Deutschland. Es ist eine breite, bürgerliche Antisemitismusakzeptanz von Leuten, gleich ob sie sich für konservativ, liberal, aufgeklärt oder links halten, mit dem Leitgedanken: Ein bisschen Judenhass ist doch okay.

Die Documenta wird von Leuten verantwortet, die Judenhass als Teil von Kunst und Debatte akzeptieren. Das einzige, was sie dafür benötigen, ist eine Ausrede, wie wolkig und hanebüchen sie auch daherkommen mag. Und weil Antisemitismus schon immer eng verwoben war mit der Kunst der absurdesten Ausreden, warum der Hass gerechtfertigt oder sogar geboten sei, verschwimmen Judenhass und Judenhassakzeptanz zu einem antisemitischen Amalgam. Mit ganz konkreten Folgen in Form eines inzwischen berüchtigten, auf der Documenta zunächst ausgestellten Werks eines indonesischen Künstlerkollektivs. Darauf ist unter anderem zu sehen : ein Trupp Soldaten, über skelettierte Leichen marschierend, einer hat einen Schweinekopf, auf seinem Helm steht »Mossad«, auf seinem Halstuch prangt ein Davidstern. Ein Teufel, der angesichts dieses Marschs mit verzerrter Fratze lacht und einen Davidstern auf der Brust trägt. Eine argwöhnisch dreinschauende Figur mit blutunterlaufenen Augen, Vampirzähnen, gebogener Nase, Schläfenlocken, Kippa-artiger Kappe und darüber einem Hut, auf dem die »SS«-Runen prangen. Es gibt keine Lesart, nach der das nicht antisemitisch ist, egal aus welcher Perspektive, in welchem Land, in welchem Kontext: Das ist künstlerischer Judenhass in Reinform auf der Documenta; irgendetwas anderes zu behaupten, ist antisemitismusakzeptierendes Gelaber.

Der Ausredenkomplex, der von den Verantwortlichen auf kuratorischer und künstlerischer Seite bemüht wird, ist für die gegenwärtigen Debatten typisch, er kommt unter dem Deckmantel vorgeblicher kultureller Unterschiede daher. Die Documenta-Leitung hat eine schriftliche Reaktion veröffentlicht , in der das indonesische Künstlerkollektiv zitiert wird: »...die erste Präsentation des Banners in einem europäischen und deutschen Kontext. Sie steht in keiner Weise mit Antisemitismus in Verbindung. Wir sind traurig darüber, dass Details dieses Banners anders verstanden werden als ihr ursprünglicher Zweck.« Das bedeutet, dass beim Künstlerkollektiv nicht die allergeringste Einsicht vorhanden ist. Ein Schwein und ein Teufel mit Davidstern, ein Vampir mit Schläfenlocken: Das sei aus indonesischer Sicht nicht antisemitisch, sondern eben nur aus deutscher. Das ist grotesker Unfug, denn Antisemitismus ist leider universal, und derart plakativer Antisemitismus braucht zu seiner Dechiffrierung nicht unbedingt geschulte Fachkräfte. Wenig diskutiert wird bisher übrigens, dass auf dem antisemitischen Plakat in riesigen Lettern auf der Mütze eines Totenkopfs die Parole steht »The expansion of ›multicultural‹ state hegemony«. Darin kann man deutlich einen Verweis auf eine rechte Verschwörungstheorie sehen, nach der jede Form kultureller Vermischung zu bekämpfen sei.

Das Statement des Kollektivs verweist dann auf die inzwischen überholte Scheinlösung der Abdeckung: »Als Zeichen des Respekts und mit großem Bedauern decken wir die entsprechende Arbeit ab, die in diesem speziellen Kontext in Deutschland als beleidigend empfunden wird.« Wiederum tut man so, als würde die zutiefst antisemitische Bildsprache nur in Deutschland »als beleidigend empfunden«, was die Verantwortung verschiebt von den Künstlern hin zum Publikum mit dieser merkwürdigen, regionalen Fehlempfindung. Diese Sichtweise detoniert bereits im Lauf, wenn von jüdischen Israelis sehr eindeutige Einschätzungen kommen, ebenso wie von einer Vielzahl von Fachleuten. Aber sie appelliert eben an eines der jüngeren Ausredenmotive, das unter dem extrem unscharfen Schlagwort »Globaler Süden« die real vorhandenen Probleme des Kolonialismus, Rassismus und Eurozentrismus zur Rechtfertigung von Antisemitismus missbraucht. Aber Menschenrechte sind universal zu begreifen, deshalb kann es und darf es keine kulturellen Zugeständnisse an die Menschenfeindlichkeit geben.

