Schäubles Remix-Wahlplakate Katastrophal viral

Internetwahlkampf will gelernt sein. Die SPD blamiert sich mit witzlosen Videos, doch die CDU findet unverhofft Publikum für ihre Plakate: Ein Blog hat einen Remix-Satirewettbewerb gegen Wolfgang Schäuble gestartet und ist damit ungemein erfolgreich. Nur beschwert sich jetzt die Minister-Fotografin.

Viral für sich zu werben ist ein schwieriges Unterfangen. Damit sich eine Botschaft im Internet von allein verbreitet, muss sie entweder sehr überraschend, sehr interessant oder wenigstens sehr lustig sein.

Alles Attribute, die man mit den Parteien im deutschen Bundestag nicht auf Anhieb verbinden würde.

Entsprechend schwer tun sich die Parteien damit, den immer wieder mit viel Tamtam angekündigten Internetwahlkampf in die Tat umzusetzen. Versuche wie die offenbar unterhaltsam gemeinten YouTube-Videos  des SPD-Wahlkampfteams dürften einmal mehr jämmerlich scheitern - weil sie einfach nicht komisch sind. Da machen drei ältere Herrschaften Wortspiele über Atompolitik. Viel mehr ist zu dem Werk nicht zu sagen.

Einen viralen Achtungserfolg konnte dagegen die Union verbuchen - unfreiwillig.

Ein Remix-Wettbewerb, bei dem Internetnutzer zur Umdeutung eines CDU-Plakats mit Innenminister Wolfgang Schäuble aufgefordert wurden, ist ein sensationeller Erfolg im Netz. Mehr als 170 Einsendungen  gab es schon, überwiegend mit Neuinterpretationen des Plakatslogans "Wir haben die Kraft für Sicherheit und Freiheit".

Der Haken: Der Wettbewerb wurde gar nicht von der CDU ausgerufen, und auch seine Ergebnisse dürften den Wahlkämpfern der Union eher missfallen. Aus "Sicherheit und Freiheit" wird da unter anderem "Sichere Unfreiheit" (siehe Fotostrecke).

"Online-Wahlkampf ein bisschen aufmischen"

Ob Vorratsdatenspeicherung, Online-Durchsuchung oder Ursula von der Leyens Kinderpornografie-Filter - diese Gesetze haben im Netz viele Gegner, und diese Gegner haben sich das Schäuble-Plakat vorgenommen. Sie haben Satire daraus gemacht.

Inzwischen gibt es sogar einen Remix-Automaten - ein findiger Web-Entwickler hat eine Seite aufgesetzt, in die man nur den gewünschten Text eintragen muss, dann wirft sie ein entsprechend bedrucktes Plakat als PDF aus .

Markus Beckedahl vom Blog Netzpolitik.org  hat den Remix-Wettbewerb ausgerufen, weil das Motiv "geradezu dazu eingeladen" habe. Wieso? Ihn habe irritiert, dass "ausgerechnet eine Partei, die in den vergangenen Jahren massiv Freiheitsrechte zugunsten vermeintlicher Sicherheit eingeschränkt" habe, nun mit diesem Slogan werbe, sagt Beckedahl SPIEGEL ONLINE. Man habe "den Online-Wahlkampf ein bisschen aufmischen" wollen.

Netzpolitik.org befasst sich schon lange mit solchen Themen. Spätestens seit Verabschiedung von Ursula von der Leyens Filtergesetz aber sind weite Teile der deutschen Netzöffentlichkeit stark politisiert. Schon öfter wurde angekündigt, man werde den Koalitionsparteien in Sachen Netzwahlkampf einen Strich durch die Rechnung machen.

Auch die "Schäublone" nahm die CDU gelassen

Die CDU hat sich bei Beckedahl bislang nicht über die Aktion beschwert. Überhaupt haben sich die Unionsparteien geradezu vorbildlich verhalten, was den Umgang mit humoristischer Kritik aus dem Netz angeht. Auf den bösen Spitznamen "Zensursula" reagierte Familienministerin von der Leyen höchst gelassen, geradezu heiter: "Meinen Spitznamen finde ich patent. Viel Feind, viel Ehr." Gegen die "Schäublone" genannte Bilddatei mit einem stilisierten Wolfgang Schäuble und der Bildunterschrift "Stasi 2.0" wurde nie vorgegangen, mittlerweile findet sie sich auf zahllosen Web-Seiten, T-Shirts, Aufklebern und Postern.

Ein von SPIEGEL ONLINE angefragter Kommentar der Union zu den neuen Plakat-Verballhornungen steht noch aus. Dafür hat jedoch die Fotografin reagiert , deren Schäuble-Bild für das Originalplakat verwendet wurde. Laurence Chaperon  schrieb Beckedahl eine E-Mail, in der sie der Meinung Ausdruck verlieh, diese Nutzung ihres Bildes sei nicht rechtens. Sie möchte nicht, dass ihre Bilder für "Wettbewerbe" und "Diffamierung" benutzt werden.

Inzwischen habe er auch mehrmals mit Chaperon telefoniert, berichtet Blogger Beckedahl. Man sei dabei, sich in dieser Frage anzunähern. Der SPIEGEL ONLINE von der Fotografin zugesagte Rückruf und damit auch ein offizieller Kommentar ihrerseits steht noch aus.

Gebracht hat ihr Protest jedenfalls bisher nichts. Ein unbekannter Nutzer hat die Bilder-Remixe bei Flickr eingestellt , eine ganze Reihe von Blog-Einträgen verweist bereits auf die Sammlung.

Bei der CDU , die das Bild von Chaperon lizenziert hat, heißt es, die Bilder dürfen "für redaktionelle Zwecke unter Angabe des Bildnachweises, sowie des Fotografen (soweit genannt) kostenlos verwendet werden". Beckedahl betrachtet auch satirische Auseinandersetzung mit dem Wahlkampf als redaktionelle Berichterstattung - und bekommt dabei Unterstützung von Juristen.

Lawblogger Udo Vetter beispielsweise ist der Meinung , Chaperon könne "die Löschung nicht verlangen". Im Zweifel, glaubt er, könnten höchstens die CDU oder Schäuble persönlich gegen die Bilder vorgehen - wenn durch eine der Neubearbeitungen der Tatbestand der Beleidigung erfüllt sei.

Verändert werde aber ja nicht Chaperons Foto, sondern das daraus entstandene CDU-Plakat - das wiederum zur redaktionellen Verarbeitung freigegeben ist. Vetters Urteil: Es sei juristisch "längst geklärt, dass derjenige, der Pressematerial zur Verfügung stellt, keine Einschränkungen zur inhaltlichen Verwendung machen kann".

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