Sascha Lobo

Coronapandemie Warum wird Kindern so viel zugemutet?

Sascha Lobo
Eine Kolumne von Sascha Lobo
In vielen Bundesländern hat die Schule schon wieder angefangen, doch effektiven Coronaschutz für Kinder gibt es noch immer nicht. Der Grund dafür ist so alt wie traurig.
Eine erste Klasse in Rostock geht in ihren Klassenraum: Größte Ansammlungen Ungeimpfter in geschlossenen Räumen

Eine erste Klasse in Rostock geht in ihren Klassenraum: Größte Ansammlungen Ungeimpfter in geschlossenen Räumen

Foto: Jens Büttner / dpa

Am 1. September 2021 befinden wir uns im Jahr zwei der globalen Pandemie, die 20 Monate zuvor im Januar 2020 auch in Europa begonnen hatte. Vor diesem Hintergrund lässt sich frohen Mutes ein kleines Ratespiel veranstalten: Wieviel Euro Förderung des Bundes sind bereits für mobile Luftfilteranlagen in Kindergärten und Schulen geflossen? An die Orte also, wo sich nach den Sommerferien die größten Ansammlungen Ungeimpfter in geschlossenen Räumen befinden?

Die richtige Antwort dürfte lauten: Null Euro. Wenn nicht in den letzten Tagen blitzartig Gelder geflossen sind, von denen wir noch nicht wissen. Doch das ist eher unwahrscheinlich – womit wir bei den zwei Gründen für dieses erstaunliche Versäumnis wären. Einer davon ist konkret, der andere lässt einen vor Wut rasen.

Der konkrete ist, dass entsprechende Anträge seit dem 27. August 2021  überhaupt erst gestellt werden können. Ging vorher nicht , weil – je nachdem, wen man fragt – entweder der Bund oder die Länder blockierten, irgendeine Unterschrift fehlte und eine Verwaltungsvorschrift des Bundes geändert werden musste. Wenn man die Erfahrung aus den Novemberhilfen für Unternehmen als Muster begreift, dann dürfte die Auszahlung um den Spätsommer 2031 beginnen.

Der andere, vor Wut rasend machende Grund für das Versagen gegenüber den Jüngsten ist die prinzipielle Geringschätzung, mit der dieses Land seinen Kindern begegnet. Dass man fast anderthalb Jahre lang sich getraut hat, Lüften als wichtigste Coronamaßnahme bei Kindern vorzuschlagen. Statt die anderthalb Milliarden Euro für Luftfilter in Klassenräumen zu besorgen, als man im Spätsommer 2020  auch für Theater, Museen und Parlamentsgebäude plante.

Der Teufel Demografie

Die Geringschätzung war natürlich schon vor Corona da, die deutsche Kindermissachtung lässt sich neben vielen anderen Daten an einem beschämenden Wert festmachen. Als Angela Merkel 2005 Kanzlerin  wurde, waren 19,5 Prozent der Kinder in Deutschland armutsgefährdet. 2020 betrug dieser Wert 21,3 Prozent, und besser lässt sich kaum ausdrücken, dass Kinder einfach politisch vernachlässigbar sind. Um Interpretationsspielchen zu vermeiden – die Zahlen stammen von der Bertelsmann Stiftung , die nicht unbedingt als Speerspitze des Sozialismus bekannt ist. Diese Entwicklung ist um so beschämender, als die wirtschaftliche Entwicklung der letzten zehn Jahre in Deutschland spektakulär gut war. Und dass es eine Reihe von Reformen und Maßnahmenpaketen gab, die zumindest Kinderarmut hätten eingrenzen sollen. Nicht passiert, offensichtlich. Aber natürlich ist die Politik nicht immer überall für alles alleinverantwortlich.

Die Überalterung der Gesellschaft hat die Interessenlage verschoben. Der Teufel Demografie schlägt erbarmungslos zu, bei der kommenden Bundestagswahl wird es dreimal so viele Wählende über 60 geben wie Wählende unter 30 Jahren. Rentner sind politisch wichtiger als Kinder und ihre Eltern zusammen. Leider lassen sich Eltern aber traditionell auch immer und immer wieder mit Lippenbekenntnissen abspeisen, Kinder seien voll wichtig. Und bald gäbe es auch ganz bestimmt einen tollen, preiswerten Kitaplatz.

