Sascha Lobo

Quatschargumente statt Fakten Die falschistische Gefahr

Sascha Lobo
Eine Kolumne von Sascha Lobo
Wenn Regierende irrationale Ängste zur Basis ihrer Entscheidungen machen, kann aus grobem Unfug eine gefährliche Realität werden. So etwa in Krefeld, wo die Maskenpflicht bei Kindern abgeschafft wurde.
Nordrhein-Westfalens Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann: »Du musst jetzt die Masken abschaffen«

Nordrhein-Westfalens Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann: »Du musst jetzt die Masken abschaffen«

Foto: Noah Wedel / Kirchner-Media / IMAGO

Man könnte es »Falschismus« nennen, das »l« ist wichtig. Klar. Falschismus ist die Akzeptanz von grobem Unfug als vollkommen ernst zu nehmende Meinung. In der deutschen Öffentlichkeit ist Falschismus allgegenwärtig und manchmal verstörend mächtig. Er mündet schnell in eine gefährliche Politesoterik, wo Entscheidungen aufgrund von Quatschargumenten getroffen werden. Auch wenn Falschismus auf den ersten Blick simpel anmuten mag – handelt es sich um eine durchaus komplexe, gesellschaftliche Angelegenheit. Denn alles dreht sich um die Frage, was genau grober Unfug ist, sprich: Was ist so eindeutig und nachweisbar und einfach erklärbar falsch, dass es nicht ernst genommen werden darf, weil es auf gefährliche Weise in die Irre führt?

Ein Klassiker des Falschismus wäre, in einer Diskussion um die Vermessung des Planeten auch die Meinung einzubeziehen, die Erde sei eine Scheibe. Daran lässt sich gut erkennen, worin genau eine der Gefahren besteht: Falschismus kann Problemlösungen vergiften und sogar verhindern. Leider ist die Diagnose Falschismus im Alltag meist weniger einfach – und trotzdem notwendig, wie man an einem aktuellen Beispiel erkennt. Denn Falschismus ist wenig verwunderlich rund um die Pandemie erneut offensichtlich geworden.

Regierungsentscheidungen auf Basis von faktischem Unfug

Der nordrhein-westfälische Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann zwingt die Stadt Krefeld, die Maskenpflicht in den Klassenräumen an Krefelder Schulen aufzuheben . Die Stadt hätte sie gern beibehalten, es gibt aktuell an insgesamt 36 Schulen Coronafälle. In der Pressekonferenz lässt Laumann durchblicken , weshalb: »Ich kann Ihnen nur sagen, dass vor drei oder vier Wochen meine Mail-Lage so war, dass man gesagt hat ›Du musst jetzt die Masken abschaffen! Du erstickst unsere Kinder!‹«

Die zitierte Aussage ist grober Unfug. Durchschnittliche, gesunde Kinder ersticken nicht, wenn sie ein paar Stunden durch Masken atmen müssen (Erwachsene natürlich auch nicht). Die nordrhein-westfälische Regierung mit ihrem neuen Ministerpräsidenten Hendrik Wüst zeigt hier mustergültig die Gefahr des Falschismus auf, Entscheidungen auf Basis von faktischem Unfug. Die dazu noch eine Bedrohung für Leib und Leben darstellen können.

Noch etwas schlimmer wird die Gesamtsituation, weil Laumann im Verlauf der Pressekonferenz deutlich macht, dass er selbst nicht an den Unfug glaubt, sondern die Schutzwirkung von Masken sehr genau kennt. Die meisten Kinder sind nach wie vor ungeimpft, die Luftfiltersituation in Schulen ist, vorsichtig gesprochen, uneinheitlich bis unterprächtig, und Abstand zu halten, ist in voll besetzten Klassen unmöglich. Masken sind quasi der einzige Schutz für Kinder in Klassenräumen – trotzdem verbietet Laumann die Maskenpflicht.

Die Jugendorganisation der AfD, die noch etwas radikalere Junge Alternative, hat um 2015 eine Art Selbstverständnis formuliert. Die Aussagen sind noch heute auf einer »Über Uns«-Seite des JA-Landesverbandes Baden-Württemberg zu bestaunen . Dort steht wörtlich: »Auch mutige, fragwürdige oder irrsinnige Meinungen verdienen es, gehört zu werden.« Dass wir uns nicht missverstehen: Natürlich dürfen irrsinige Meinungen geäußert werden, aber dass irrsinnige Meinungen gehört werden sollen, ist bereits eine irrsinnige Meinung. Ein furioser Zirkelschluss also: Falschismus in Reinform. Weil es, wie das Beispiel Laumann gut illustriert, am Ende nicht nur um »gehört werden« geht. Sondern darum, wie viel Rücksicht man auf Unfug nehmen kann oder darf oder eben nicht darf.

Falschismus als Dünger für faschistische Bewegungen

Falschismus ist, wenn man ihn wie eine Zwiebel Schicht um Schicht abschält, natürlich nicht neu. Eine Keimzelle des aktuellen Falschismus könnte – wie auch anders – im »Dritten Reich« liegen, zumindest indirekt. Als die jüdische Philosophin Hannah Arendt 1949 nach Deutschland zurückkommt, um nach ihrer Flucht vor den Nazis das Land zu analysieren, schreibt sie: »Der wohl hervorstechendste und auch erschreckendste Aspekt der deutschen Realitätsflucht liegt in der Haltung, mit Tatsachen so umzugehen, als handele es sich um bloße Meinungen.« Diese von Arendt beschriebene Selbsttäuschung funktioniert nur, wenn man die Grenzen zwischen Tatsachen und Meinungen einreißt. Im Umkehrschluss behandelt man dann nicht nur Tatsachen wie Meinungen, sondern sieht in Meinungen plötzlich auch Fakten. Zumindest herbeigefühlte Fakten.