Es gibt keine Kultur, in der Antisemitismus in Ordnung wäre. So, wie es auch keine Kultur gibt, in der Frauenhass, Rassismus, Homo- und Transphobie oder Behindertenfeindlichkeit akzeptabel wäre. Oder Diktatur, denn genau diese Rechtfertigungskomplexe verwendet auch die chinesische Regierung, um ihre Gewaltherrschaft zu rechtfertigen: Man verfolge eine »Chinese Style Democracy«, weil die Originaldemokratie ein koloniales Konzept sei, das man China aufzwängen wolle. Kritik an vorgeblich kulturellen Perspektiven, tatsächlich aber menschenfeindlichen Haltungen, wird instrumentell als kolonial oder rassistisch bezeichnet, damit das wohlmeinende Publikum zurückschreckt oder in die Akzeptanz gedrängt wird. Es ist in westlichen Debatten zu einem Einfallstor der Menschenfeindlichkeit geworden, das zu Recht vorhandene, schlechte Gewissen zu missbrauchen, um andere Vorurteile salonfähig zu machen. Nur so kann eine andere künstlerische Propagandaschleuder auf der gleichen Documenta ernsthaft in ihrer Kunst Israel mit Nazideutschland gleichsetzen. Was eine Verharmlosung des Holocaust, Dämonisierung von Israel und also durch und durch antisemitisch ist.

Dass das indonesische Künstlerkollektiv in perfider Genauigkeit weiß, welche Knöpfe es in der sehr weißen Kunstlandschaft drücken muss, erkennt man an seiner Schlussunverschämtheit: »Das Werk wird nun zu einem Denkmal der Trauer über die Unmöglichkeit des Dialogs in diesem Moment. Wir hoffen, dass dieses Denkmal nun der Ausgangspunkt für einen neuen Dialog sein kann.« Man muss sich noch einmal vergegenwärtigen: Das sagen Leute, die stolz ein Schwein mit Davidstern in ihr Kunstwerk eingebaut haben.

Das Künstlerkollektiv versteht unter Dialog, dass sein Judenhass gefälligst akzeptiert werde und man von da aus weiterreden könne. Es ist, als säße der Mörder auf der Leiche und würde jetzt verlangen, dass man zunächst seine spezielle Lebenssituation anerkenne. Nein Bro, zu spät. Aber die Leitung der Documenta schuf ein Fanal der Antisemitismusakzeptanz, indem sie nicht nur die Gruppe und das Kunstwerk zuließ, sondern zunächst als einzige ernsthafte Konsequenz die Verhüllung betrachtete. Folgerichtig, wenn man nicht das Werk selbst für das Problem hält, sondern die Reaktion des überempfindlichen Publikums. Um es noch schlimmer zu machen, ist eine sehr weiße, sehr deutsche Perspektive, den Antisemitismus von Rassismusbetroffenen nicht so richtig ernst zu nehmen, sondern zur kulturspezifischen Besonderheit zu verklären. Der Soziologe Armin Nassehi twitterte dazu : »Der Globalersüdenkitsch und das geschäftsmäßige schlechte Gewissen dieses kunstorganisierenden Milieus nimmt Leute aus Asien, Palästina usw. erst recht nicht ernst, indem sie hier nicht genau hinsehen. Das ist eine koloniale Geste, nicht die Kritik an Schund.«

Dabei hätte man das alles wissen können, nein: müssen. Nicht nur Verbände, sondern auch eine Reihe von Medien, vor allem die »Welt«, haben schon im Vorfeld berichtet, und zwar über die einschlägig bekannten Teilnehmenden an der Documenta sowie über die verräterische Abwesenheit von Israelis. Immer wieder wurde die Befürchtung einer antiisraelischen und antisemitischen Färbung der Kunstschau geäußert. Besonders groß war das Echo zunächst nicht, denn im Umgang mit Medien von Axel Springer schwingt – hinter vorgehaltener Hand geäußert – oft der Vorwurf der besonders »israelfreundlichen«, um nicht zu sagen »judenfreundlichen« Berichterstattung mit, weil das Unternehmen das Existenzrecht Israels in seinen Leitsätzen verankert hat. Axel Springer sehe deshalb halt überall Antisemitismus, lautet eine oft geraunte Unterstellung. Leider wird umgekehrt ein viel besser passender Schuh daraus: Antisemitismus, vor allem auch israelbezogener Antisemitismus kommt sehr, sehr viel häufiger vor, als ein großer Teil der medialen und gesellschaftlichen Öffentlichkeit wahrhaben möchte.

Zentral für diese Verschiebung ist eine Antisemitismusakzeptanz, die im Judenhass eine hinnehmbare Menschenfeindlichkeit sieht. Die vielen Warnungen über Wochen und Wochen kamen ja nicht aus dem Nichts. Sie bezogen sich zum Beispiel auf die BDS-Nähe einiger Kunstschaffender (BDS ist die antisemitische Bewegung, die Israel boykottieren, sanktionieren und wohl am liebsten vernichten möchte). Wenn man solche Leute dazuholt, bekommt man genau das, was jetzt in den Händen der Veranstaltenden explodiert ist: Judenhass mit Deko-Schleifchen. Und doch taten nicht nur die Documenta-Verantwortlichen, sondern auch ein Teil der Medien und die indirekt mitfinanzierende Kulturstaatsministerin Claudia Roth jede Sorge ab.

Zur Aufarbeitung des Judenhassdebakels muss gehören, diese Fehler einzugestehen und daraus zu lernen: Wer Antisemiten einlädt, erntet eine »Kunstmesse der Schande«  (»Bild«-Zeitung), eben die antisemita fifteen. Entweder die betreffenden Antisemitismusakzeptierenden lernen daraus, öffentlich und nachvollziehbar. Oder sie können sich ihr lieb gemeintes »Nie wieder«-Gedenken beim nächsten Mal in die BDS-Haare schmieren.

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