Und so konnten 15 Jahre verbockter Digitalunterricht in der Merkel-Ära geschehen. So konnten Bund und Länder die zweiten pandemischen Sommerferien in Folge unvorbereitet erscheinen und in guten Teilen immer noch sein. So kommt es, dass stationäre Luftfilter in Amtsgebäuden seit Oktober 2020 gefördert werden, in Schulen und Kitas aber erst seit Juni 2021 . Und mobile Luftfilter erst seit ein paar Minuten. Irgendwie scheinen Kinder aber nicht nur in der Politik, sondern auch bei den Wählenden keine überragend hohe Priorität zu genießen. Denn der einzige Grund, warum die CDU nicht bei 40 Prozent steht, ist, dass Angela Merkel nicht wieder antritt.

Die Abschaffung der Inzidenz gefährdet Kinder

Die wahrscheinlich bitterste Erkenntnis im Rahmen der deutschen Kindermissachtung in Zeiten von Corona ergibt sich, wenn man verschiedene ineinander passende Puzzlestücke zusammensetzt: Es gibt keinen Impfstoff für unter 12-Jährige, die Schulen sollen offen gehalten werden, die Quarantäneregeln für coronabetroffene Schulen wurden auf ein Minimum zusammengekürzt, nach qualifizierten Schätzungen sind höchstens 30 Prozent der Klassenräume mit Luftfiltern ausgerüstet – und soeben wurde auch die Inzidenz als wichtigster Maßstab ersetzt durch die Hospitalisierungsrate. Kinder stecken sich zwar etwa so schnell an wie Erwachsene, müssen aber deutlich seltener ins Krankenhaus. Das heißt, selbst wenn eine unfassbare Zahl von Kindern sich anstecken sollte, müssen nicht zwingend Maßnahmen eingeleitet werden. Smells like Kinderdurchseuchung durch die Hintertür.

Man muss sich viel Mühe geben, um genau darin nicht die faktische Strategie der Bundesregierung zu sehen. Davor warnt etwa der Virologe Martin Stürmer : »Wir laufen auf eine Durchseuchung bei unter 12-Jährigen hinaus, weil in vielen Ländern die Politik die Inzidenz aufgeben wird beziehungsweise schon aufgegeben hat, ohne adäquat Alternativen für die unter 12-Jährigen zur Verfügung zu stellen«.

Kinderdurchseuchung darf keine Strategie ersetzen

Tatsächlich ist Corona für sehr junge Menschen nach bisherigen Erkenntnissen eine deutlich weniger bedrohliche Pandemie als für ältere. Aber harmlos ist sie deshalb überhaupt nicht, auch weil immer mehr Spätfolgen auch bei leichten Verläufen bekannt werden. Kinderdurchseuchung darf schon deshalb nicht an die Stelle einer echten Strategie treten, weil Delta nicht das letzte Wort des Virus gewesen sein dürfte. Und schon der Unterschied zwischen dem Wildtyp und der Delta-Variante ist gerade für Kinder extrem relevant. Eine Kinderdurchseuchung würde zudem bedeuten, dass elf Millionen kleine Virenschleudern durch Deutschland rennen und noch jeden Winkel mit Corona versorgen. Also auch diejenigen, die sich bisher einigermaßen schützen konnten, obwohl sie sich aus gesundheitlichen Gründen nicht impfen lassen können.

Der Präsident des deutschen Lehrerverbandes  rechnet die Zahlen aus den USA hoch, um zu einer Einschätzung für schwere Verläufe und Krankenhauseinweisungen bei Schülerinnen und Schülern zu kommen: »Wenn man das überträgt auf die Schülerzahl in Deutschland, also etwa elf Millionen, dann könnte das bis zu 200.000 Schüler im Worst Case betreffen.« Selbst wenn es wie in Großbritannien besser laufen sollte, bleibt das bittere Gefühl, dass Kinder zwar anderthalb Jahre lang auf alles Mögliche verzichten mussten. Dass aber umgekehrt Erwachsene weder rechtzeitig Luftfilter für Schulen besorgen konnten noch sich in ausreichender Zahl haben impfen lassen, um die unimpfbaren Kinder zu schützen .

Es bleibt die eine große, tonnenschwere Frage, schon vor Corona, aber durch Corona eben mit ganz besonderer Dringlichkeit. Warum wird Kindern eigentlich so unfassbar viel zugemutet? Sie lässt sich mit einem einfachen, aber eindrucksvollen Vergleich beantworten. Es gibt in Deutschland 14,5 Millionen Eltern  minderjähriger Kinder, aber 21 Millionen ADAC-Mitglieder . Und genau so fühlt es sich ja auch an.

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