Laumann sagte in der erwähnten Pressekonferenz  auf die Frage, ob die Angst vor Masken nicht Humbug sei: »Ich würde mit Ängsten von Menschen nicht umgehen und sagen ›Das ist Humbug‹.« Das hört sich irgendwie edelmütig an und ist doch Kern des Problems, also Kern des Falschismus. Denn nicht alle Ängste sind gleich. Gezielt geschürte und irrationale, aber lange überlieferte Ängste sind die Basis für die meisten gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeiten, von Rassismus und Antisemitismus bis zu den vielen Geschlechter- und Sexualitätsfeindlichkeiten.

Im Wort Homophobie – man muss es mit Homosexuellenhass übersetzen – ist die Angst (griech.: -phobie) sogar noch im Wort vorhanden. Aufklärung bedeutet, bei bestimmten Ängsten zu sagen: Sorry Leute, das ist gequirlter Quark, bildet euch, entwickelt euch weiter, aktualisiert euer verbogenes Bauchgefühlsspektrum. Nicht jeder Falschismus mündet in Faschismus, und Deutschland ist kein faschistisches Land und auch nicht in unmittelbarer Gefahr, erneut eines zu werden. Aber Falschismus wirkt wie ein Dünger für faschistoide Bewegungen.

Regieren nach Gefühlen kann durchaus legitim sein

Und trotzdem ist es gefährlich, überall Falschismus zu wittern, wo es um Gefühle, Ängste oder Irrationalitäten geht. Gefühle, erst recht massenhaft empfundene, können durchaus legitime und sinnvolle Entscheidungskriterien sein. Für Ängste gilt das ebenso – es gibt Ängste, die sich nicht einfach mit einem Pfund Rationalität wegargumentieren lassen und sogar Basis politischer Entscheidungen sein müssen.

Das macht Falschismus zu einer komplexeren Angelegenheit, als Aktivisten aller Art glauben. Bezogen auf Ängste erkennt man das an den Fragen, die das eigene politische Lager betreffen. Für Linke: Warum soll man die Angst vor Atomenergie und grüner Gentechnik unbedingt ernst nehmen, die oft vorhandene Angst vor Multikulti aber nicht? Für Konservative: Warum soll die Angst vor strukturellem Rassismus übertrieben sein, aber der Angst vor geschlechtergerechter Sprache muss mit sprachpolizeilichen Verboten begegnet werden?

Zur Erklärung und Positionierung – persönlich habe ich zu jedem angesprochenen Thema eine recht eindeutige Haltung: Atomenergie nein danke, grüne Gentechnik notwendig, offensiv wertebasierte Multikulturalität Teil der Lösung, struktureller Rassismus ein zu bekämpfendes Problem, geschlechtergerechte Sprache ein wichtiger Aspekt des gesellschaftlichen Fortschritts.

Die jeweiligen Ängste kann ich partiell dennoch nachvollziehen. Sie fußen zum Teil auf Argumenten, die nicht sämtlich als Falschismus abgetan werden können. Die Angst vor Atomenergie lässt sich mit Tschernobyl und Fukushima eindrücklich begründen, die Angst vor grüner Gentechnik ist oft esoterisch, aber das Potenzial für Schindludertreiberei ist bei Gentechnik groß. Die Angst vor Multikulti ist begründbar durch viele Beispiele drastisch misslungener Integration. Struktureller Rassismus macht das Leben nichtweißer Menschen gefährlicher und kann töten, die konservative Angst vor geschlechtergerechter Sprache steht oft als Symbol für die Angst vor einer sich manchmal autoritär gebärdenden, progressiven Weiterentwicklung der Gesellschaft. Es kommt also darauf an, welche Ängste wie begründet werden, um sagen zu können, was falschistisch ist und was nicht.

Das ist nicht trivial, weil Erkenntnisse und Aussagen, die noch vor dreißig Jahren als sinnvoll oder akzeptabel galten, genau das heute nicht mehr sind. Weil sich die Öffentlichkeit, die Gesellschaft, die Welt weiterentwickeln. Im 20. Jahrhundert war es normal, »Ärzte« zu sagen und Ärztinnen mitzumeinen, inzwischen hat sich das Bild gewandelt. Nicht bei allen, aber bei vielen, selbst bei Erzkonservativen. Sonst würde Friedrich Merz höchstselbst – des Vorwurfs der Progressivität enorm unverdächtig – ja nicht sagen: »Bürgerinnen und Bürger« . Sondern nur »Bürger«.

Das erklärt wiederum das Unverständnis vieler Progressiver für die konservative Sprachpolizei der Gender-Gegner: Auf der einen Seite durch die eigenen Worte zu zeigen, dass bei »Bürger« Bürgerinnen eben nicht nicht mitgemeint sind – und auf der anderen Seite Bemühungen für eine genau deshalb gerechtere Sprache als Gender-Gaga zu diskreditieren . Das wird als bigott betrachtet. Daraus ergibt sich die vielleicht größte Schwierigkeit rund um den Falschismus: Konsistenz. Also die Frage, wo Irrationalitäten noch akzeptabel sind und wo sie nicht mehr als relevant miteinbezogen werden dürfen.

Die größte Gefahr aufseiten der Progressiven: Jede Gefühlsregung vorschnell als Falschismus zu brandmarken. Die größte Gefahr auf konservativer Seite ist, Falschismus wider besseres Wissen zur Politik zu machen. Welche Ängste warum ernst genommen werden, hat unglaublich großen Einfluss auf die Gesellschaft. Umso wichtiger, dem Falschismus entschieden entgegenzutreten.

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